Die Fuzo wird zur Feiermeile

Fotos (3): Heinz Gebhardt

40 Jahre autofrei! Großes Festprogramm zum Geburtstag der Shopping-Straße

MÜNCHEN Es war seine letzte Amtshandlung – doch sie veränderte München für immer: Als Hans-Jochen Vogel (SPD) am 30. Juni 1972 an seinem letzten Tag als Oberbürgermeister die Fußgängerzone eröffnete, hinterließ er eine neue Innenstadt: Statt Autos und Trams schoben sich Fußgänger auf 900 Metern durch die Neuhauser, Kaufinger-, Wein- und Residenzstraße sowie über den Marienplatz. Von nun an wurde das Herz der Stadt mit Füßen getreten – und die Münchner liebten es. Manche halten die „Fuzo“ für eine seelenlose Konsummeile, doch die Zahlen sprechen für sich: Bis zu 17 000 Passanten laufen hier stündlich durch, der Einzelhandel macht jährlich 2,8 Milliarden Umsatz. Die Ladenmieten steigen, derzeit sind’s 250 Euro pro Quadratmeter. Deshalb will die Stadt-SPD die Fußgängerzone gebührend feiern – im Juni 2012, wenn sie 40 Jahre alt wird. Fraktionschef Alexander Reissl wünscht sich eine Feiermeile mit „Musik, Kunst und Kultur“ – am besten zum Stadtgründungsfest Mitte Juni. Die Händlervereinigung „City-partner“ ist laut Geschäftsführer Wolfgang Fischer begeistert von der Idee: „Wir haben die erfolgreichste Fußgängerzone Deutschlands, das allein ist ein Grund, toll zu feiern.“ Citypartner wünscht sich den Festakt aber am 30. Juni – und dazu ein langes Shopping-Wochenende mit verkaufsoffenem Sonntag, bei dem neben Läden auch Museen und städtische Einrichtungen geöffnet sind. Die SPD wittert da mehr Konsum als Kultur und lehnt die Idee ab. Alt-OB Vogel werden solche Zwistigkeiten wurscht sein – er erinnert sich lieber an seinen großen Wurf. „Ich wollte einen Platz der Ruhe im Herzen Münchens“, sagt er Hallo. Deshalb trieb er die Idee, die von Stadtentwicklern 1963 geboren worden war, voran. Der Zeitpunkt war günstig: Der Marienplatz war wegen des U-Bahnbaus für die Olympischen Spiele ohnehin Baustelle. Davor fuhren hier 75 000 Autos und 1400 Trams, 500 000 Menschen querten den Platz – täglich. „So konnte er als architektonisches Ensemble überhaupt nicht wirken“, sagt Vogel. „Die meisten saßen ja knapp über dem Boden, gebückt, in Autos und Trams.“ Gegner gab es nur im Kreis der Geschäftsleute. „Sie befürchteten Umsatzeinbußen, wenn keine Autos und Trams mehr fahren würden“, sagt Vogel. „Das war ein Irrtum.“ Wenig später hätten viele eine Erweiterung ins Tal und in die Sendlinger Straße gefordert – Pläne, die wieder aktuell sind. Was daraus werden könnte, sagt Grünen-Stadtrat und Verkehrsexperte Paul Bickelbacher (s. unten): Er blickt zurück auf vier Jahrzehnte Fuzo und erklärt, was die Zukunft bringen könnte. Thomas Gautier Hallo-Spezial: Der Wandel der Einkaufsmeile in vier Jahrzehnten: Die 70er: Eröffnung mit Waldi-Parade – Am 30. Juni 1972 eröffnet OB Hans-Jochen Vogel die Fußgängerzone. Wenige Wochen später der erste Höhepunkt: 800 Dackel ziehen durch die plötzlich autofreie Straße (Foto rechts). Die „Waldis“ sind die Maskottchen der Olympischen Sommerspiele. Paul Bickelbacher erinnert sich an die ersten Eindrücke der Münchner: „Die Fußgängerzone war eine große Wohltat, denn davor herrschte mit all den Autos und Trams ziemliches Chaos (Foto) – und auf den Gehsteigen gab es kaum Platz. Nach dem Umbau flanierten die Münchner unter den charakteristischen Straßenlaternen und zwischen sechseckigen Beton-Blumenkübeln. „Für mich war die Fuzo der Inbegriff der Stadt“, sagt Bickelbacher. „Ich kam ja aus einem 5000-Einwohner-Ort.“ Noch gibt es viel Platz in der Neuhauser und Kaufingerstraße. Doch das ändert sich bald... Die 80er: Trubel am Tag, tote Hose am Abend – 1983 geht der Student Paul Bickelbacher in die Fußgängerzone, um Geld zu sparen. „In einer Stunde lief ich die Straße auf und ab und verglich Preise“, erzählt der Grüne. „Ich hatte den vollen Marktüberblick.“ In der Neuhauser und Kaufingerstraße beherrschen Filialen der Ketten Kaufhof, Karstadt, Kaufhalle und Woolworth das Bild. „Das waren Besuchermagnete“, sagt Bickelbacher, „es war faszinierend, alles unter einem Dach zu bekommen.“ Der Platz wird knapper, die Fuzo wird zur „Rempelmeile“. Abends und am Sonntag aber ist die Zone „tot“, erinnert sich Bickelbacher. „Es gab kaum Gastronomie, man konnte nur bis zum frühen Ladenschluss einkaufen.“ Einzige Ausnahme: Die Straßenmusiker, die für ein bisschen Stimmung sorgen. Die 90er: Bäume und Geschäfte aus aller Welt – Die Fuzo wird international: Ketten machen sich breit, 1994 eröffnet der Fast-Food-Konzern McDonald’s eine Filiale am Stachus, die schnell zu einer der meistbesuchten der Welt wird. Außerdem stellt die Stadt als Schmuck exotische Palmen um den Richard-Strauss-Brunnen vor dem Statistischen Amt auf. „Ansonsten gab es kaum Veränderungen in der Einrichtung“, erinnert sich Bickelbacher. Die Betonblöcke und die Straßenlaternen aus den 70er-Jahren sind vielen zwar zu verstaubt, doch die Stadt ändert nichts daran – und das bleibt erstmal so: „Der Stadtrat hat entschieden, dass sie bleiben, die Fußgängerzone ist praktisch ein Denkmal“, sagt Bickelbacher. Die Besucherzahl steigt dagegen rasant: Die Läden haben länger auf, neue Restaurants halten die Menschen auch abends in der Zone. Die 00er: Platzhirsche und ganz neue Pläne – Heute ist die Fußgängerzone völlig anders als vor 40 Jahren. „Mittlerweile gehören 70 Prozent der Geschäfte zu internationalen Ketten“, sagt Bickelbacher. Die Mieten steigen in schwindelnde Höhen, 100 Quadratmeter kosten monatlich 25000 Euro – das können sich nur die großen Platzhirsche leisten. Die Fuzo wird auch bald größer. Wenn die Hofstatt am SZ-Areal fertig ist, wird die halbe Sendlinger Straße autofrei. „Sehr wahrscheinlich, dass auch der Rest der Straße mal Fußgängerzone wird“, sagt Bickelbacher. Fürs Tal gelte das eher nicht, zu wichtig sei die Straße für die Verkehrserschließung. Die Idee hier: breitere Gehsteige, ruhigerer Verkehr – eine halbe Fuzo, eben.

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