Freude am Einfachen entdecken

Odilo Lechner

braucht, um zu beten, nachzudenken und zu schreiben. Seit er 2003 als dienstältester Benediktinerabt Deutschlands die Leitung der Klöster St.Bonifaz und Andechs abgab, lebt er hier als einfacher Mönch, ist Priester und Seelsorger. Daneben ist der Altabt, der als Hans Helmut Lechner in Bogenhausen aufwuchs, aber auch ein gefragter Vortragsredner und Autor: In Büchern wie „Sieben Geheimnisse für ein gutes Leben“ oder „Weite dein Herz – Lebenskunst aus dem Kloster“ gibt er Ratschläge für den Alltag aus dem Leben der Mönche. Warum man im neuen Jahr keine zu großen Vorsätze fassen sollte, welche Lehren man aus der gegenwärtigen Finanzkrise ziehen kann und warum er selbst als Kind Schrankenwärter werden wollte, verrät der 77-jährige Theologe im „Hallo München“-Interview. Andreas Raith Abschied: Ich war lange genug Abt und habe empfunden, dass es Zeit war, Verantwortung abzugeben. Es war eine Umstellung, aber ich bin froh darüber. Bogenhausen: Ist für mich Heimat. Ich gehe immer noch gerne zum St. Georgs-Kircherl spazieren. Da werden Jugenderinnerungen wach. Cor (lat. Herz): Mein Leitspruch ist „Diletato Core – mit weitem Herzen“. Wir haben ein großes Ziel, dass das Herz Raum hat für Gott. Dankbarkeit: Ich bin dankbar für alles, was in meinem Leben gelaufen ist, und dankbar für die vielen Menschen, denen ich begegnen durfte. Erfolg: Für den, der Gott sucht, ist es ein Erfolg, Fortschritte im Guten zu machen. Feiertage: Oft spielt an den Feiertagen nur das Äußere eine Rolle. Aber die Leute, die nachdenken, haben das Bedürfnis, den Kern zu erfassen. Gesang: Im Singen habe ich immer eine Vier gehabt. Ich habe gedacht, im Kloster sind viele da, die gut singen können. Aber als Abt steht man halt doch hin und wieder ganz vorne. Heiliger Benedikt: Er hat in der Geschichte seine Spuren hinterlassen, dem Leben eine Ordnung gegeben – das hat mich bewegt. Isolation: Man ist im Kloster nicht isoliert, die Gemeinschaft gibt Geborgenheit. Durch die Individualisierung in der Gesellschaft lebt der Einzelne dort immer mehr für sich selbst. Jesus: Der, an dem ich mich orientieren kann. Durch sein Leben hat er Maßstäbe gegeben. Konsum: Dass für die Wirtschaft Konsum-anregung oft das Richtige ist, ist unbestritten – aber das rechte Maß ist das Wichtige. Wir müssen uns einschränken, im Kleinen wahre Freude entdecken. Liebe: Jesus sagt „...wie ich euch geliebt habe, so liebt einander“. Das ist der Auftrag, den er uns gibt. Mitte: Im Leben kommt es darauf an, auf die innere Stimme zu hören, bei sich selbst zu sein. Die Mitte ist das, was in mir alles zusammenhält. Neujahr: Immer ein Zeitpunkt, zurückzublicken: Wie viel Zeit nehme ich mir für das, was mir wichtig ist? Daraus kann der Vorsatz entstehen, sich mehr Zeit zu nehmen, für einander, Zeit zur Meditation oder für Gespräche. Odilo: Heute wählt der Mönch seinen Ordensnamen. Ich habe ihn 1953 vom Abt bekommen. Die Bedeutung ist nicht ganz geklärt. Es war eine Überraschung. Papst: Ich bin ihm öfter begegnet, als er Bischof in München war. Es ist schön, dass wir einen bayerischen Papst haben, und schön, dass er den Namen Benedikt gewählt hat. Qualität: Qualität setzt sich von Quantität ab. Fortschritt bedeutet nicht „immer mehr“. Die Freude am Einfachen kann die Lebensqualität steigern. Ruhe: Wenn unser Kopf voll ist von Reklame, von dem, was wir in den Medien sehen, dann bleibt nicht der Raum, die innere Stimme zu hören. Dazu braucht es die Ruhe und Stille. Schrankenwärter: Ein kindlicher Wunsch – dreimal am Tag lasse ich die Schranke hoch und runter, die Frau pflegt den Garten, und ich hätte Zeit gehabt, mich dem Schreiben zu widmen. Ich wollte Dichter werden. Theater: In den 30er Jahren war ich von einem Film über Schillers „Räuber“ so begeistert, dass ich selbst schreiben wollte. Aber ich war schon als Bub Realist genug und habe erkannt, dass ich davon nicht leben können werde. Urlaub: Ich habe meine Urlaube gerne zum Skifahren genutzt. Letztes Jahr im März war ich noch in Südtirol. Vorsätze: Je kleiner die Vorsätze sind, die man sich für ein neues Jahr fasst, desto größer ist die Chance, sie umzusetzen. Winter: Eine weite Winterlandschaft, dazu klare, kalte Luft, das ist etwas Wunderbares – und natürlich das Skifahren. Xetra-Dax: Katastrophen, wie derzeit die Finanz- und Wirtschaftskrise, entstehen, wenn der Mensch nichts Höheres kennt als sich selbst, wenn Gewinn höchstes Ziel ist. Aber daraus können wir lernen, dass die Gier den Menschen verdirbt. You-Tube: Auch im Kloster spielt das Internet eine Rolle – viele Brüder, die wissenschaftlich arbeiten, nutzen es. Ich normalerweise nicht. Ich glaube, es besteht die Gefahr, dass man nicht mehr davon loskommt. Zölibat: Es ist etwas Wertvolles, das Leben nur auf Christus hin zu orientieren. Aber ich nehme an, dass angesichts des Priestermangels in Zukunft noch stärker über den Zugang zum Priesteramt und über das Zölibat diskutiert wird.

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