Immer mehr Freizeitsportler dopen – Ex-Konsument packt aus

Leistung ohne Grenzen: Ex-Doper packt aus

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Markus Böhmer, ehemaliger Dopingmittel-Konsument: „Wer nichts leistet, ist nichts wert in unserer Gesellschaft.“

Doping im Freizeit­sport – in München kein Einzelfall. 688 Verfahren haben die Behörden 2015 registriert. Wie es so weit kommen konnte, erklärt Ex-Doper Markus Böhmer.

„Das ist der Rest, der von damals übrig ist“, sagt Markus Böhmer (44, li.) und verschränkt seine muskulösen Arme. In seiner „besten Zeit“ schaffte der Truderinger 390 Kilo beim Kreuzheben. „Natürlich haben da alle geschaut. Man verändert seine Optik, den Charakter. Man bekommt mehr Persönlichkeit, mehr Selbstbewusstsein. Aber es war natürlich ein Pakt mit dem Teufel.“

Ein Pakt, der den Kraftsportler bis zu zehn Spritzen am Tag in seinen Körper jagen ließ, der ihn weitermachen ließ, obwohl sein Körper schon längst am Ende war: „Du bist so unter Strom, so unter Adrenalin, dass du weiterziehst. Du machst deinen Satz fertig, obwohl die Schulter nicht mehr da ist, wo sie hingehört. Ich habe mir beide Bizepssehnen abgerissen, ich habe mir die Rotatorenmanschette zerfetzt, weil diese Mittel in der Überdosierung Gift sind.“

Böhmer hat über 20 Jahre lang gedopt. In einem Untergrundlabor in seinem Keller stellte er auch selbst leistungsfördernde Substanzen her, saß deswegen im Gefängnis. „Doping im Breitensport ist heute ein größeres gesellschaftliches Problem als Drogen. Ich kenne keine Sportart, in der keine Substanzen im Spiel sind – selbst beim Golf.“ Von „bedenkenswerten Quoten aus Sicht der Volksgesundheit“ spricht Doping-Experte Professor Perikles Simon von der Universität Mainz. Laut seiner Forschung haben zehn bis 15 Prozent der Fitnessstudio-Besucher im süddeutschen Raum mindestens einmal in ihrem Leben leistungsfördernde Substanzen genommen.

Auch Polizei und Staatsanwaltschaft München konstatieren steigende Verfahrenszahlen im Bereich Dopingmittelkriminalität. Laut Florian Weinzierl von der Staatsanwaltschaft ist die Zahl der Ermittlungsverfahren von 2011 bis 2013 auf fast 800 gestiegen, 2015 sind 688 Verfahren eingegangen. „Derzeit scheint es eine Steigerung bei der Anwendung von Wachstumshormonen zu geben“, so Weinzierl.

Warum immer mehr Freizeit­sportler zu Dopingmitteln greifen, liegt für Böhmer auf der Hand: „Das Problem ist der Missbrauch der Leistung. Wer nichts leistet, ist nichts wert in unserer Gesellschaft, in der schon Kinder Ritalin verabreicht bekommen.“ Bei ihm setzte zur Pubertät eine schwere Epilepsie ein – er nahm jahrelang starke Medikamente. Aufgrund der heftigen Nebenwirkungen habe er nach einer Alternative gesucht: Testosteron.

„Meine Anfälle waren weg, was natürlich mein ganzes Leben veränderte.“ Die „positiven Nebeneffekte“ – mehr Kraft, schnellere Erholung, tolle Optik – setzten schnell ein. Der Pakt mit dem Teufel war geschlossen. „Logisch ist es eine Sucht. Man macht den Sport immer mehr zu seinem Lebensmittelpunkt. Ich hatte am Schluss über 35 Substanzen in meinem Körper.“

Heute trainiert er immer noch täglich – aber ohne anabole Steroide. Dafür mit Blick auf seine Gesundheit. In Kooperation mit einer Schweizer Firma will er jetzt Sportler im Bereich Bewegung und Ernährung beraten. das

 

Hallo München-Experten-Interview: "Schwarzmarkt boomt!"

Dr. Helmut Pabst (74, kl. Foto) war 20 Jahre Leiter des Sportmedizinischen Untersuchungszentrums des Bayerischen Landessportverbands und ist heute Ehrenpräsident des Verbandes. Der Doping-Experte im Interview:

Herr Dr. Pabst, nimmt Doping im Freizeitsport zu?

„Ich glaube schon, weil in unserer Gesellschaft ein Leistungsgedanke da ist, der sagt: Da musst du jetzt durch. Eine starke Zunahme des Medikamentenmissbrauchs sehe ich vor allem im Laufsport. Heute läuft jeder, aber jeder ist gar nicht zum Laufen geeignet, zum Beispiel weil die Kraft fehlt. Deshalb greift man zu Schmerzmitteln wie Ibuprofen oder Diclofenac. Aber auch die sind gefährlich – Missbrauch kann zu Herzrhythmusstörungen, Nierenschäden und Magenblutungen führen. Ich würde sagen, dass bei einem Volkslauf zwischen 50 und 60 Prozent der Läufer vorher etwas schlucken.“ 

Wie sieht es in Fitnessstudios aus?

„Von der Münchner Rechtsmedizin weiß ich, dass es leider genügend Tote aus der Ecke Bodybuilding gibt. Es gibt sehr gute Fitnessstudios, mit denen ich auch zusammenarbeite, aber es gibt auch andere, bei denen Anabolika über den Tresen gehen.“ 

Was können Folgen von Doping mit anabolen Steroiden sein?

„Von Steroidakne über weibliche Brustbildung bei Männern, Leberschäden, Tumoren, Herzinfarkt bis hin zum multiplem Organversagen.“

Woher beziehen die Sportler solche Dopingmittel?

„Auf dem Schwarzmarkt werden Milliarden Euro umgesetzt. Allein in Deutschland waren es nach meinem letzten Stand 600 Millionen im Jahr.“

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