1. hallo-muenchen-de
  2. München
  3. München Mitte

Diese Toiletten sind keine stillen Örtchen

Erstellt:

Kommentare

Das ehemalige Klo an der Schellingstraße nutzt der Bezirksausschuss heute als Bürgerbüro.
Das ehemalige Klo an der Schellingstraße nutzt der Bezirksausschuss heute als Bürgerbüro. © isa

München – Vom Restaurant über die BA-Servicestelle zur Kunstgalerie – Hallo präsentiert Münchens nicht ganz so stille stille Örtchen

Sie schlief im WC

Groß ist Johanna Eders zuhause auf Zeit nicht: Nur acht Quadratmeter misst das kleine Häuschen am Westeingang der Großmarkthalle. Auch die Innenausstattung klingt nicht besonders: die Wände deckenhoch gekachelt mit hellgelben Fliesen, fünf bodentiefe Urinale, eine Sichtschutzwand mit milchigen Glasbausteinen. Das kleine unscheinbare Gebäude an der Thalkirchner Straße 81 ist ein ehemaliges Klohäuschen – aber kein gewöhnliches. 

Die Künstlerin Johanna Eder hat mehrere Tage im Klohäuschen am der Großmarkthalle gewohnt.
Die Künstlerin Johanna Eder hat mehrere Tage im Klohäuschen am der Großmarkthalle gewohnt. © vha

Im Rahmen der „Maßnahmen zur Beseelung des Klohäuschens“ wird es seit 2009 von der Sendlingerin Anja Uhlig wiederbelebt. Regelmäßig finden dort wechselnde (Kunst-)Ausstellungen statt, alle zwei Jahre sogar eine Biennale. Zu Gast: Wissenschaftler, Theaterleute, Architekten, Musiker, Philosophen, Schriftsteller, Performer. Das Sendlinger Klohäuschen wurde so schon zum Spa, zum Faultierkäfig und zur Tropfstein­höhle oder komplett mit Fichtenholz ausgekleidet. Eine australische Schmuck- und Objektkünstlerin hat sogar eine Schmuckkollektion entworfen – mit sechs Stücken, den Urinalen nachempfunden. Doch: Im Klohäuschen gewohnt hat bisher noch niemand – bis im Sommer Johanna Eder für mehrere Tage eingezogen ist. 

So gemütlich kann es im „Wohn-Klo“ sein.
So gemütlich kann es im „Wohn-Klo“ sein. © kn

Mit dem außergewöhnlichen Projekt will sich die 36-jährige Künstlerin der ästhetischen Raum­erforschung widmen – ihre Erfahrungen hat sie dafür auf Fotos, Tonband und Video festgehalten und nun im Klohäuschen der Öffentlichkeit präsentiert. „Klar, da gab es auch Emotionen wie Ekel, Unsicherheit oder Angst“, gerade am Anfang, sagt Eder. Doch genauso schnell sei das in Gefühle wie „Geborgenheit oder Ruhe und Gelassenheit umgeschlagen.“ Und: Gewissermaßen sei der Umzug ins Klohäuschen einem „normalen“ Umzug ganz ähnlich: ungewohnte Geräusche in der Umgebung, das Viertel und die umliegenden Straßen erkunden, Gespräche mit den neuen Nachbarn führen. 

Dass ihr Kunstprojekt auch die prekäre Wohnsituation in München thematisiert, ist Eder erst aufgefallen, als sie explizit darauf angesprochen wurde. „Doch wenn man darüber nachdenkt, stimmt das“, sagt sie, „denn Knappheit zwingt Menschen dazu, in immer wohnfeindlichere Räume einzuziehen.“ Das Experiment würde sie durchaus wiederholen – trotzdem ist sie froh, über ihre eigenen vier Wände – in einer ganz gewöhnlichen Wohnung, unweit des Kolumbusplatzes. 

Vanessa Hahn

Am Donnerstag, 20. September, öffnet Johanna Eder das Klohäuschen von 18 bis 19 Uhr. Das nächste Projekt soll Mitte Oktober stattfinden.

Ein Pissoir als Street-Art-Galerie?

Das verwahrloste Klohäuschen im Herzen des Glockenbachviertels ist Viertelpolitikern und auch vielen Anwohnern ein Dorn im Auge. Könnte Street Art die Lösung sein?
Das verwahrloste Klohäuschen im Herzen des Glockenbachviertels ist Viertelpolitikern und auch vielen Anwohnern ein Dorn im Auge. Könnte Street Art die Lösung sein? © Visualisierung: Martin Arz

Ein Klohäuschen als Leinwand für Graffiti – diese Idee stammt von Martin Arz, einem Verleger aus der Isarvorstadt. Den Vorschlag, das einstige Pissoir am Holzplatz beispielsweise mit Bildern von Freddie Mercury oder Rainer Werner Fassbinder umzugestalten, unterbreitete er bereits dem örtlichen Bezirksausschuss – und der zeigte sich angetan (Hallo berichtete). Denn: Das verwahrloste Klohäuschen im Herzen des Glockenbachviertels ist Viertelpolitikern und auch vielen Anwohnern ein Dorn im Auge. Doch, so schön die Idee, so schwer die Umsetzung. Prinzipiell kann sich zwar jeder mit einem Konzept für eine Umgestaltung bewerben, aber das Problem sind die hohen Kosten“, erklärt Birgit Unterhuber von Kommunalreferat.

Café schlürfen in Bedürfnisanstalt

Das Café Crönlein am Nockherberg ist die neuste Anlaufstelle für alle, die sich Speis und Trank im (ehemaligen) stillen Örtchen servieren lassen möchten.
Das Café Crönlein am Nockherberg ist die neuste Anlaufstelle für alle, die sich Speis und Trank im (ehemaligen) stillen Örtchen servieren lassen möchten. © isa

Speis und Trank im (ehemaligen) stillen Örtchen? Dafür gibt es in der Stadt gleich mehrere Anlaufstellen. Ganz neu: Das Café Crönlein am Nockherberg, unweit des Kroneparks. Im Sommer hat Riffraff-Betreiber Florian Falterer das einstige öffentliche WC wiederbelebt. 115 Jahre ist das steinerne Häuschen alt – und beherbergt nun eine Mischung auf Café, Bar und Biergarten. Auch an anderen Orten der Stadt gab oder gibt es ähnliche Projekte: 2015 wurde ein einstiges Klohäuschen am Herkomerplatz in Bogenhausen zum „Daherkomma“ – das Gebäude wurde dafür kernsaniert, nur noch Grundmauern und Dach wurden erhalten. Mittlerweile hat das Lokal jedoch wieder geschlossen. Bald eröffnen soll dafür ein neues Wirtshaus – im ehemaligen gelben Klohaus am Bavariaring. Unweit der Theresienwiese soll eine Gaststätte mit Freischankfläche entstehen. Verantwortlich: Die Edith-Haberland-Wagner-Stiftung, der Augustiner zu über 50 Prozent gehört.

Die Not mit der Notdurft

Schließungswelle: Insgesamt knapp 30 Klohäuschen im gesamten Stadtgebiet wurden im Zeitraum von 1992 bis 1994 aus finanziellen Gründen geschlossen, erklärt das Kommunalreferat.

Einst Klo – jetzt Bürgerbüro

BA-Chef Christian Krimpmann zeigt die Akten aus dem BA-Bürgerbüro im Klohäusl an der Schellingstraße.
BA-Chef Christian Krimpmann zeigt die Akten aus dem BA-Bürgerbüro im Klohäusl an der Schellingstraße. © isa

An der Schellingstraße 28a steht ein kleines, denkmalgeschütztes Häuschen. Früher hieß es „öffentliche Bedürfnisanstalt“, heute werden darin andere Bedürfnisse erfüllt. Der Bezirksausschuss (BA) Maxvorstadt hat den 1901 errichteten Neubarockbau in ein Bürgerbüro verwandelt. Heute erinnert dort nichts mehr an die frühere Nutzung. Das Bürgerbüro besteht aus einem großen Raum mit Vorzimmer. Dort lädt der BA zur Bürgersprechstunde. Die nächste ist am Dienstag, 25. September, von 18 bis 19 Uhr. Zudem finden dort Unterausschuss- sowie Fraktions-, Vorstandssitzungen und Besprechungen statt. 1950 wurde das Gebäude nach Osten erweitert. Dort befindet sich mittlerweile ein Laden. Dass das Häuschen inzwischen als Bürgerbüro genutzt wird, geht auf eine Initiative des früheren BA-Vorsitzenden Klaus Bäumler zurück. „Anfang der 90er hat die Stadt beschlossen, öffentliche Bedürfnisanstalten zu schließen. Ich habe einen Antrag gestellt, dass die öffentliche Toilette in der Schellingstraße zum Bürgerbüro wird“, erzählt Bäumler. Mit Hilfe der ehemaligen Bürgermeisterin Sabine Csampai und dem früheren Kommunalreferenten Georg Welsch wurde der Antrag kurz darauf in die Tat umgesetzt. Eine Toilette gibt es in dem Häuschen übrigens auch heute noch.

Laura Felbinger

Gartelkunde in der WC-Anlage

Früher eine Toilette, heute die Hauptanlaufstelle für den Schulgarten.
Früher eine Toilette, heute die Hauptanlaufstelle für den Schulgarten. © isa

Vor mehr als einem Jahrhundert, nämlich im Jahre 1905, wurde eine kleine öffentliche Toilette auf dem Gelände der Carl-von-Linde-Realschule gebaut. In den 60er-Jahren wurde das runde Gebäude mit Türmchen dann geschlossen und erst vor knapp einem Jahrzehnt restauriert. „Heute dient es als Unterrichtsraum – vor allem in Verbindung mit dem Schulgarten“, erzählt Friedrich Hahnel vom Sekretariat. „Unsere Schüler sind beim Garteln sehr aktiv und stellen sogar ihren eigenen Honig her.“

Auch interessant

Kommentare