13 CSUler stimmten für Seidl, 11 für Gegenkandidatin Grimm

Beweist er jetzt Taktgefühl?

Auf das Dirigieren vor der Bavaria am zweiten Wiesn-Sonntag freut sich Seidl schon wieder sehr – aber eigentlich sei jeder Tag draußen wie „im Himmel“.
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Auf das Dirigieren vor der Bavaria am zweiten Wiesn-Sonntag freut sich Seidl schon wieder sehr – aber eigentlich sei jeder Tag draußen wie „im Himmel“.

München – Nach der Twitter-Affäre  im Jahr 2016 verlor der CSU-Politiker Otto Seidl beinahe sein Amt als Wiesn-Stadtrat – Doch jetzt soll er es wieder werden

Drei Wochen ist es her, dass die CSU München offiziell mit der Ernennung ihrer OB-Kandidatin einen neuen Kurs ausgerufen hat: Verjüngung und Modernisierung, modern und frisch. Nun stand die erste Personalentscheidung an: Und die CSU kürte den 73-Jährigen Otto Seidl zu ihrem Wunschkandidaten für das Amt des Wiesn-Stadtrats, das Bindeglied zwischen Wirten, Schaustellern und Stadt. In einer geheimen Wahl stimmten 13 für Seidl, 11 für seine Gegenkandidatin, die 56-jährige Ulrike Grimm.

Manuel Pretzl, CSU-Fraktionssprecher und frisch gekürter Bürgermeister, der den Posten des Wiesn-Stadtrats 2018 innehatte, wollte sich zu der Entscheidung gegenüber Hallo nicht äußern.

Ulrike Grimm (56) erhielt bei der Abstimmung 11 Stimmen.

Diese überrascht: Seidl hatte bereits vor seiner ersten Amtszeit 2016 für Wirbel gesorgt. Es tauchte ein Twitter-Post von seinem Account auf, der als rassistisch ausgelegt werden konnte. Was folgte war Empörung, sowohl seitens der Opposition als auch innerhalb der eigenen Fraktion, Rücktrittsforderungen wurden laut. Seidl dementierte zunächst, das Foto hochgeladen zu haben, wollte sogar Strafanzeige wegen Rufschädigung stellen. Doch dann entschuldigte sich der heute 73-Jährige doch noch kleinlaut für seine „vorschnell getätigten Aussagen“ und wollte „nicht mehr ausschließen“, das Bild selbst gepostet zu haben.

Seidl selbst bezeichnet den Vorfall als „Käse von gestern“. „Da will ich nicht mehr dran denken.“ Er ist jedenfalls hocherfreut über seine Nominierung: „Das ist wie Weihnachten und Ostern zusammen! Ich freu mich narrisch! Ein jeder weiß, wie unheimlich gerne ich das mache.“ Überrascht habe ihn das Ergebnis nicht, obwohl er geahnt hatte, dass es eng werden könnte. Dass Grimm nun seine Stellvertreterin wird, freut Seidl: „Ich werde sie überall mit hinnehmen wenns geht, denn zu zweit ist man stärker!“ Weil bereits 2020 die Kommunalwahlen anstehen, bleibt Seidl vorerst nur für eine Wiesn. Dass Grimm dann seine Nachfolgerin wird, möchte er nicht ausschließen: „Die Karten werden neu gemischt, vielleicht ist dann eine Frau an der Reihe. Ich trau ihr das zu!“

Stadträtin Ulrike Grimm nimmt die Niederlage sportlich: „Selbstverständlich ist man erst mal traurig, wenn man verliert. Aber er wurde demokratisch gewählt.“ Da Grimm nun Seidls Stellvertreterin wird, sieht sie die kommende Amtszeit vor allem als Übung: „Je nachdem wie die Situation dann aussieht, habe ich schon vor, mich künftig erneut zu bewerben.“ Im Januar werde sie Seidl zur Auswahl des Wiesn-Plakats begleiten.

Gesundheitlich ist Seidl nach seinem Herzinfarkt wieder fit

Gesundheitlich ist Seidl, nachdem er im September einen Herzinfarkt erlitten hatte, wieder auf der Höhe: „Ich habe nun drei Bypässe, war auf Reha, aber habe alles gut überstanden.“ Was ihm jedoch zu schaffen macht: „Der Arzt hat gesagt, ich darf keinen fettigen Schweinsbraten mehr essen, das ist schon sehr schade.“ Konkrete Pläne oder Neuerungen für das kommende Jahr hat Seidl nicht: „Ich muss erstmal abwarten, welche Infos im Januar reinkommen, in diesem Jahr passiert nichts mehr.“

Die offizielle Wahl vom gesamten Stadtrat am Mittwoch, 19. Dezember, scheint Formsache. „Die CSU hat nunmal das Vorschlagsrecht – wir halten uns alle an die Regeln“, erklärt SPD-Fraktionschef Alexander Reissl. Grüne-Fraktionschefin Katrin Habenschaden beurteilt die Entscheidung so: „Es wäre schon schön gewesen, wenn es mal eine Frau geworden wäre.“

Daniela Borsutzky

Kommentar: „Diese Entscheidung schadet nicht nur der CSU“

Maren Kowitz, Redaktionsleitung bei Hallo München.

Ob der Tweet über einen schwarzen Mann, der offensichtlich gut bestückt ist, rassistisch, peinlich oder lustig war, ist eine Geschmacksfrage. Wie Otto Seidl 2016 damit umgegangen ist, ist es nicht. Monatelang den Post abzustreiten, andere zu beschuldigen, seinen Account gehackt zu haben, um dann zwei Tage vor Wiesnstart einzuräumen, dass er es eventuell doch selbst gepostet haben könnte, war ganz schlechter Stil. Diverse Rücktrittsforderungen wurden laut. Unter den damaligen Umständen war es halbwegs nachvollziehbar, dass es die CSU bei einer öffentlichen Ermahnung belassen hat. Unverständlich ist, dass man zwei Jahre später denselben Politiker gegen eine solide Gegenkandidatin wieder aktiv zum Wiesn-Stadtrat wählt. Öffentliches, dreistes Lügen erst ohne Konsequenzen zu lassen und dann sogar noch zu belohnen, schadet dem Amt, der Glaubwürdigkeit von Kommunalpolitikern und der Moral Münchens.

Maren Kowitz, Redaktionsleitung

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