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Die Angst vor dem Briefkasten

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Petra Winkler und Harald Damskis aus Schwabing engagieren sich als Postpaten.
Petra Winkler und Harald Damskis aus Schwabing engagieren sich als Postpaten. © ul

Gerade ältere Münchner sind vor der Flut an Post oft überfordert. Deswegen wird jetzt ein Pilotprojekt stadtweit ausgedehnt

Ein paar unerledigte Rechnungen und übersehene Mahnungen, schon kann der Gerichtsvollzieher vor der Türe stehen. Eine Reaktion auf ein Gewinnspiel und die persönlichen Daten werden zur Handelsware. Mit solchen Problemen haben viele Senioren zu kämpfen, die mit der Erledigung ihrer Post überfordert sind.

Petra Winkler und Harald Damskis aus Schwabing engagieren sich als Postpaten.
Petra Winkler und Harald Damskis aus Schwabing engagieren sich als Postpaten. © ul

„Das kommt häufiger vor als man glaubt. Und es gibt bisher viel zu wenig Helfer, die auf solche Fälle spezialisiert sind“, sagt Petra Winter (39, kl. Foto) von der Beratungsstelle für ältere Menschen und Angehörige beim Paritätischen Wohlfahrtsverband. 2013 hat sie deshalb ein Pilotprojekt mitbegründet: Postpaten für ältere Menschen. Nach erfolgreicher Aufbauarbeit mit Ehrenamtlichen wie Harald Damskis (63) soll das Angebot jetzt auf sechs Beratungsstellen in ganz München ausgedehnt werden. 

Damskis ist Informatiker in Altersteilzeit. „Beruflich habe ich mit Informationen, Dokumenten und Datenmanagement zu tun. Damit kann ich mich auch hier nützlich machen und mit überschaubarem Aufwand Großes bewirken“, sagt er. Aktuell unterstützt er eine 92-jährige Frau. „Sie sieht schlecht und erkennt nicht immer gleich, worum es geht.“ Seit dem Tod ihrer Tochter gibt es keine Angehörigen, die der Seniorin bei der Erledigung ihres Schriftverkehrs helfen könnten, sei es das Einreichen einer Rechnung zur Kostenerstattung durch die Krankenkasse oder die Ablage von wichtigen Unterlagen. Vieles blieb deshalb liegen. „Sie hat richtig Angst vorm Briefkasten bekommen“, berichtet Damskis, der die Frau jetzt meist einmal pro Woche besucht und sich dann zusammen mit ihr durch einen Stapel Post arbeitet. Sprich: sortiert und wo nötig erledigt und ablegt. „Ich assistiere, entscheiden und unterschreiben müssen die Leute aber selbst“, so der Postpate, der zu Datenschutz und zur Verschwiegenheit verpflichtet ist. 

Zusammengeführt werden Helfer und Senioren von Mitarbeitern der Beratungsstelle. Neben dem Paritätischen Wohlfahrtsverband sollen künftig auch Berater der Arbeiterwohlfahrt, des Roten Kreuzes, der Inneren Mission, der Caritas und der Israelitischen Kultusgemeinde bei Bedarf Postpaten vermitteln. Dafür werden jetzt münchenweit weitere Ehrenamtliche gesucht, die mit einem Einführungskurs an fünf Abenden im Juni und Juli auf diese Aufgabe vorbereitet werden (s. Kasten). „Senioren kann ohne diese Hilfe Geld verlorengehen oder sie können in Schulden geraten“, sagt Petra Winter. Wie groß diese Gefahr ist, bestätigt Christiane Thien von der Münchner Beratungsstelle der Verbraucherzentrale Bayern im Interview (unten).ul

Infos am 12. April 

Alles Wichtige zum Thema Postpaten und dem im Juni startenden Einführungskurs erfahren Interessierte bei einem Infoabend am Donnerstag, 12. April, im Münchner Bildungswerk, Dachauer Straße 5. Beginn ist um 18 Uhr. Um Anmeldung unter Telefon 5 45 80 50 oder per E-Mail an sekretariat@ muenchner-bildungswerk.de wird gebeten.#

Hallo München Interview

„Man sollte alle Briefe ganz genau anschauen“

Christiane Thien
Christiane Thien © kn

Irreführende Angebote oder dubiose Gewinnversprechen landen in fast jedem Briefkaten. Besonders häufig betroffen sind jedoch Senioren. Wie sie sich schützen können, erklärt Christiane Thien (52, kl. Foto), Leiterin der Münchner Beratungsstelle der Verbraucherzentrale Bayern.

Wie oft suchen Senioren mit solchen zweifelhaften Schreiben bei Ihnen Rat? 

Wir bekommen jede Woche solche Anfragen von Senioren.

Was sind die häufigsten Beispiele? 

Meist geht es den Absendern darum, Daten zu sammeln und zu aktualisieren, um sie dann weiterzuverkaufen. Zum Beispiel bei angeblichen Gewinnbenachrichtungen, bei denen man unter einer kostenlosen Hotline anrufen soll. Oder es werden ganz einfache Rätsel zugeschickt und Reisen verlost. Das hat den Zweck, den Leuten vor Ort dann etwas zu verkaufen. Letzte Woche hat sich bei uns eine Dame Mitte 70 gemeldet, die bei so einer Reise nach Nordzypern Schmuck zum Preis von 45 000 Euro gekauft hat. Dazu kommen die unerlaubten Telefonanrufe, aus denen sich dann ungewollt Vertragsabschlüsse ergeben können. 

Wie das? 

Aktuell gibt es Anrufe von Vertriebsleuten von Stromanbietern, die Spar- oder Wechselmöglichkeiten anpreisen. Stimmt man dann auch nur zu, dass der unverbindlich etwas zuschicken darf, kann das als Zusage ausgelegt werden und einiges nach sich ziehen. Vor allem, wenn man den besagten Brief später nicht genau liest.

Was kann man dagegen tun?

 Am Telefon nichts abschließen und sich nichts zuschicken lassen. Und natürlich sollte man alle Briefe, die man bekommt, genau anschauen. Im Zweifelsfall können Bürger damit auch in die Beratungsstelle der Verbraucherzentrale kommen.

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