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„Platzmangel in allen Schulen“

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Sie kennen die Zustände an den Lehreinrichtungen nur zu gut: Angela Wanke-Schopf (li.) und Gülden Basel.

Alte Toiletten, Unterricht in Containern, Gift-Gefahr in Klassenzimmern – Alltag für Münchner Schüler. Wo es überall hakt, erklären zwei Elternbeirats-Vorsitzende von A bis Z.

Giftiges Formaldehyd in Unterrichtscontainern der Grandlschule in Obermenzing (Hallo berichtete) – schockierender Höhepunkt der Vorkommnisse an Münchner Schulen. Verdreckte Toiletten sind der Alltag, Unterrichtsausfälle an der Tagesordnung, wissen Angela Wanke-Schopf (46, Foto, li.) und Gülden Basel – als Vorsitzende des gemeinsamen Elternbeirats (GEB) der Münchner Grundschulen bzw. des GEB Mittelschulen kennen sie die Zustände an den Lehreinrichtungen nur zu gut. In ihrem Ehrenamt versuchen die beiden Frauen und ihre Kollegen, die Brücke zwischen Behörden, Eltern und Schülern zu schlagen. Und das nicht erst seit gestern: Zehn Jahre ist Wanke-Schopf inzwischen im Grundschulbeirat aktiv. „Ich kann jede Frage beantworten – und wenn nicht, weiß ich, wer es kann.“ Was die Expertinnen vom geplanten Bildungscampus in Freiham halten, wie sie zur Container-Lösung vieler Schulen stehen und warum das Mensa-Essen eine endlose Geschichte ist – von A bis Z. Maren Dopp

Angela Wanke-Schopf und Gülden Basel von A bis Z

Abitur ist in unserer Gesellschaft sehr wichtig – aber überbewertet. Dadurch sinkt die Anerkennung aller anderen Abschlüsse. Inzwischen scheint man für sehr, sehr viele Ausbildungsberufe Abitur zu brauchen.

Bücher: Wir haben Lehrmittelfreiheit in Bayern. Bücher werden gestellt. Trotzdem müssen Eltern einiges zahlen: Für Arbeitshefte werden etwa zwischen 20 und 40 Euro sowie für Arbeitsmaterialien zwischen 60 und 70 Euro im Schuljahr fällig.

Container sind für uns eine Alternative auf Zeit. Wir kennen die an der Baierbrunner Straße aus eigener Anschauung und fanden sie schön gestaltet. Innen war es sauber, hell, die Toiletten waren top.

Deutscher Schulpreis: Solche Auszeichnungen sind nette Aushängeschilder für die Schule, aber den Schülern bringen sie gar nichts. Die Konzepte dahinter müssten auch für andere Schulen adaptierbar sein und damit mehr positive Konsequenzen bringen.

Eltern: Wenn sie ihren Kindern nach der Schule zu viel bei den Hausaufgaben helfen müssen, stimmt irgendwas nicht.

Formaldehyd: Wir haben von dem Fall in den Con-tainern an der Grandlschule gehört. Dass ist ein absolutes Unding. Man fragt sich wirklich, wie so etwas passieren kann! Jetzt muss so schnell wie möglich Abhilfe geschaffen werden.

G8 oder G9? G9. Aber es ist furchtbar, dass da einfach keine Ruhe reinkommt. Wir diskutieren in zehn Jahren noch.

Hausaufgaben: Wie lange die dauern, hängen von Schulform und Kind ab. Aber unterm Strich sollte Freizeit auch als Freizeit wahrgenommen werden können.

Initiative: Im ersten Jahr war es Neugier, die uns in den Elternbeirat brachte. Daraus wurde Faszination. Es ist interessant, wie Schulpolitik betrieben wird. Inzwischen bilden wir uns ein, dass wir ein wenig Einfluss nehmen können.

Jause: Das Thema Essen ist eine endlose Geschichte. Mahlzeiten sollen frisch, biologisch, gesund, verlässlich und günstig sein... Es sollte da einfach ein einheitliches System für alle Schulformen geben.

Kooperation der Lokal-Politik: Bisher hatten wir keinen superengen Kontakt, aber die Kommunikation ist offen, freundlich und nett.

Lehrermangel gibt es immer noch. Es müssen mehr Planstellen eingerichtet werden. Bislang fällt einfach zu viel Unterricht aus. Mein Sohn (von Wanke-Schopf) hatte beispielsweise seit drei Wochen kein Latein mehr.

Mittelschule: Hier muss man die Schüler motivieren und ihnen ihren Wert klarmachen. Viele fühlen sich minderwertig, weil sie „nur“ auf die Mittelschule gehen. Da müsste sich auch die Gesellschaft ändern.

Nachhilfe ist wichtig. Aber leider kann es sich nicht jeder, der es braucht, leisten.

Orientierung nach der vierten Klasse: Es ist grundsätzlich in Ordnung, dass die Entscheidung über die Schulwahl bei den Eltern liegt. Allerdings haben gesellschaftliche Aspekte einen so hohen Wert, dass die Wahl kaum objektiv möglich ist.

Platzmangel herrscht in allen Schulen. Wir haben zumindest noch von keiner Schule gehört, die sagt, dass es passt. Vor allem die Nachmittagsbetreuung benötigt Platz.

Qualifikation: Leider bereitet Schule nur bedingt auf die persönliche Zukunft vor: viel Auswendiglernen, aber wenig Transferleistung. Auch soziale Kompetenzen und die Ausbildung des Selbstbewusstseins fallen hintenüber.

Rainer Schweppe (Stadtschulrat): Was wir ihm gerne sagen würden? Wir sind offen für Neues. Wir hoffen, Sie auch.

Schulreferat: Im Bezug zum GEB ist es sehr kooperativ. Wir können nichts sagen. Aber Eltern fühlen sich nach unserem Wissen nicht unterstützt. Dafür ist wohl das Zuständigkeits-Wirrwarr zu groß.

Turnen ist superwichtig und wird in unserer Couch-Potato-Gesellschaft immer wichtiger. Leider wird es jedoch viel zu wenig gefördert.

Uebertritt: Der Schulwechsel kann emotional sehr belastend und stressig für das Kind sein. Es merkt zunehmenden Leistungsdruck und muss sich von Freunden verabschieden.

Verbesserungen: Vor allem Schultoiletten sind oft mangelhaft. Sanierungen kosten Geld, aber vor allem Zeit – und an der fehlt es oft. Deshalb kommt es zu solchen Containerlösungen, wie an der Grandlschule – der Unterricht muss ja weitergehen. Insgesamt sind die Umsetzungs-Prozesse zu langwierig.

Wünsche: Wir hoffen auf eine noch offenere und engere Zusammenarbeit zwischen Behörden und Eltern. Beiden Seiten sollte klar sein, dass sie Partner und keine Gegner sind — zum Wohle der Kinder.

Xylophon: Die musikalische Ausbildung von Schulkindern ist sehr wichtig. Aber nach unserem Eindruck ist sie in München deutlich ausbaufähig.

Youngster: Schon bei den Kleinsten gibt es einige Probleme. Beispielsweise leiden die Schüler in den Grundschulen unter der zu frühen und zu standardisierten Selektion. Zudem herrscht bereits bei ihnen schon ein sehr hoher Leistungsdruck.

Zweitausendachtzehn soll der Bildungscampus in Freiham fertiggestellt sein. Wie das wird, können wir noch nicht absehen. Ein dickes Fragezeichen also. Aber ein Campus allein macht noch kein gutes Schulsystem. Die Fassade sagt nichts über den Inhalt.

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