Zu viel Verkehr – zu wenige Beamte

Zustände auf der A99: Hilferuf der Polizei

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Jeden Tag das gleiche Bild: Stau auf der Münchner Stadtumfahrung. Es wird noch eine Weile dauern, bis sich daran etwas fundamental ändert.

Stau auf der A99 – das ist seit Monaten eher die Regel als eine Ausnahme. Jetzt schlägt die zuständige Polizeidirektion Alarm. Denn über mehr Personal verfügt sie trotz deutlich mehr Arbeit nicht.

120.000 Autos und 20.000 Lkw fahren jeden Tag über die Münchner Ostumfahrung, die A99. Das heißt, fahren ist an bestimmten Stellen nur selten die richtige Wortwahl. Der Stau ist zum täglichen Ärgernis geworden. Kaum jemand weiß das besser als Richard Kutscherauer, der Dienststellenleiter der Autobahnpolizei in Hohenbrunn. „Die A99 hat ihre Leistungsfähigkeit längst überschritten“, gibt er zu. Die Folge sind Unfälle. Viele Unfälle.

„„Wir liegen derzeit 30 bis 40 Prozent über dem Jahresschnitt“, erklärt Kutscherauer. 1456 Unfälle verzeichnete er im Jahr 2017. Momentan pendeln sich die Crashs auf rund 120 im Monat ein – also vier pro Tag! „Den größten Zuwachs haben wir an kleineren Unfällen. Aber wenn ein Lkw betroffen ist, fällt eine Fahrbahn trotzdem schnell einmal für vier Stunden aus. Ein dementsprechender Rückstau ist dann die Folge“, berichtet der Autobahnpolizei-Chef aus seinem Alltag. Frust schwingt mit. Denn obwohl die Belastungen durch die jahrelangen Baustellen stark gestiegen sind, ist die Personalsituation extrem angespannt.

„Unsere Personaldeckungsquote beträgt rund 75 Prozent. Das heißt, von 45 Sollstellen sind 37 besetzt. Ein Kollege ist außerdem langfristig erkrankt, zwei weitere stecken in Fortbildungsmaßnahmen. Und jetzt raten Sie mal, wie viele Stellen wir zusätzlich bekommen haben, als die Großbaustelle begann! Null!“, sagt er.

Deshalb muss er sich schon zweimal überlegen, wie oft er seine Mitarbeiter zur Autobahn herausschickt, um Tempokontrollen durchzuführen. Und zwar nicht etwa, weil es sich nicht lohnen würde. „Die Anzahl der Beanstandungen ist immens! Wenn wir drei Stunden lang messen – und zwar mit einer sehr moderaten Einstellung in Bezug auf die Toleranz –, haben wir am Ende 600 Beanstandungen“, berichtet Kutscherauer. Doch damit würde ein Großteil der Arbeit erst beginnen. Rund ein Drittel der Verstöße führen zu Anzeigen, 30 Fahrern muss der Führerschein entzogen werden. Alle sechs Minuten verliert also jemand die Fahrerlaubis. Eine Konsequenz, die viele nicht einfach so akzeptieren wollen. Die Folge sind jede Menge Einsprüche. „Mehr als die Hälfte aller Fahrverbote landen vor Gericht. Und jetzt raten sie mal, um wie viele Stellen dort aufgestockt wurde! Null!“, sagt Kutscherauer.

Man muss kein Psychologe sein, um zu erkennen, dass die Situation auf der A99 nicht nur diejenigen Nerven kostet, die für den Weg zur Arbeit keine echte Alternative haben. Auch Kutscher- auer kennt keinen Königsweg aus der Autobahn-Sackgasse. „Heuer ist mit Sicherheit das schlimmste Jahr, weil sie einen großen und sehr komplizierten Abschnitt bauen. Nächstes Jahr wird es ein bisschen besser“, glaubt er. Nur dass sich die Politik momentan dafür feiern lässt, Polizeistellen zu schaffen, um die bayerische Grenze besser zu schützen, dafür hat er wenig Verständnis: „Ich habe ihn nicht gewählt.“

mh

Kommentar

Wer trägt wann die Verantwortung? - Oft kann Politik auch von Bürgern gemacht werden, aber nicht immer

Warum macht denn keiner was? Ein Blick in die Nachrichten genügt, um sich diese Frage zu stellen. Oft genügt auch ein Blick vor die eigene Haustür. Das ist keine falsche Frage. Aber die erste sollte es nicht sein, die uns in den Sinn kommt. Vielmehr sollten wir uns fragen: Warum mache ich denn eigentlich nichts?

Das Leben in Freiheit kommt mit einem Preisschild, auf dem Verantwortung steht. Denn unser System ist eben nicht darauf aufgebaut, dass Entscheidungen grundsätzlich von anderen getroffen werden. Ein Beispiel dafür ist die Frage, ob und wie an einer Unglücksstelle einem dramatischen Unfall gedacht werden soll.

Natürlich ist es einfach, die Sache einem Mitarbeiter der Stadt zu belassen – um sich dann am Ende über die Gestaltung zu beschweren. Besser ist es aber, wenn sich die Betroffenen zusammensetzen. Wenn sie diskutieren und gemeinsam einen Plan fassen. Wenn sie mit dem Eigentümer des Grundstücks sprechen, damit der Plan dort umgesetzt werden kann. Und wenn der Bezirksausschuss mit Rat, Tat und einem finanziellen Zuschuss mithilft. An der Seite der Bürger – und nicht an ihrer Stelle.

All das kostet Arbeit, Zeit und Energie. Aber es hat ja auch niemand behauptet, dass Gesellschaft einfach so entsteht. Oder in ihrer Form beständig bleibt, ohne dass etwas getan werden muss. Trotzdem lohnt es sich. Es kann sogar Freude bereiten.

Marco Heinrich

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