Stützpunkt für Verbraucherbildung

„Durchblick durch das Dickicht“

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Viel Prominenz kam zur Eröffnung des ersten leitenden Stützpunktes für Verbraucherbildung in Bayern nach Ottobrunn.

Jugendliche sitzen mit fünf Handyverträgen schnell in der Schuldenfalle. Woher weiß der Verbraucher, ob ein Onlineshop seriös ist? Die Vhs SüdOst ist erster leitender Stützpunkt für Verbraucherbildung in Bayern. Den Startschuss für das Vorzeigeprojekt gaben vergangenen Woche Vertreter des Freistaats, des Landkreises, des Bayerischen Vhs-Verbandes, des VerbraucherService Bayern und der örtlichen Gemeinden in Ottobrunn.

„Irgendwie unsexy“, „schwer vermittelbar“ ist er, der Verbraucherschutz – das war anfangs bei manchem der Besucher des Großen Festsaals des Wolf-Ferrari-Hauses in Ottobrunn zu vernehmen! Auch Vhs SüdOst-Chef Christof Schulz war „zuerst etwas skeptisch und zurückhaltend“, als er zu einem ersten Treffen vergangenen Herbst eingeladen wurde. Andererseits weiß er als Vater dreier pubertierender Kinder nur zu gut, dass die neuen Medien zwei Seiten haben. „Da werden hemmungslos Inhalte geteilt.“ So versucht er zumindest, seinem Nachwuchs auf Facebook, Snapchat und Twitter zu folgen.

Anfänglicher Skepsis gegenüber dem Verbraucherthema ist längst Begeisterung gewichen, denn er sieht die Vhs SüdOst „einen weiteren Schritt in Richtung regionales Verbraucherzentrum“ vorangekommen. Und das ist leicht untertrieben, denn als erstes seiner Art in Bayern werden 15 Startups mit über 150 Trainern aus Ottobrunn betreut. Zielgruppen sind junge Erwachsene, Senioren und zum Beispiel auch Flüchtlinge. „Verbraucherbildung ist ein wachsendes Geschäft“, so Ministerialdirigentin Sabine Nießen vom Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz, das im Hintergrund die Federführung des Projektes innehat. Der gesunde Menschenverstand sei schön und gut, doch in einer immer komplexer werdenden Welt reiche er nicht mehr aus. „Der Verbraucher braucht einen Durchblick durch das Dickicht.“ Verbraucherschutz basiere auf den Verbraucherrechten, müsse verständlich sein und dazu gehöre eine entsprechende Beratung und auch Bildung.

Nicht ohne Grund habe die Vhs SüdOst nun vom Ministerium eine entsprechende Auszeichnung beziehungsweise Zertifizierung als „leitender Stützpunkt für Verbraucherbildung in Bayern“ erhalten. Die Wichtigkeit des Thema unterstrich auch Landrat Christoph Göbel: „Es gibt keinen besseren Schutz als Bildung für den Verbraucher, um gewappnet zu sein.“ Ottobrunns Bürgermeister Thomas Loderer zeigte sich „sehr stolz“ für die Entwicklung der Vhs SüdOst und sprach gleich Konkretes an: „Wenn die Kreissparkasse immer mehr Filialen zumacht, drohen die Senioren hinten hinunterzufallen.“ Bildung in finanziellen Dingen sei deshalb wichtiger denn je.

Abofalle

Mit einem imaginären Rundgang durch Memmingen auf dem Bildschirm legt Hanne Henke, Fachdozentin Internet und Datenschutz, los. Auch wenn Memmingen äußerlich eine heile Welt suggeriert, so sind dort die Menschen eben auch vom „Tatort Internet“ betroffen. Henke: „Ein falscher Klick, schon sitzt man in der Abofalle und 800 Euro sind weg.“ Beispiele hat auch Melina Welscher, Fachdozentin für finanzielle Grundbildung, für ihr Klientel – vor allem junge Erwachsene und Schüler (auch Förderschüler) – parat: „Manch jungen Menschen ist gar nicht bewusst, dass man einen Handyvertrag selber kündigen muss.“ Junge Menschen mit vier, fünf Handyverträgen sitzen schnell in der Schuldenfalle. Welscher klärt junge Menschen darüber auf, was überhaupt ein Vertrag ist, wie man ihn kündigt, wie man einen Budgetplan aufstellt und dass Schulden nicht einfach verschwinden. Die Mitarbeiterin des VerbraucherService Bayern ist auch versierte Schuldnerberaterin. „Manche kommen erst, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist“, schloss Karl Müller-Lanzl, Fachdozent Finanzen und Versicherungen, Handelsrichter und IHK-Prüfer, sich seiner Vorrednerin an. Seine „Baufinanzierung für kluge Rechner“ deckt alle Eventualitäten ab, die es eben nur geben kann. „Welche digitale Spuren hinterlässt man im Internet“ – das beantwortet der Ottobrunner Internet- und Datenschutzexperte Markus Bartsch, der das Thema „Veraucherschutz“ bei der Eröffnungsveranstaltung auch konkret mit Leben füllte. „Wir versuchen, die Menschen bei ihren Bedürfnissen abzuholen“, betonte Professor Klaus Meisl, Vorsitzender des Bayerischen Vhs-Verbandes. Vor allem seien Volkshochschulen offen für Themen, für die keine ökonomische Rendite erwartet werde – zum Beispiel Verbraucherbildung. Die Frage „Wie komme ich aus den Schulden raus“ habe nur eine geringe erotische Ausstrahlung. Dennoch sei öffentliche Weiterbildung so wichtig, weil sie eben offen für alle sei.

Einen Schritt weiter geht sogar Wolfgang Borcherts vom unabhängigen, seit 60 Jahren bestehenden VerbraucherService Bayern: „Wir wollen auf Augenhöhe mit den Produzenten verhandeln.“ Dies sei keine leichte Aufgabe, wenn man sich nur vorstelle, dass es um die „Facebooks“ und „Googles“ dieser Welt gehe.

Bodo-Klaus Eidmann

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