Es gärt an der Stadtgrenze

Neubiberg lehnt Biomasse-Anlage Carl-Wery-Straße ab

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Heute noch Grünschneise — Entsteht hier im Umgriff der südlichen Carl-Wery-Straße bald schon eine Biomasse-Anlage? Der Gemeinderat Neubiberg sagt im Chor mit dem Bezirksausschuss Ra- mersdorf-Perlach „nein“ — und begründet seine Ablehnung vor allem auch mit der bekannten Verkehrs- problematik.

Der Gemeinderat Neubiberg wehrt sich vehement gegen eine geplante Biomasse-Aufbereitungsanlage für biologische Reststoffe auf dem heutigen Freigrundstück an der Carl-Wery-Straße 63 auf dem Gebiet des Nachbarn München.

Die Neubiberger fühlen sich von den Planungen aufgrund der räumlichen Nähe zur eigenen Wohnbebauung in vollem Umfang betroffen. Geruchsbelästigungen durch die geplante Verarbeitung von rund 14.000 Tonnen Rohmaterials wie Gras, Laub oder Silage zu Brennstoff befürchtet man vor Ort ebenso wie eine extreme erhöhte Verkehrsbelastung an einer ohnehin hoch frequentierten Nahtstelle zwischen dem Saum der Landeshauptstadt und Neubiberg – quasi im künftigen Klammergriff zwischen umfangreicher Bebauung entlang der Carl-Wery-Straße und dem geplanten U-Bahnbetriebshof (wir berichteten).

Der Gemeinderat diskutierte erst gar nicht und votierte mit 23 Stimmen geschlossen gegen die Anlage. Zuvor hatten im Rat bereits Anwohner ihren Unmut bekundet. Anwohner-Sprecher Oliver Hellmund formulierte insbesondere für die Anwohner von Mangfall-, Ilm- und Isarstraße, dieses Projekt gehöre nicht in eine sensible Zone wie die Carl-Wery-Straße. „Die Stadt München mag ja glauben, diese Anlage sei am direkten Stadtrand als einem Außenbereich gut untergebracht“, so Hellmund. „Vielmehr gehört sie aber in den Wald, wie das Beispiel einer vergleichbaren Produktionsstätte in Höhenkirchen-Siegertsbrunn aufzeigt“. Im Rat sah man die Sachlage deckungsgleich.

„Das Vorhaben liegt rund 80 Meter von der Wohnbebauung Mangfallstraße entfernt“, liest sich die räumliche Nähe in der Ratsvorlage für Bürger und Bürgervertreter sorgenvoll. Den als Außenbereich gewidmeten und im städtischen Flächennutzungsplan als Zone für Landwirtschaft und Gartenbau ausgewiesenen Raum, gelte es zu schützen, sind sich die Neubiberger Räte einig. Wenn teilweise Bebauung erfolgen dürfe, dann nur nach den strengen Regularien eines eigens aufzustellenden Bebauungsplans. „Ich bin gespannt, wie sich die Stadt verhält und ob sie hier einen eigenen Bebauungsplan aufstellt“, zeigte sich Neubibergs Bürgermeister Günter Heyland (FW N@U) skeptisch. Für seine Gemeinde formulierte er „erhebliche Bedenken“. Nach heutigem Stand sei es selbst als privilegiertes Vorhaben „an diesem Standort planungsrechtlich unzulässig“.

Aktuell liegt der Antrag auf Vorbescheid einer Privatfirma noch beim städtisch zuständigen Referat für Gesundheit und Umwelt (RGU). Einige Zahlen und Fakten der geplanten Produktionsstätte liegen aber bereits vor. Betriebsanlage und Kompostierung sollen auf einer rund 5500 Quadratmeter großen Fläche erfolgen. Der ganzjährige Betrieb soll an sechs Tagen der Woche „unter Volllast laufen“. Über eine hoch frequente Hackschnitzelheizung mit 600 Kilowatt Leistung und über den ergänzenden Verwertungsweg einer Kompostierung sollen insgesamt 14.000 Tonnen Rohmaterial pro Jahr dort verarbeitet werden.

Jeweils montags bis freitags zwischen 7 und 17 Uhr soll der Lieferverkehr abgewickelt werden. In Neubiberg möchte man dies genau nicht. Spannend wird die Frage sein, in welcher Weise die Stadt die Definition „Außenbereich“ auslegt. Denn nur in solchen Arealen ist der Betrieb erlaubt. Bei der Abschätzung der Umweltauswirkungen könnte das Thema „Geruchsbelastung“ womöglich keine Rolle spielen. Denn Neubiberg betont selbst in seiner Expertise, „dass der Immissionswert (…) im Umgriff um die geplante Anlage eingehalten wird. Dennoch gärt es bei dieser Frage nicht nur in Neubiberg. Auch der benachbarte Münchner Bezirksausschuss Ramersdorf-Perlach hatte das Projekt entschieden wie einstimmig abgelehnt. Vom Tisch ist es damit freilich längst nicht. Die Spannung beim Rathauschef ist also nachvollziehbar.

Harald Hettich

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