Serie "Ehrenamtliche im Fokus"

Kinder trauern anders als Erwachsene

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Malen, basteln, spielen und Zeit haben für ein Gespräch mit Kindern, die ihre Mutter oder ihren Vater verloren haben. Bei Lacrima begleiten Ehrenamtliche trauernde Kinder und Jugendliche.

Den Verlust eines Elternteils oder Geschwisterkindes erleben Kinder anders als Erwachsene. Bei Lacrima, dem Zentrum für trauernde Kinder, geben ihnen Trauerbegleiter einen Raum und nehmen sich viel Zeit. HALLO sprach mit Stefan Kuchler, der seit vielen Jahren trauernden Kindern und Jugendlichen ehrenamtlich zur Seite steht.

Der Trauerbegleiter Stefan Kuchler kann gut nachvollziehen, wie Kinder sich fühlen, die ein Elternteil durch einen Unfall oder eine Krankheit verloren haben. Als er acht Jahre alt war, starb seine Mutter. Damals wäre er froh um das Angebot gewesen, das die Johanniter heute mit Lacrima, ihrem Zentrum für trauernde Kinder, anbieten. Rund 65 Ehrenamtliche begleiten derzeit etwa 80 Kinder im Alter von sechs bis 18 Jahren in München, Pfaffenhofen und Rosenheim, wenn diese Vater oder Mutter, ein Geschwisterkind oder eine nahestehende Person verloren haben. Jeder Mensch trauert auf seine individuelle Weise. „Und Kinder trauern anders als Erwachsene“, weiß Stefan Kuchler. „Wir wollen ihnen Zeit und einen Raum für ihre Trauer geben.“ Über mehrere Jahre hinweg kommen die Kinder und Jugendliche alle 14 Tage zu Lacrima. „Wir treffen uns eineineinhalb bis zwei Stunden in der Gruppe“, erklärt der Trauerbegleiter und fügt hinzu: „Die Gruppe gibt Sicherheit. Denn in der Schule oder im Freundeskreis fühlt man sich nach dem Tod der Mutter oder des Vaters scheinbar alleine. Da tröstet es ein wenig, dieses Gefühl der Isolation zu durchbrechen.“ Zu Beginn des Treffens gibt es zunächst ein Kerzen-Ritual. „Wir fragen die Kinder, wer bei ihnen gestorben ist, woran und wie der Verstorbene hieß“, erzählt Kuchler. Überhaupt seien Rituale ganz entscheidend. „Nach dem Tod der Mutter oder des Vaters herrscht oft Chaos im Leben der Kinder. Manche müssen umziehen, die finanzielle Situation ist nun oft eine andere. Es verändert sich eben plötzlich vieles.“ In der Trauer- gruppe hingegen sei darauf Verlass, dass vieles Routine ist und dass die Rituale fester Bestandteil eines jedes Treffens sind. Und es geht nicht nur darum, über den Tod des Angehörigen zu sprechen. „Wir haben jedes Mal ein inhaltliches Thema, meist machen wir dies von der jeweiligen Jahreszeit abhängig“, sagt Kuchler. So wird im Trauerzentrum gespielt, gebastelt, gelesen oder etwas draußen unternommen.

Kinder trauern anders als Erwachsene

Kinder gehen mit der Trauer anders als Erwachsene um, wie der Trauerbegeiter betont: „Ein Kind hat einen natürlichen Instinkt, wie viel Trauer es verträgt. Wir sprechen da von sogenannten Pfützensprüngen: Das Kind springt hinein, aber geht dann aus diesem ,Trauersee‘ auch gleich wieder heraus.“ Für viele ehrenamtliche Trauerbegleiter sei diese Erfahrung zunächst ungewohnt. „Man darf nicht erwarten, dass die Kinder ständig nur von ihrer Trauer sprechen. Sie wollen dann auch wieder ganz normale Kinder sein“, sagt Kuchler. Was ihnen die Kinder und Jugendlichen indes anvertrauen, bleibt in der Gruppe. „Es gibt einiges, was sich ein Kind daheim nicht zu sagen traut. Uns gegenüber vertraut es sich dann aber an. Und das geben wir auf keinen Fall an die Eltern weiter, auch wenn sich diese bei uns hin und wieder neugierig erkunden.“ Selbstverständlich suchen sie aber mit einer Mutter oder einem Vater das Gespräch, wenn sie den Eindruck haben, dass ihr Angebot zum jetzigen Zeitpunkt nicht den Bedürfnissen des trauernden Kindes entspricht. „Wenn wir merken, dass ein Kind für unsere Gruppe noch nicht so weit ist, schlagen wir den Eltern zunächst den Besuch bei einem Psychotherapeuten oder bei einem Traumatologen vor“, sagt Kuchler. Und ebenso kann es sein, dass die Trauerbegleiter spüren, dass ein Kind nun die klassische Trauerphase abgeschlossen hat. „Durchschnittlich kommen trauernde Kinder zwei bis drei Jahre zu uns.“

Der richtige Zeitpunkt für die Trauerarbeit

Lacrima ist nicht die erste Anlaufstelle für Betroffene nach dem Tod eines Angehörigen. „Die Phase der Akut-Trauer dauert etwa drei Monate. Erst danach ist man soweit stabilisiert, um mit der Trauerarbeit zu beginnen und unsere Gruppenangebote wahrzunehmen.“ Die Sechs- bis Zwölfjährigen beziehungsweise 13- bis 18-Jährigen kommen alle zwei Wochen zu Lacrima. Ein ehrenamtlicher Trauerbegleiter absolviere vier bis fünf Wochenstunden, schätzt Kuchler. Ihr Schlüssel ist so, dass ein Trauerbegleiter auf zwei Kinder kommt. Der 50-Jährige selbst steckt etwa zehn Wochenstunden in sein Ehrenamt, da er auch für die Ausbildung neuer Trauerbegleiter zuständig ist und zum Beispiel auf der Freiwilligenmesse Interessierte über das Ehrenamt als Trauerbegleiter informiert. „Neue Ehrenamtliche bilden wir an drei Wochenenden aus. Dabei haben wir einen Blick darauf, wer für unsere Tätigkeit geeignet ist“, sagt der erfahrene Trauerbegleiter, der hauptberuflich Teamleiter in der IT-Branche ist. Gemeinsam mit Tobias Rilling, dem Leiter von Lacrima, hat Kuchler die Trauerbegleitung vor 16 Jahren mitgegründet. „Es ging uns darum, trauernden Kindern ein adäquates Angebot zu bieten.“

Verena Rudolf

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