Streit um Krampus-Auftritt

Wo hört Brauchtum auf und fängt Gewalt an?

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Gemeinsam mit dem heiligen Nikolaus und zwei schönen Engeln besucht Krampus Georg Loidl Kinder im südöstlichen und östlichen Landkreis München. Etwas gruselig sieht der schwarz angemalte Fellmann ja schon aus, aber Angst hätten die Kinder noch nie vor ihm gehabt. Im Gegenteil: Sie würden lachen, zögen an seinem Fell und würden sich freuen. Seit 26 Jahren ist der Höhenkirchen-Siegertsbrunner nun schon Krampus-Darsteller. Eine solche Beschwerde von Eltern hat er bisher noch nie erlebt.
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Gemeinsam mit dem heiligen Nikolaus und zwei schönen Engeln besucht Krampus Georg Loidl Kinder im südöstlichen und östlichen Landkreis München. Etwas gruselig sieht der schwarz angemalte Fellmann ja schon aus, aber Angst hätten die Kinder noch nie vor ihm gehabt. Im Gegenteil: Sie würden lachen, zögen an seinem Fell und würden sich freuen. Seit 26 Jahren ist der Höhenkirchen-Siegertsbrunner nun schon Krampus-Darsteller. Eine solche Beschwerde von Eltern hat er bisher noch nie erlebt.

Ein Krampus hat im Rahmen einer Nikolausfeier einem Kind mit der Rute einen Klaps gegeben. Die Eltern sehen dies als Gewalttat und fordern eine Entschuldigung. Der Darsteller kann dies nicht verstehen. HALLO hat daher bei der Eltern- und Jugendberatungsstelle nachgefragt: Was darf ein Krampus?

Georg Loidl aus Höhenkirchen-Siegertsbrunn versteht die Welt nicht mehr: „Ich habe dem Kind doch bloß mit der Rute einen ganz kleinen Klaps gegeben — wie es ein Krampus eben macht!“ Genau dafür soll sich der 44-Jährige nun aber offiziell entschuldigen — fordern zumindest die Eltern des betroffenen Kindes in einem Brief. Das, sagt Loidl, habe er in seinen 26 Jahren als Krampus noch nie erlebt!

Aber von vorne: Der Auftritt, für den Loidl sich entschuldigen soll, fand bereits Anfang Dezember statt. Die Spielvereinigung Höhenkirchen-Siegertsbrunn hatte eine Nikolausfeier für ihre durchschnittlich zehn Jahre alten Fußballer organisiert; auch die Eltern waren eingeladen.

Der Auftritt des Nikolauses sollte eine Überraschung für die Kinder sein. „Seit vielen Jahren sind wir schon als Nikolaus-Team im südöstlichen und östlichen Landkreis München unterwegs“, berichtet Krampus Loidl. Wie es Brauch sei, habe auch bei der Veranstaltung in Höhenkirchen der Nikolaus gelobt, der Krampus dagegen mit seiner Kette gerasselt und den ein oder anderen Klaps mit der Rute verteilt. Noch nie habe er sich dafür entschuldigen müssen, sagt Loidl, „das soll doch eine Gaudi sein, eine Tradition!“ Früher hätten sie die Kinder sogar in ihren Sack gesteckt. Die Eltern hätten sich daran nicht gestört, im Gegenteil: „Die standen dabei und haben gelacht.“

Heutzutage aber ist dies anders, wie Loidl und seine Kollegen nun feststellen mussten. „Man muss höllisch aufpassen und darf am besten gar nichts mehr machen“, bedauert er. Viele Eltern würden die Tradition gar nicht mehr richtig kennen und sich hernach beschweren. Das Problem sei manchmal auch schlicht die Erwartungshaltung: „Die wünschen sich einen typischen Coca-Cola-Nikolaus“ – und seien überrascht, wenn dann ein schwarz angemalter Krampus vor der Tür stünde. Der Höhenkirchner Loidl betont jedoch, Kindern noch nie Angst eingejagt zu haben. Auch bei der Fußballfeier habe alles wie geplant funktioniert: Die Kinder hätten gelacht, an seinem Fell gezogen und gekichert.

Umso überraschter war der 44-Jährige denn auch über den Brief der Eltern eines Kindes, der ihm am Neujahrstag ins Haus flatterte. „Wir möchten Sie darauf hinweisen, dass es in Deutschland gesetzlich verboten ist, ein Kind zu schlagen oder ihm auch nur einen Klaps zu geben (BGB § 1631 sowie das Gesetz der Ächtung von Gewalt in der Erziehung)“, heißt es in dem Schreiben. Zudem forderten die Eltern eine offizielle Entschuldigung.

Das kommt für den Krampus jedoch nicht in Frage: „Ich bin mir keiner Schuld bewusst“, sagt er. Rund 1000 Auftritte hätte er in den vergangenen 26 Jahren absolviert, „nie gab es Tränen, nie gab es Kritik von Eltern“, sagt er.

Doch müssen Krampus-Darsteller wie Loidl nun befürchten, bei jedem ihrer Auftritte eine Straftat zu begehen? „Nein“, beschwichtigt Maria Weinzierl, Leiterin der Eltern- und Jugendberatungsstelle im Landratsamt. Vielmehr bittet sie alle Beteiligten „um ein hohes Maß an Sensibilität“.

Weinzierl betont zwar einerseits, eine „Freundin von altem Brauchtum zu sein“, kann die Argumente der Eltern aber auch verstehen. Kinder hätten demnach seit 1990 das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung. Eltern, die gegen das Prinzip der Gewaltfreiheit verstoßen, müssten sich – sofern dies bekannt wird – dafür verantworten und von professionellen Beratern auf ihr Fehlverhalten hinweisen lassen. „Aus diesem Grunde ist es sicherlich erklärungsbedürftig, warum ein Krampus darf, was Eltern nicht dürfen“, findet Weinzierl. Klar, man könne einwenden, dass ein Krampus ja keine Gewalt im eigentlichen Sinne anwende. Aber gerade in Bayern werde diese Figur nach Ansicht der Expertin durchaus für erzieherische Disziplinierungsmaßnahmen missbraucht. Beinahe jeder habe doch in seiner Kindheit schon den Satz gehört: „Wennst ned brav bist, nimmt die da Krampus mit!“ Weinzierl zufolge sei es daher nicht von der Hand zu weisen, dass der Krampus durchaus als Angst einflößende Gestalt agiere — was unter Umständen eben auch eine Form von Gewalt sei. Zumal kleinere Kinder, so Weinzierl, nicht unterscheiden könnten, ob es sich bei dem Brauch um eine reale Gefahrensituation oder nur ein ungefährliches Spiel handele. Elternberaterin Weinzierl schlägt daher einen Kompromiss vor: nämlich die Bräuche so zu verändern, dass Kinder damit angstfrei leben können. Dass dies gelingen kann, daran hat sie keinen Zweifel: „Das derzeit gelebte Brauchtum hat sich über die Jahrhunderte immer wieder verändert, so dass dies auch jetzt im Sinne der Kinderrechte weiterentwickelt werden kann, ohne die Tradition an sich aufzugeben.“

Ob Loidl zu Kompromissen bereit ist, wird sich in einigen Monaten zeigen — dann nämlich will er wieder als Krampus den Nikolaus im Landkreis München begleiten. Die Eltern des Kindes scheinen sich ebenfalls beruhigt zu haben: Seit dem Brief, sagt Georg Loidl, habe er nichts mehr von ihnen gehört.

 Tanja Buchka

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