„Mit Bart wird man kein Bundeskanzler“

HALLO-Interview mit dem Neubiberger Politik-Professor Franz Kohout über die Qual, aber auch die Chancen der Wahl

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Franz Kohout lehrt und forscht als Professor für Politik an der Bundeswehruniversität Neubiberg.

Die Bundestagswahl rückt näher und auch der ein oder andere Bürgerentscheid wird am Sonntag, 24. September, zur Abstimmung stehen. HALLO hat mit dem Politikwissenschaftler Professor Franz Kohout von der Bundeswehruniversität Neubiberg über die Bedeutung von Wahlen, das Alter von Nichtwählern und die Bedeutung von Gesichtsbehaarung gesprochen.

HALLO: Herr Kohout, warum ist es wichtig, wählen zu gehen? 

Franz Kohout: Demokratie lebt von Partizipation. Natürlich gibt es dabei unterschiedliche Stufen und ob die Wahl die wichtigste Stufe ist, wird manchmal angezweifelt. Partizipation gibt es auf allen Ebenen. Das fängt ganz unten im zivilgesellschaftlichen Bereich an, dass man sich engagiert zum Beispiel in Vereinen, der Kirchengemeinde, bei der Feuerwehr. Je weiter es dann nach oben geht, in größeren Zusammenhängen landesweit, national, oder europaweit, stellen sich viele Leute die Frage: Bewirkt meine Stimme etwas? Und da könnte man der Ansicht sein, wenn es in Deutschland 60 Millionen Wähler gibt und meine Stimme eine davon ist, dann bewirkt sie gar nichts.

Wenn meine Stimme nichts bewirkt, warum sollte ich dann mein Kreuzchen setzen? 

Ich glaube, darum geht es ja auch nicht. Es geht nicht um die einzelne Stimme, sondern darum, dass wichtige Entscheidungen einfach von einer Mehrheit getragen werden müssen. Und diese Mehrheit kommt durch Wahlvorgänge zustande. Ich denke, demokratische Gemeinwesen können nicht ohne Wahlen auskommen. Eine politische Willensbildung, die dann in verbindlichen Entscheidungen münden soll – und Gesetze sind verbindliche Entscheidungen für die Bürger – wie soll ich die legitimieren? Ich kann sie legitimieren, weil ich sagen kann: Die Mehrheit der Menschen steht hinter diesen Entscheidungen.

Es wird immer wieder über die vielen Nichtwähler geklagt, aber wer ist der klassische Nichtwähler?

Die Wahlforschung weiß mittlerweile relativ genau, dass viele Jungwähler nicht zur Wahl gehen. Vor allem die 21- bis 30-Jährigen. Die 18-Jährigen probieren es mal aus, gehen aber eher wenig zur Wahl. Sie kümmern sich meistens auch nicht um große öffentliche Angelegenheiten, sie sind auch meistens nicht sozial engagiert. Man könnte auch sagen, sie müssen ihren Weg erst finden oder Erfahrungen sammeln.

Aber es sind nicht alle Nichtwähler jung? 

Eher bedenklich ist, dass es viele Menschen gibt, die so politikfern sind, dass sie sagen: „Das ist eh alles schlecht, die sind alle korrupt“. Dazu zählen eher die ungebildeten, aber quer durch alle Altersgruppen, Männer und Frauen. Viele können mit Politik nichts anfangen und bilden sich nicht, die haben sozusagen mit der Politik abgeschlossen. Dort gibt es einen großen Anteil von Nichtwählern, den auch die Protestparteien nicht erreichen.

Die AfD hat in den jüngsten Umfragen an Zuspruch verloren. Ist sie ebenso ein kurzfristiges Phänomen wie die Piraten? 

Die Piraten hatten nur ein Thema und das war kein Echtes. Die Digitalisierung ist kein Thema, mit dem man Politik machen kann, sondern die Menschen haben Sorgen, Bedürfnisse und Sehnsüchte. Ob die Renten steigen oder fallen, ob die Leute sich sicher fühlen, das sind echte Themen, die die Leute zum Wählen bringen. Wenn man sieht, wo die Ängste des kleinen Mannes sind, dann sind diese meistens beim Thema Innere Sicherheit und da konnte das Flüchtlingsthema instrumentalisiert werden. Das ist das große Thema der AfD. Es hängt davon ab, wie sich die Lage entwickelt. Kommen in nächster Zeit viele Flüchtlinge, wird die AfD erfolgreich sein; kommen wenige und werden diese gut integriert, gräbt das der AfD das Wasser ab. Ob die AfD langfristig erfolgreich ist, kann man jetzt noch nicht sagen.

Es gibt im Moment viele Beschwerden über einen langweiligen Wahlkampf. Was halten Sie davon?

Das ist fast normal. Wir wissen, dass die Leute personenbezogen Wählen. Sie gehen nach Sympathie und Antipathie und da genügt dann eine Frau Merkel, die Seriosität ausstrahlt, seit zwölf Jahren im Amt und international anerkannt ist. Das ist eine sichere Bank. Der Herausforderer zeigt natürlich auch sein Gesicht, doch es gibt die Redensart „mit Bart wird man kein Bundeskanzler“. Ich denke, da ist fast etwas dran. 

Interview: Wolfgang Rescher

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