HALLO-Glosse 

Döner, Schweinebraten – und das Leben der Anderen

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Eine Begegnung in der S-Bahn bringt HALLO-Volontärin Lydia Wünsch zum Nachdenken

Neulich traf ich eine ältere Frau in der S-Bahn. Sie lächelte mich freundlich an, als ich in mein Käsebrot biss. „Man hat ja heutzutage kaum noch Zeit zum Essen“, sagte sie in verständnisvollem Ton. „Oh ja, da haben Sie recht“, erwiderte ich erleichtert. Ich erzählte ihr, wie ich einmal von einem Busfahrer ausgeschimpft wurde, weil ich auf dem Weg zu einem Termin eine Nussschnecke essen wollte. Damals musste ich mit knurrendem Magen in den Tag starten. „Und dabei war es ja nicht so, dass ich einen Döner ausgepackt hätte“, fügte ich hinzu. Und plötzlich war alles anders. Das Gesicht der Frau verhärtete sich, sie blickte mich kurz böse an und wendete sich dann ab. Irritiert drehte ich mich zum Fenster. Hatte ich etwas falsches gesagt? Erst nach einiger Zeit fiel bei mir der Groschen. Dachte die Frau, ich wollte das türkische Essen kritisieren? Die Türken? Den Islam? Die Ausländer? Ich hatte Döner gesagt, weil ich ihn tatsächlich nicht in der S-Bahn essen würde. Er riecht sehr dominant und man bekleckert sich leicht. Allerdings würde ich auch nie einen Schweinebraten oder einen Teller Spaghetti im öffentlichen Nahverkehr essen. Übrigens aus den gleichen Gründen. Aber ich hatte nicht von Schweinebraten geredet. Oder von Spaghetti. Dabei esse ich Döner sehr gerne. Bin ich also ein Rassist – ohne es zu wissen? Oder sind wir alle einfach nur überempfindlich geworden, weil uns die Bilder der vergangenen Jahre und Tage überfordern?

Wo ich aufgewachsen bin, leben viele Türken, Kroaten und Italiener. Ich war in meinen Leben mit mehr Murats befreundet als mit Stefans. Meine erste große Liebe war ein Palästinenser. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich als Zwölfjährige samstags im Döner-Imbisswagen des Vaters meiner besten Freundin Esra mitarbeitete. Von dem Geld, das wir dafür bekamen, wollten wir zusammen aufs Oktoberfest gehen. Es hatte sich einfach natürlich angefühlt, vom Döner zu reden. Vielleicht sogar natürlicher als Schweinebraten, den es bei uns zu Hause nur selten gab.

Mein Vater ist Italiener, zum Sonntag gehörten Spaghetti. Einer meiner Onkel ist mit einer Marokkanerin verheiratet, die zweite Frau meines Vaters kommt aus der Slowakei, fast jeden Sommer habe ich in Italien bei meinen Verwandten verbracht. Gelebtes Multkulti. Trotzdem darf ich über Italiener keine Witze machen, ohne dass politisch korrekte Mitbürger mich auf meine Vorurteile hinweisen. Bis ich erkläre, dass ich Halbitalienerin bin. Dann ist es okay, warum auch immer.

Politisch korrekt ist besser als ausländerfeindlich. Aber zu einem guten Zusammenleben führt beides nicht. Wir müssen Integration leben. Das heißt: Mit Ausländern befreundet sein, ihr Essen probieren, es als normal empfinden, wenn wir uns in sie verlieben und Kinder mit ihnen bekommen. Wobei das keine Einbahnstraße ist. Wer nach Deutschland kommt, darf kein Problem damit haben, dass sich seine Tochter in einen Deutschen verliebt.

Döner ist für mich keine Metapher für Türken. Und zwar deshalb, weil er in Berlin erfunden wurde und man ihn so, wie wir ihn in Deutschland essen, gar nicht in der Türkei bekommt. Weiß das die Frau, die mich jetzt in der S-Bahn so laut anschweigt? Isst sie selbst gerne Döner? Ich frage mich, ob sie schon mal auf einer türkischen Hochzeit getanzt hat — Hand in Hand mit Griechen und Italienern. Oder ob sie das gerne einmal erleben würde. Aber sie schaut weg. Und ich lasse es geschehen. Ich glaube, wir alle verpassen zu viele Chancen, mehr über einander zu erfahren.

Lydia Wünsch

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