Das CleMaKi Putzbrunn feiert Jubiläum

Barmherzigkeit seit 100 Jahren

1 von 5
Das Clemens-Maria-Kinderheim kümmerte sich bereits 1918 im Ersten Weltkrieg um schutzbedürftige Kinder.
2 von 5
Im Speisesaal bekamen die Kinder eine warme Mahlzeit
3 von 5
Beim Ehemaligentreffen im Sommer schnitten die ehemalige Heimleiterin Sr. Gabriele Löffler und die jetzige Leiterin Sabine Kotrel-Vogel die Torte zum 100 Jährigen an.
4 von 5
Die Einrichtung in Aying.
5 von 5
In Putzbrunn leben die Kinder in Gruppen zusammen.

Seit 1916 kümmern sich die Mitarbeiter des Clemens-Maria-Kinderhauses in Putzbrunn um Kinder und Jugendliche in Notsituationen. Dass das Heimleben früher anders war als es jetzt ist, das belegen Dokumente aus der Gründerzeit. Heimleiterin Sabine Kotrel-Vogel erzählt aus 100 Jahren Kinderheimarbeit.

Der Vater ist im Krieg. Die Mutter erkrankt an einer Lungenentzündung und stirbt. Das Kind steht plötzlich alleine da. Und das mitten im ersten Weltkrieg. Glücklich, wer bei den beiden Ordensschwestern im Kinderheim der Katholischen Jugendfürsorge der Erzdiözese München an der Kapuzinerstraße ein neues Zuhause findet.

Seit 1916 gibt es das Clemens-Maria-Kinderheim, das zunächst in einer Privatwohnung in München untergebracht war. Heute, 100 Jahre später, befindet sich das Heim an der Theodor-Heuss-Straße 18 in Putzbrunn. In den Kriegsjahren ging es für Kinder, die niemanden mehr hatten oder bei Transporten zu Verwandten verloren gegangen waren, um das nackte Überleben. Nur durch die Hilfe von Kinder- und Jugendeinrichtungen wie es das Clemens-Maria-Kinderheim war, konnte sichergestellt werden, dass diese Kinder nicht sterben, erzählt die heutige Heimleiterin Sabine Kotrel-Vogel. Seit jeher versteht sich das Haus als „pädagogische Notaufnahme“ für Kinder, die vorübergehend ein Dach über dem Kopf brauchen, bis für sie eine Lösung gefunden werden kann. Die Hauptaufgabe damals bestand darin, traumatisierten oder verwaisten Kindern ein sicheres Umfeld in der chaotischen Kriegszeit zu geben. „Sämtliche Dokumente, die aus der Zeit der beiden Weltkriege erhalten geblieben sind, lagern bei uns im Archiv im Keller. Wir haben über 9000 Akten von Kindern, die seitdem bei uns untergebracht wurden.“

Kotrel-Vogel berichtet auch, dass sie viel Kontakt zu ehemaligen Heimkinder habe, die Nichts über ihre Herkunft oder Kindheit wissen. In den Akten würden sie Anhaltspunkte ihrer Kindheit finden. Erst letztens wäre ein Herr, der bei einem Kindertransport im Ersten Weltkrieg von Italien nach Deutschland verloren gegangen war, bei ihr gewesen, um etwas über seine Kindheit zu erfahren. Er habe seine Akte in den Händen gehalten, wie einen kostbaren Schatz, erzählt Kotrel-Vogel weiter. Sein Nachname bis heute lautet „Wegsweit“. Diesen hatte „Herr Wegsweit“ damals bei seiner Inobhutnahme erhalten, weil das Kind bei seiner Ankunft im Heim nur sagen konnte: „Weg ist weit.“ Die Angehörigen dieses Heimkindes konnten nie gefunden werden. In anderen Fällen indes wurden dank der Zusammenarbeit mit dem Jugendamt Familien im Laufe der Jahre wieder zusammengeführt. Auch das gehe aus den Akten hervor, erzählt Kotrel-Vogel. Die Suche nach Angehörigen der Kinder gehört mittlerweile der Vergangenheit an.

Heute werden Kinder und Jugendliche in die Putzbrunner Einrichtung gebracht, die ihre Eltern verloren haben und niemanden anderen mehr haben, der sich um sie kümmern kann. Oder Kinder, deren Eltern nicht in der Lage sind, für sie zu sorgen. Zu Anfang kommen die Kinder auf die Clearingstation in Putzbrunn. „Clearing“ bedeutet, dass Kotrel-Vogel und ihr Team die Kinder und Jugendlichen zunächst in einer Nothilfeeinrichtung aufnehmen, deren Bedarf ermitteln und nach der besten Lösung suchen. Gegebenenfalls suchen Psychologen auch das Gespräch mit den Eltern. 17 Kinder befinden sich derzeit dort . Im Clemens-Maria-Kinderheim leben weitere 81 Kinder in neun Gruppen. In der Zweigstelle in Aying haben 33 Kinder und Jugendliche ein neues Zuhause gefunden.

Neben pädagogischen und therapeutischen Angeboten sollen die Kinder im Clemens-Maria-Kinderheim einen möglichst normalen Alltag erfahren. Daher werden die Kinder auch in Gruppen eingeteilt, die dem Familienverbund ähneln sollen. Das heißt, es wird zusammen gegessen, Hausaufgaben werden gemacht — wie in einer normalen Familie eben auch. Großen Wert legen die Mitarbeiter im Heim darauf, dass die Kinder sich sozial gut entwickeln. Sie werden gezielt gefördert, nach den eigenen Talenten und Begeisterungen. Dazu zählt auch, dass die Kinder eine gute Bildung erhalten, erzählt Kotrel-Vogel. So gehört zum Clemens-Maria-Kinderheim auch eine private Förderschule, die einerseits von Heimkindern, andererseits auch von Kinder aus ganz München und Umgebung besucht werden kann. „Derzeit besuchen 16 Heimkinder diese Schule“, sagt Kotrel Vogel.

Sorgen bereite der Heimleiterin jedoch eines: Es gäbe zu wenige junge Menschen, die sich für eine Ausbildung als Fachkraft in einem Kinderheim wie dem Putzbrunner Haus entscheiden. „Die Arbeit in einer stationären Einrichtung ist aber sehr erfüllend. Man ist in allen Bereichen der Kindererziehung dabei und kann auf die Entwicklung der Kinder Einfluss nehmen“, appelliert Kotrel-Vogel an künftige Azubis. Auch sei der Schichtdienst nicht mehr so, wie vor 30 Jahren. Es gelten die modernen Arbeitszeitmodelle.

Da tue es gut zu hören, dass Ehemalige über ihre Zeit im Putzbrunner Heim sogar sagen, dass dies rückblickend die schönste Zeit in ihrem Leben gewesen sei. Viele einstige „Heimkinder“ hätten sich im Juni beim großen Sommerfest des Clemens-Maria-Kinderheimes getroffen und sich gemeinsam erinnert. „Über 400 ehemalige Heimbewohner und Mitarbeiter feierten mit uns“, erzählt Kotrel-Vogel. „Die Gäste sahen sich Fotoalben an, die sie teilweise selbst mitgebracht hatten und erzählten sich von ihren Erfahrungen und Erlebnissen im Clemens-Maria-Kinderhaus. Auch die zurzeit im Heim lebenden Kinder und Jugendliche konnte die Ehemaligen über ihre Zeit im Heim ausfragen.“ Die nicht-öffentliche 100-Jahrfeier findet am Freitag, 14. Oktober, in Putzbrunn statt. im

Auch interessant:

Mehr zum Thema:

Kommentare