„Die Entwicklung von Haar war sehr klug und mutig!“

Weichenstellungen über mehr als 100 Jahre

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Christiane Thalgott war von 1992 bis 2007 Stadtbaurätin in München.

Das Motto „Haar ist schön“ stellt Expertin Christiane Thalgott ihren Vortrag. Doch das über Jahrzehnte gewachsene Bild der Gemeinde ist kein Zufall. Und an der Unterstützung des Bezirks Oberbayern liegt der Erfolg nicht, meint sie.

HALLO: „Haar ist schön!“ Ist das einfach nur eine Feststellung oder eine bewusst provokante Aussage?

Chritiane Thalgott: (lacht) Schon beides ein bisschen. Aber Fakt ist, dass Haars Entwicklung in den letzten 100 Jahren sehr eindrucksvoll ist, weil sie mutig und sehr klug war. Aus ein paar Häusern für Krankenhausbedienstete ist ein selbständiger Ort geworden, der sich der Bewahrung historischer Qualität verpflichtet hat.

Das müssen Sie erklären. Welche Entscheidungen waren denn klug und mutig? 

Ich denke da zum Beispiel an die Nachkriegszeit, als in den 60er-Jahren beim Bau großer Siedlungen Mut bewiesen wurde. Auch die Erweiterungen in den 80ern und 90ern waren sehr klug, als bewusst keine Angst davor zu spüren war, Maßstabsbrüche durchzuführen. Obwohl der Bezirk Oberbayern es der Gemeinde eigentlich nie leicht gemacht hat.

Empfinden Sie dieses Verhältnis bis in die heutige Zeit als gestört? 

Es ist einfach ärgerlich, was sie da in den letzten Jahren gemacht haben. Dass es immer wieder zu Verkäufen nach außen kam, ohne mit der Gemeinde vorher zu reden, das ist schon respektlos!

Zu erhöhtem Blutdruck führt momentan auch das Wort „Nachverdichtung“. Ist der Trend Fluch oder Segen für München und die angrenzenden Gemeinden? 

Weder noch. Nachverdichtung ist einfach notwendig. Ein Aspekt, der dabei oft vergessen wird: Tatsächlich nimmt die Menschendichte in den Häusern stark ab! Wir haben jetzt 20 Quadratmeter pro Nase, vor nicht allzu langer Zeit waren es noch 20 bis 30. Daraus folgt also ohne Nachverdichtung eine Halbierung der Einwohnerschaft. Und das führt zu großen Problemen – vor allem im Bezug auf den Verkehr.

Ist es daher richtig, dass eine Gemeinde wie Haar großen Wert darauf legt, innen zu wachsen und nicht nach außen zu expandieren? 

In jedem Fall. Das ist sogar sehr schlau, denn die Problematik der Wege wird in der Zukunft noch stark zunehmen. Wir müssen Möglichkeiten finden, dass nicht jeder auf sein eigenes Auto angewiesen ist, sondern zu Fuß oder mit dem Rad ans Ziel kommt. Dafür muss man die Leute aber dicht zusammenbringen. Und das geht auch, ohne dass Grünflächen aus Stadt und Gemeinde verschwinden.

Überall wird gebaut. Warum ist alles so gesichtslos?

Das war am Ende des 19. Jahrhunderts sogar noch schlimmer. Damals waren sogar die Treppengeländer in allen Räumen gleich. Dass sich heute so vieles ähnelt, ist vor allem ein Problem der Wärmeschutzverordnung – und natürlich der Investoren. Viele Bauherren zeigen vor Ort sehr wenig Interesse an ihren Projekten. Da wird dann schon deutlich, dass sie eigentlich überall bauen könnten und an den Orten, wo sie bauen, nicht verwurzelt sind.

Sehen Sie den künftigen Jugendstil-Park in Haar als Beispiel eine gelungenen Alternative zu diesem Trend? 

Schon, allerdings hätte die Abstimmung mit der Gemeinde noch viel besser funktionieren können. Ich hätte mir auch eine kleinteiligere Planung gewünscht. Denn die Qualität der Gebäude dort ist schon abenteuerlich hoch. Wenn ich mir alleine die Kirche auf dem Gelände ansehe – so etwas gibt es sonst kaum noch.“

mh

Architektin und Stadtplanerin Christiane Thalgott führt auf allgemein verständliche Weise in die Thematik der Ortsentwicklung ein und geht auch auf die Rahmenbedingungen aus der Regionalplanung ein. Der Vortrag findet am Freitag, 1. Dezember, von 19 bis 21 Uhr in der Vhs Haar an der Münchener Straße 3 statt und ist gebührenfrei. Eine Anmeldung ist unter Telefon 46 00 28 00 oder www.vhs-haar.de erforderlich.

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