„Unsere Schullandschaft ist allgemein betrachtet auf einem guten Weg“

Schulamtsdirektorin Evelyn Sehling-Gebranzig geht in den Ruhestand

Nach mehr als 40 Dienstjahren ist die Fachliche Leiterin des Staatlichen Schulamts im Landkreis München, Schulamtsdirektorin Evelyn Sehling-Gebranzig, in den Ruhestand gegangen. Sehling-Gebranzig ist im Rahmen einer Festveranstaltung an der Erich-Kästner-Grund- und Mittelschule in Höhenkirchen-Siegertsbrunn feierlich in den Ruhestand verabschiedet worden. Im HALLO-Interview berichtet sie von ihrer Laufbahn, ihren Erfolgen und Wünschen für das Schulsystem.

HALLO: Mit welchem Gefühl gehen Sie in den Ruhestand? 

Evelyn Sehling-Gebranzig: Ich gehe mit einem guten Gefühl für meine Person in den Ruhestand. Jedoch bewegt mich noch, dass die Nachbesetzung meiner Funktionsstelle noch nicht erfolgt ist und die Kolleginnen und der Kollege im Amt meine Aufgaben mit übernehmen müssen. Dies ist eine gewaltige zusätzliche Belastung.

Ist die Schullandschaft allgemein auf einem guten Weg oder gibt es noch größere Baustellen, die Ihrer Meinung nach in der nächsten Zeit angegangen werden müssten? 

Aus meiner Sicht ist die Schullandschaft allgemein betrachtet auf einem guten Weg. Einige Beispiele dazu: Lernentwicklungsgespräche statt Zwischenzeugnisse in den Jahrgangsstufen eins bis drei der Grundschule und auch an der Mittelschule möglich. Einführung der flexiblen Grundschule.

Was bedeutet das? 

Das heißt Unterricht in jahrgangsgemischten Klassen und die Verweildauer in der Grundschule ist je nach Leistungsvermögen drei oder fünf Jahre möglich. Zudem gab es eine Ausrichtung in den neuen Lehrplänen der Grund- und Mittelschule auf die Kompetenz- orientierung, verstärkte Eltern- arbeit sowie die Einstellung von Drittkräften zur Deutschförderung beziehungsweise für interkulturelle Projekte

Und die Baustellen? 

Mehr Leitungszeit für die Schulleiter. Das heißt im Umkehrschluss: weniger Unterrichtsverpflichtung, um für Lehrkräfte mehr Beratungszeit, Zeit für Organisation und Innovation in der Schul- und Unterrichtsentwicklung zur Verfügung zu haben. Der Schulleiter ist der Motor für die Erziehungs- und Bildungsarbeit an der Schule.

Wie haben sich Schule und das Schulsystem in den letzten 40 Jahren verändert? 

Die Klassenstärke hat sich stark reduziert, von 34 bis 35 Schülern auf maximal 28 in der Grundschule. Zudem hat die Einrichtung von Mittagsbetreuung, Ganztagesklassen, Übergangsklassen, Mittlere-Reife-Klassen in der Mittelschule, Praxisklassen, Englisch in der Grundschule sowie Inklusion stattgefunden. Weitere Veränderungen sind die Errichtung von Schulverbünden in der Mittelschule, interner und externer Evaluation, Bereitstellen von Mobilen Reserven, Jugendsozialarbeit an Schulen, Active Boards in den Klassenzimmern, Unterrichtsmethodik ausgerichtet auf verstärkt fächerübergreifenden Unterricht und Selbsttätigkeit.

Sie hatten ja viel mit Mittelschulen zu tun? Was waren dort die härtesten Aufgaben, die Sie zu bewältigen hatten? 

Die Planung und Durchführung der Dialogforen zur Bildung von Mittelschulverbünden sowie Einrichtung von neun plus zwei Klassen an der MS, die einen Mittlere-Reife-Abschluss auch nach der elften Klasse ermöglichen.

Hatten Sie in Ihrer Laufbahn ein Projekt, das Ihnen am meisten in Erinnerung geblieben ist? 

Der inklusive Landkreis! Das ist ein Konzept, das auf der Grundlage der UN-Konvention in Zusammenarbeit Schulamt, Kreisjugendamt und AWO geplant wurde, um allen Schülern mit Behinderungen das Recht auf Teilhabe sowie das Recht auf Wertschätzung und Anerkennung von Diversität zu gewährleisten.

Das heißt? 

Dass all diese Schüler die Sprengelschule besuchen können. Der Landkreis hat bei Bedarf Integrationshelfer, die im Vorfeld geschult wurden, zur Verfügung gestellt. Außerdem wurden Fortbildungen, Supervision und kollegiale Beratung für Lehrkräfte und Integrationshelfer angeboten. Dieses Konzept wird durch die Ludwigs-Maximilian-Universität begleitet und evaluiert.

Wie sieht es bei der Integration von Flüchtlingen aus? 

Für Flüchtlinge, die traumatisiert aus den Kriegsgebieten in den Landkreis kommen, ist es zunächst wichtig, sie willkommen zu heißen. Erst an zweiter Stelle steht die Sprachförderung, die als Schlüssel zur Integration unabdingbar ist. Das gegenseitige Kennenlernen und Akzeptieren der Kulturen ist ebenfalls eine wichtige Grundlage.

Wie sieht das Ganze im Bereich der Schule aus?

Die schulischen Regeln, Rituale und Rahmenbedingungen müssen im Miteinander befolgt werden und bieten die Basis für ein schulisches, gelingendes Lernen, das sowohl zeitlich begrenzt in Übergangsklassen als auch in Regelklassen stattfinden kann. Dies ist vor Ort situativ zu entscheiden.

Gibt es in jedem Ort Übergangsklassen? 

Nein. Die Übergangsklassen sind in der Regel an den Standorten beziehungsweise in den Gemeinden eingerichtet, an denen auch die Flüchtlinge untergebracht sind. Im Grundschulbereich bietet sich im Sinne einer gelingenden Integration eine Beschulung in den Regelklassen an, ein zusätzliches Angebot an differenzierenden Maßnahmen, vor allem im Bereich der Sprachförderung, ist notwendig und wird angeboten.

Sind die Ausländeranteile in den Schulen merklich gestiegen? 

Die Ausländeranteile sind in der Zeit hoher Migration etwas gestiegen. Doch im Moment zeichnen sich keine weiteren Veränderungen ab.

Was sind besondere Herausforderungen der Inklusions- und Inte- grationsarbeit? 

Inklusion und Integration verlangen Lehrkräften und Schulleitern sehr viel Kraft und Energie ab. Es stehen viele Angebote zur Umsetzung zur Verfügung. Aus Fürsorgepflicht wäre es wünschenswert, Anrechnungsstunden zur Verfügung zu stellen, um den kollegialen Austausch verstärkter zu ermöglichen.

Möchten Sie noch etwas zu dem Thema sagen? 

Ich bedanke mich bei allen Lehrkräften, Schulleitern und allen im Bereich Inklusion und Integration tätigen Personen für die selbstverständliche Anstrengungsbereitschaft und Motivation, allen ihren anvertrauten Schülern die bestmögliche Förderung zuteil werden zu lassen. Sie sind eine große Stütze unserer Gesellschaft. Nochmal weg vom Thema Inklusion. Was war Ihr größtes Erfolgserlebnis in Ihrer Laufbahn? Mein größtes Erfolgserlebnis war das Gelingen, Schulleiter von der Klassenführung frei zu stellen, um ihnen eine intensivere Leitung der Schule zu ermöglichen, die sowohl den Schülern als auch den Lehrkräften zugute kommt.

Was wünschen Sie sich für das Schulsystem und -leben für die Zukunft?

Ich wünsche mir für unsere Lehrkräfte und Schulleiter für ihre verantwortungsvolle, sehr engagierte und am Schüler orientierte gewissenhafte Tätigkeit mehr Wertschätzung durch die Gesellschaft. Ich befürworte die in den Mittelpunkt gerückte „Digitale Bildung“ und deren ausgewogene Umsetzung, aber nicht zu Lasten emotionaler und sozialer Kompetenz.

Interview: Buchka

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