„Dieser Zucker macht das Herz bitter“

Interview mit Grünen-Mitglied Volker Leib über den Landraub in Afrika

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Bauern in Äthiopien werden enteignet, damit westliche Firmen die Rendite einstecken. Die Folge ist die Verelendung und Versklavung der Menschen.

Bündnis90/Die Grünen zeigte in Zusammenarbeit mit der Vhs Taufkirchen sowie dem Kulturzentrum am Freitag, 26. Januar, den Dokumentarfilm „Landraub“. HALLO sprach mit Grünen-Mitglied Volker Leib, Mitorganisator des "Grünen Kinos", über die globalen Auswirkungen des Landraubs in Afrika und Asien auf das gesamte Wirtschaftssystem. 

HALLO: Der Film spricht von einer neuen Welle des Kolonialismus. Was ist damit gemeint? 

Leib: Damit ist gemeint, dass westliche Firmen oder Ölstaaten wie Saudi-Arabien und China die Ackerflächen in afrikanischen und asiatischen Ländern aufkaufen. 

Von den einheimischen Bauern? 

Nein, und das ist ein ganz wichtiger Punkt, meistens kaufen sie diese von regionalen Herrschern, Potentaten oder korrupten Politikern, denen das Land gar nicht gehört.

Und wieso können die Bauern sich nicht dagegen wehren? 

Das ist ein grundsätzliches Problem in Ländern wie Kambodscha und Äthiopien. Die Verwaltung funktioniert nicht wie bei uns. Es gibt oft keine Grundbücher, die nachweisen könnten, dass die ansässigen Bauern das Land schon seit Generationen bewirtschaften. 

Was bedeutet das für die Bauern? 

Wenn dieses sogenannte „landgrabbing“ (wörtlich: Landgrapschen) passiert, dann werden die Kleinbauer von dem Land vertrieben, und damit wird ihnen ihre Existenzgrundlage genommen. Teilweise werden sogar ihre Häuser angezündet, wenn sie sich weigern zu gehen. Wenn diese dann nicht die Möglichkeit haben, in ein Nachbardorf zu fliehen, gehen sie in die Städte, um dort in den Slums zu leben. Und einige von ihnen machen sich dann vielleicht auch nach Europa auf — das sind dann die sogenannten „Wirtschaftsflüchtlinge“.

Die wir selbst geschaffen haben. 

Genau, wir haben ihren Fluchtgrund ja herbeigeführt. Wenn man also das Problem mit dem „landgrabbing“ in den Griff bekommen würde, dann wäre das auch eine Fluchtursachenbekämpfung. Wesentlich effektiver als Mauern zu bauen.

Aber wie argumentieren die Investoren anhand solcher Tatsachen? 

Sie haben Kapital und sind auf der Suche nach Rendite.

Das ist alles? 

Na ja, das ist der Hauptgrund. Ackerflächen werden ja auch immer knapper. So eine Landaneignung kann man nur einmal machen. Sobald es einem Investmentfonds gehört, wird das Land ausgeschlachtet. Ein mächtiger Investor lässt sich nicht vertreiben. Manchmal wird Land zum Spekulieren verkauft, um es dann teurer weiter zu verkaufen. Deswegen gab es 2008 nach der Wirtschaftskrise diesen Run auf Ackerflächen in Afrika und Asien.

Im Film ist von „Vertreibung, Verelendung, Versklavung“ die Rede... 

Ja, selbst gut gemeinte Entwicklungshilfe kann da ziemlich schief gehen. So wollte die Europäische Union die Wirtschaft in Kambodscha ankurbeln und hat dort die Zuckerproduktion gefördert. Dieses Projekt ging nach hinten los. Die Bauern wurden erst von dem Land vertrieben, um hinterher in der Fabrik angestellt zu werden. Jetzt dürfen sie dort für einen Hungerlohn arbeiten und der Zucker geht zollfrei nach Europa.

Und so wollte man Kambodscha helfen? 

Ja, aber den dicken Profit steckten natürlich die dortigen Unternehmer ein. Das ist keine Entwicklungspolitik, das ist ein Skandal!

Wie sähe denn eine Alternative aus? 

Man muss den Leuten vor Ort helfen, sodass sie sich selbst versorgen können, statt sie für unsere Zwecke zu versklaven. Es braucht verbindliche Regeln und Standards. Die Kleinbauern müssen einklagbare Rechte bekommen, die man nicht so einfach missachten kann. Die Regierungen müssen geschult werden, damit sie in Verhandlungen faire Bedingungen für ihre Bevölkerung aushandeln. Man sollte auch die regionalen Strukturen nicht zerstören. Die Bauer haben ja auch wertvolles Wissen um traditionellen und naturnahen Anbau, das verloren geht, wenn sie vertrieben werden.

Und wo bekommen wir dann unsere Rohstoffe her? 

Es hilft auf jeden Fall nicht, die Weltbevölkerung zu ernähren, indem westliche Firmen eine transnationale Agroindustrie aufziehen. Wir produzieren ja selbst in Massen, um zu exportieren. Eine ökologische, bäuerliche Landwirtschaft mit regionalen Wirtschaftskreisen ist viel sinnvoller.

Also sollte einfach jeder versuchen, sich selbst zu versorgen? 

Ja, es sollte so etwas wie Ernährungssouveränität geben. Man sollte natürlich trotzdem Handel treiben mit hochwertigen Produkten wie Käse, Wein und vielem mehr, aber die Grundversorgung sollte im regionalen Umfeld liegen. So kann man auch der Massentierhaltung entgegen wirken.

Müsste man sich dann selbst nicht einschränken? 

Vielleicht jahreszeitlich. Aber unsere Landwirtschaft gibt mehr als genug her. Der Punkt ist, dass alles immer billiger werden soll. Dann wird der Zucker aus Kambodscha billig in Europa verkauft, andererseits werden die Bauern hier von der EU subventioniert. Das ewige Wettrennen um Gewinnmargen führt zu einer solchen Abwärtsspirale. Eine Bäuerin in dem Film sagt dazu: ‚Der Zucker aus Kambodscha ist nicht süß, sondern bitter.‘ Sie hofft, dass die Leute in Europa diese Bitternis in ihren Herzen spüren. Und dass sie dadurch merken, dass alles, was sie auf dem Tisch haben, eine Geschichte hat.

Nun kann man als Einzelner nicht die große Politik ändern. 

Das große Rad kann man natürlich nicht drehen, aber man kann als Verbraucher darauf achten, dass man fair gehandelte und regionale Produkte kauft. Das Fairtrade-Siegel ist ein guter Anhaltspunkt. 

Interview: Lydia Wünsch

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