Der Sonnenkönig und seine Hannelore

Das Unterhachinger Barock-Ensemble „Danse Ancienne Bavarois“ sucht Verstärkung

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Hubert und Hannelore Eisenreich in ihrem Garten in Unterhaching. Für das Foto haben sie sich in ihre Barock-Kostüme geworfen, die sie bei Veranstaltungen und Auftritten tragen. Leider gibt es davon derzeit nicht viele. Denn es ist nicht leicht, Menschen für das längst vergangene Zeitalter zu begeistern.

Hubert und Hannelore Eisenreich aus Unterhaching leben für den Barocktanz. Leider ist es nicht leicht, diesen Lebensstil in der heutigen Zeit aufrechtzuerhalten.

Im Grunde ist es egal, für was man sich begeistert, solange man überhaupt für etwas brennt. Begeisterung gibt einem Energie und hält jung. Das sieht man bei dem Ehepaar Eisenreich aus Unterhaching, wenn man ihr Reihenhaus betritt. Das Klassikradio dudelt im Wohnzimmer, passend dazu zwitschern die Wellensittiche Japurá und Schnuckel, die frei herumfliegen dürfen. An der Wand hängt ein Bild von König Ludwig XIV. im vergoldeten Bilderrahmen. Am berühmten Schloss Versailles prägte der Sonnenkönig im 17. Jahrhundert die Epoche des Barocks, die etwa vom 16. bis zum 18. Jahrhundert dauerte. Eine Zeit des Prunks und der Dekadenz.

Von Dekadenz und Prunk ist in dem Reihenhaus in Unterhaching nicht viel zu sehen, wohl aber von Eleganz vermischt mit ein bisschen Kitsch und einer Prise Pragmatismus. Im gestreiften Hemd und einer Trachtenweste aus braunem Filz sitzt Hubert Eisenreich auf seiner Terrasse. Bunte Plastikgedecke zieren den Gartentisch. Darauf geblümtes Porzellan. Hier zwischen Vogelgezwitscher und Klassikradio erzählen der 74-jährige Hubert Eisenreich und seine Frau Hannelore wie sie zum Barocktanz kamen.

Eigentlich ist es eine Liebesgeschichte. Denn eine „flotte Mieze“, das war die Hannelore, als die beiden sich in den 1960er-Jahren kennenlernten. Als verliebter junger Mann sah Hubert Eisenreich regelmäßig seiner Freundin beim Balletttraining zu. „Irgendwann habe ich dann eben mitgetanzt.“ Jahre später, als seine Freundin schon lange seine Ehefrau und der gemeinsame Sohn erwachsen war, sah Eisenreich einen Aushang für eine Barocktanzaufführung. „Das war in Salzburg“, erinnert er sich. „Ich kann selbst nicht erklären wieso, aber irgendwie hat mich das interessiert. Ich habe dann angefangen, mich umzuhören, ob es so etwas auch in München gibt und bin nach einiger Zeit fündig geworden.“ 2004 sind Hubert und seine Hannelore, die bis heute noch Ballett in Ottobrunn tanzt, dem Ensemble für historischen Tanz „La Danza“ von der Tanzwissenschaftlerin Jadwiga Nowaczek beigetreten. Auftritte unter anderem im Unterhachinger Kubiz folgten. Doch Tänzer sind eben schwierige Menschen, wie Eisenreich findet, und so kam es, dass er sich irgendwann von der Tanzgruppe trennte.

Sie ist Chemikerin, er Informatiker 

Den Barocktanz hat er aber nicht aufgegeben. Allerdings ist es schwer, Menschen für so eine ausgefallene Tanzart zu begeistern. „Im Moment sind wir zu viert“, sagt Eisenreich. „Aber wenn wir wieder Aufführungen machen wollen, brauchen wir mehr Leute.“ 

Beruflich sind Hubert und Hannelore Eisenreich eher nüchtern orientiert. Sie ist Chemikerin, er Informatiker der ersten Stunde, wie er sagt. 1961, als Computer noch riesige Datenmaschinen waren, die in großen Fabrikhallen standen, hat er bereits als Programmierer gearbeitet. „Aber nur von dieser nüchternen Arbeit kann man ja nicht leben“, finden die beiden. Es gab eben immer diese anderen Seite bei dem vielseitigen Ehepaar. Und jetzt, wo sie nicht mehr arbeiten müssen, kann diese Seite mit Leben gefüllt werden.

Lebensfreude kennzeichnet auch das Zeitalter des Barocks, das eine Stadt wie München bis heute prägt. Der berühmte Bauherr François de Cuvilliés hat die Stadt um Gebäude wie das Cuvilliéstheater an der Residenzstraße oder Schloss Amalienburg in Nymphenburg bereichert. Sogar die Fassade der Theatinerkirche, die mit ihrem ockergelben Anstrich ins Auge fällt, stammt von dem Bauherr, der nach Eisenreichs Meinung viel zu wenig Beachtung findet. Zum 250. Todestag am 14. April wollte Eisenreich vor Cuvilliés‘ Wohnhaus an der Burgstraße eine Gedenkfeier abhalten. Sogar die Presse hat er eingeladen. Leider ist niemand gekommen. Zusammen mit seiner Frau stand er an diesem Samstag alleine vor dem Haus. Nur eine Reisegruppe, die zufällig vorbeikam, hat sich von dem Ehepaar für Cuvilliés begeistern lassen. Der Reiseleiter versprach sogar, das Haus künftig in sein Programm aufzunehmen. Man muss eben dran bleiben, glaubt Eisenreich.

Jeden Mittwoch trainieren er und seine Frau mit ihrem kleinen Ensemble die komplizierten Schritte des Barocktanz und hoffen, noch mehr Hobby-Tänzer dafür zu begeistern. „Dann“, hofft Hubert Eisenreich, „kann ich wirklich mal den Sonnenkönig in einer Aufführung darstellen.“

Lydia Wünsch

Tanz-Interessierte können sich unter www.goldener-barocktanz.de/danse-ancienne-bavaroise.html bei dem Unterhachinger Ehepaar Eisenreich melden.

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