Den Opfern ein Denkmal setzen

Jugendliche aus dem Hachinger Tal drehen Film über den Amoklauf

1 von 2
Alexander Spöri, Luca Zug, Julian Heiß, Leon Golz und Paul Schweller (von links) aus dem Hachinger Tal haben ein ganz besonderes Hobby: Sie produzieren Filme. Nun widmen sich die Jungfilmer einem besonders emotionalen und sensiblen Thema: dem Amoklauf im Olympia-Einkaufszentrum im Sommer vergangenen Jahres. Der Trailer ist schon fertig und verspricht einen Film, der wahrlich unter die Haut geht.
2 von 2
In ihrem Film-Studio im Keller der Familie Spöri in Taufkirchen arbeiten die Jungfilmer auf Hochtouren an ihrem Film „Unvergessen“.

„Unvergessen“ wird er bleiben, der Tag, an dem neun unschuldige Menschen beim Amoklauf im Olympia Einkaufszentrum (OEZ) München ihr Leben verloren haben. Im gleichnamigen Film wollen nun sechs Unterhachinger Gymnasiasten die Angehörigen der Opfer zu Wort kommen lassen.

Eine Kerze brennt — nur eine — ihre Flamme flackert hell vor dem schwarzen Hintergrund. Außer ihren tänzelnden Bewegungen regt sich nichts. Dazu singt Kaleo „way down we go“. Eine bedrückende, traurige Stimmung entsteht. Gänsehaut! Dann Szenenwechsel. Eine junge Frau erscheint im Bild — in schwarz-weiß, wie das gesamte Video. „Das werde ich nie abhaken können“, sagt sie. „Nie!“ Der Name der jungen Frau ist Margareta Zabergja. Ihr Bruder Dijamant verlor bei dem Amok-lauf im Münchner Einkaufszentrum OEZ am 22. Juli 2016 sein junges Leben. „Ich will, dass das nie, nie, nie vergessen wird“, sagt die 28-Jährige in einem knapp eineinhalb-minütigen Werbefilm zum Film „Unvergessen“.

Die Idee zu dem Film hatten sechs Zehntklässler des Unterhachinger Lise-Meitner-Gymnasiums. Auch sie wollen nämlich, dass der Tag unvergessen bleibt. Denn: „Über den Täter wurde viel gesprochen, über die Opfer weniger“, finden Ale- xander Spöri (16), Colin Maidment (17) und Luca Zug (16) aus Taufkirchen sowie Leon Golz (15), Julian Heiß (16) und Paul Schweller (15) aus Unterhaching. Dies wollen sie nun ändern. Deshalb lassen sie derzeit einen Film entstehen; einen Film über Jugendliche, die „die gleichen Träume, Wünsche, Hoffnungen hatten wie wir“, so Spöri.

Die Geschichten der Opfer lassen sich die Jungfilmer erzählen, unter anderem von den Angehörigen wie Margareta Zabergja. Sie gibt den Zuschauern einen Einblick in das Leben ihres damals 21-jährigen Bruders, der eines der Opfer war. „Es hat lange gedauert, an die Kontaktdaten der Angehörigen zu kommen“, erinnert sich Luca Zug. Zabergja hätten sie schließlich über Facebook erreicht. „Sie fand unsere Idee von Anfang an gut und war sofort bereit, uns ein Interview zu geben.“

Auf das Gespräch bereiteten sich die Jugendlichen sehr gut vor. „Wir haben im Vorfeld diskutiert, welche Fragen wir überhaupt stellen können und was die wichtigsten Punkte sind“, erzählt Zug. Ziel sei gewesen, das schwierige Thema korrekt und realistisch, aber keinesfalls reißerisch darzustellen!

Eine starke junge Frau

Dennoch habe ihnen das Interview Einiges abverlangt: „Das ist ein so emotionaler Moment, das springt auf einen als Kameramann auch über“, erinnert sich Leon Golz. Zabergja sei es sichtlich schwer gefallen, über ihren Bruder und das Geschehene zu sprechen, immer wieder habe sie kurze Pausen einlegen müssen. Doch: „Sie war stark und sie sieht den Film als eine Erinnerung an Dijamant.“ Zumal inzwischen ja alle Kerzen und Andenken vor dem OEZ weggeräumt worden seien.

„Unvergessen“ ist bereits das dritte Filmprojekt der „MovieJam Studios“ um Spöri und Zug. Bereits mit ihren Dokumentationen über das Olympia-Attentat 1972 und das bayerische Bildungssystem waren die Jungfilmer aus dem Hachinger Tal erfolgreich. „Olympia ‘72 wurde sogar zu Münchens zweitbestem Jugendfilm gekürt“, berichtet Spöri stolz. Zudem seien beide Filme im Mathäser-Filmpalast am Stachus gezeigt worden. Dennoch unterscheide sich das neuste Projekt deutlich von den anderen: „Das Thema ist viel sensibler, intensivere Recherche und professionellere Technik ist nötig“, erklärt Jungfilmer Paul Schweller.

Ihre Filmproduktionen betrachten die sechs als Hobby – unabhängig von der Schule, einfach „weil wir es wollen!“ Man lerne so viel fürs Leben und komme mit vielen interessanten Menschen in Kontakt. Für „Unvergessen“ bekommen sie beispielsweise Unterstützung vom Münchner Filmemacher Rodney Sewell und dem Komponisten Arno Brugger. „Wir freuen uns sehr, dass Arno Brugger uns die Musik zu ‚Unvergessen‘ schreibt“, sagt Spöri. So könne man die musikalische Untermalung genau auf die einzelnen Szenen anpassen.

„Unvergessen“ soll zu 70 Prozent dokumentarisch, zu 30 Prozent durch nachgespielte Szenen aufgebaut werden. „Den szenischen Einstieg wollen wir mit Schauspielern des Residenztheaters drehen“, verrät Golz. Der erste Drehtag ist für den 1. April vorgesehen. „Hier soll es um Dijamants Alltag, speziell um seine Arbeit gehen“, so Spöri. Der 21-Jährige habe kurz vor seinem Tod seine Ausbildung am Münchner Flughafen beendet.

Für zusätzliche Interviews seien die Schüler schon in Kontakt mit weiteren Angehörigen. „Gerne würden wir auch Einblicke in das Leben von Can geben“, sagt Zug. Der 14-jährige Moosacher war ebenfalls unter den Opfern und besuchte die Leistungssportklasse der Mittelschule Unterhaching. „Da ist der lokale Bezug für uns natürlich noch größer.“

Auch mit Polizisten, Notärzten, der Feuerwehr und weiteren Helfern wollen die sechs noch sprechen. Die Gespräche mit dem Leiter des Kriseninterventionsteams, Peter Zehentner, sowie dem Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins sind bereits im Kasten. „Mit Letzterem haben wir über eine Stunde lang gesprochen“, erinnert sich Spöri. Der Polizist habe den Jugendlichen klar gesagt, was bei der Polizeiarbeit gut und was weniger gut gelaufen sei. Kaum vorstellbar für die Jungs: „50 Stunden am Stück hat da Gloria Martins in diesen Tagen gearbeitet!“ Weitere Details aus den Interviews wollen die sechs noch nicht verraten. „Das sieht man dann im fertigen Film“, sagt Schweller.

Bis dahin recherchieren, filmen und schneiden die Jugendlichen fleißig weiter und hoffen, dass „Unvergessen“ bald auch wieder im Mathäser-Kino gezeigt wird. Ein Lieblings-Datum für die Premiere gibt es natürlich: den 22. Juli 2017, den Jahrestag der Tat. Wer bis dahin nicht warten will, kann sich unter www.youtube.de zumindest schon einmal den Trailer zum Film anschauen.

Tanja Buchka

Auch interessant:

Mehr zum Thema:

Kommentare