Zwei Wege mit einem Ziel: Das Auto soll unwichtiger werden

Die Zukunft des Verkehrs im Münchner Osten

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Der Stau gehört in München und in den umliegenden Gemeinden zum Alltag.

Mit dem Verkehr ist es ja ein bisschen so wie mit dem Wurst machen. Das Ergebnis soll für alle Beteiligten möglichst schmackhaft sein – und über den Weg dorthin wird der Mantel des Schweigens ausgebreitet. Die Schlagworte „Integriertes Mobilitätskonzept“ und „Interkommunales Verkehrskonzept“ sorgen halt im Alltag nicht gerade für euphorisierte Vorfreude auf angeregte Diskussionen. Und doch: Die Bürger wollen gehört werden, sie wollen sich beteiligen.

Im Rahmen des „Integrierten Mobilitätskonzepts“ geht es um die Verkehrswege in Haar selbst. Im März gab es zum Thema einen Workshop, an dem sich rund 100 Bürger beteiligten. Direkt anschließend wurde dann eine Online-Beteiligung freigeschaltet, die 432 Teilnehmer wahrnahmen. Das ist verhältnismäßig viel. Es ging um abstrakte Fragen zum Haarer Verkehr (mehr Fahrradwege, Möglichkeiten des Carsharings, Ausbau des Straßennetzes), aber auch um ganz konkrete Probleme jedes Einzelnen: Auf einer Landkarte konnten individuell Punkte gesetzt werden, wo es derzeit nach Meinung der Bürger hakt. So entstand ein Punkteteppich mit deutlichen Anhäufungen an bestimmten, neuralgischen Stellen der Gemeinde. Genau um diese Brandherde konnte sich der Lenkungskreis des Gemeinderates dann in der nächsten Phase des Konzepts kümmern.

Dabei wurde bestätigt, dass der Fußgänger in den Planungen vorrangig zum ruhenden und fließenden Verkehr behandelt wird. Und es soll mehr Querungen zur B304 geben. Außerdem will Haar die Voraussetzungen schaffen, um als „fahrradfreundliche Gemeinde im Landkreis München“ ausgezeichnet zu werden. In diesem Zusammenhang soll es auch neue Radwege geben – für die direkte, umwegarme Anbindung der Ortsteile an den Hauptort und die S-Bahnhöfe und durch eine gute Erschließung neuer Baugebiete und Infrastruktureinrichtungen wie zum Beispiel das Schulzentrum Gronsdorf. Es soll eine neue Radverbindung von Vaterstetten südlich entlang der Gleise bis zum Zentrum Haar ins Konzept aufgenommen werden. Das Gleiche gilt für eine neue Trasse nördlich entlang der Gleise ab S-Bahnhof Haar Richtung Gronsdorf – mit dem Ziel, langfristig eine attraktive, sichere Radverbindung in die Münchner Innenstadt zu erreichen als Alternative zum Radweg entlang der B304.

Der Motorisierte Individualverkehr (MIV) soll dagegen reduziert werden. Vor allem durch die Vermeidung von Durchgangsverkehr in Wohnquartieren und Nahversorgungsbereichen (Bahnhofstraße, Leibstraße) und durch die Verbesserung der Aufenthaltsqualität in Wohnstraßen durch konsequente Anwendung geschwindigkeitsreduzierender Elemente.

Wie das gelingen soll, legte der Lenkungskreis ebenfalls bereits fest: Die Verdichtung der Gemeinde soll vor allem rund um die S-Bahnhöfe und die B304 vorangetrieben werden. Und der Einzelhandel soll dezentral in den Wohngebieten stattfinden und nicht durch vereinzelte große Anbieter „auf der grünen Wiese“. Zusammengefasst lautet das Konzept also: Haar soll so aussehen, dass der Bürger sein Auto kaum noch benötigt und stehenlässt oder ganz abschafft. Damit das funktioniert, braucht es aber einen deutlich besseren Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Der 10-Minuten-Takt bei der S-Bahn (Haar und Gronsdorf) ist ein Dauerthema. Außerdem soll ein Ortsverkehr mit Mini- und Nachtbussen eingerichtet werden. Und der günstige MVV-Innenraum soll nach außen verlegt werden, um P+R-Verkehr zu vermeiden.

Ein Thema, das über Haars Grenzen hinaus interessant ist. Im Rahmen eines „Interkommunalen Verkehrskonzepts“ versuchen dort gerade sehr viele Beteiligte, zueinander zu finden. Neben Haar beteiligen sich die Gemeinden Anzing, Aschheim, Feldkirchen, Finsing, Forstinning, Kirchheim, Markt Schwaben, Pliening, Poing, Vaterstetten sowie die Münchner Stadtbezirke Bogenhausen und Trudering-Riem an dem Konzept. Bislang ging es dabei nur um eine Bestandsaufnahme der aktuellen Situation. Der finanzielle Aufwand der Gemeinden dafür ist sehr überschaubar. „Die Überlastung vor allem der Hauptverkehrsachsen ist bereits zu sehen. Daran wird sich auch nach dem Ausbau von A99 und A94 nichts ändern“, erklärt Verkehrsplanerin Eva Heller von der Firma Schlothauer&Wauer. Die grundsätzliche Idee einer interkommunalen Zusammenarbeit ist schnell einleuchtend. Denn Verkehr hält sich ebenso wenig an politische Grenzen wie die Luft. Wenn eine Gemeinde ein neues Wohnviertel oder einen neuen Gewerbepark baut, dann verursacht das einen Verkehr, der viele Nachbarn mit beeinflusst. Und ein neuer Fahrrad-Schnellweg, der nach der Gemeindegrenze plötzlich aufhört, wird auch nur wenige Radler anziehen. Ein Dialog mit möglichst vielen Beteiligten ist also wichtig. Doch die Umsetzung ist alles andere als einfach.

„Es gibt oft immer noch ein Kirchturmdenken, gerade bei Umfahrungen oder insgesamt im motorisierten Individualverkehr. Auch an Landkreisgrenzen wird oft aufgehört zu denken“, berichtet Eva Heller. Außerdem ändert sich die Strategie der einzelnen Gemeinden auch schnell. Wenn ein großer Investor plötzlich große Einnahmen verspricht, sagt niemand ab, nur weil es nicht in die vereinbarte Verkehrsstrategie passt. Außerdem ändern sich die Machtverhältnisse in vielen Gemeinden nach der Wahl im kommenden März. Es gibt also viele Gründe, warum in den kommenden Monaten nicht allzu viel passieren wird. Nur in zwei Dingen sind sich alle einig: Die öffentlichen Verkehrsmittel müssen zulegen. Und was in die Wurst kommt, weiß nur der Metzger. 

Marco Heinrich

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