Eine Geschichte über Familie, Heimat und die Suche nach dem persönlichem Frieden

Werner Dresel verlässt die kbo Klinik in Haar – nach 58 Jahren

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Vielleicht wäre alles ganz anders gekommen, wenn der Vater damals nicht gerade für eine kurze Zeit im Krankenhaus gewesen wäre. Für seinen Sohn, den jungen Werner Dresel, lief es gerade nicht gut. Er lebte Ende der 50er-Jahre im Ruhrgebiet in Wanne-Eickel und stand kurz vor dem Ende seiner Ausbildung zum Bergmann. Die Kohlekrise führte zu unbezahltem Urlaub und Zechenschließungen. Wie würde die Zukunft aussehen, die für Werner Dresel doch gerade erst beginnen sollte? Dann sah er in der Zeitung eine kleine Anzeige: Die Klinik in Haar suchte neue Pfleger. Und sein Vater hatte etwas dazu zu sagen: „Ich war gerade im Krankenhaus und habe die Pfleger beobachtet. Die haben nichts gemacht! Vielleicht ist das was für Dich.“ So kam Werner Dresel nach Haar. Er blieb an der Klinik 58 Jahre lang. Dass er in dieser Zeit nichts gemacht hätte, kann allerdings niemand behaupten.

In der Retrospektive verlieren die Erinnerungen oft ihre Kanten. Selbst an Streitigkeiten erinnert man sich mit einem Lächeln. Doch an seinen ersten Tag in Haar kann sich Werner Dresel noch gut und sehr bildhaft erinnern. „Es fing schon damit an, dass ich mir beim Aussteigen aus dem Zug fast den Fuß gebrochen hätte. Der war für den kleinen Bahnhof viel zu lang und ich musste irgendwo weit hinter dem Ende des Bahnsteigs herausspringen“, erinnert er sich. Doch das war nur ein kurzer Vorgeschmack auf das, was ihn in der Klinik selbst erwarten sollte. Die Patienten begrüßten ihn auf eine ganz – nun ja – eigene Weise.

„Im Rahmen eines Rundgangs wurden mir die einzelnen Häuser gezeigt. Plötzlich warf einer der Patienten etwas nach mir. Es verfehlte mich und landete hinter mir an einer Wand. Da merkte ich erst, dass es – wie soll ich sagen – Scheiße war“, erzählt Dresel. „Ich wollte auf der Stelle umdrehen und wieder nach Hause fahren. Dann sah ich, dass die Kollegen über den Vorfall lachten. Irgendwie war das Eis gebrochen.“ Dresel fuhr nicht wieder nach Hause. Er war jetzt zu Hause.

Am 1. April 1960 begann Werner Dresel als Lernpfleger in der Klinik. Der Auftakt einer Karriere. Später wurde er Oberpfleger (1974), Leitender Pflegedienstvorsteher (1984) und schließlich Pflegedirektor (1998). Ab 2004 schließlich füllte er die Rolle des Patientenfürspechers aus (Kasten rechts). Eine Position, die er jetzt im Alter von 78 Jahren verlässt. Wehmut will Werner Dresel nicht aufkommen lassen. Aber natürlich klingt sie durch, wenn er seine Geschichten über das Leben in und mit der Klinik erzählt. „Die Zeit hier – eigentlich war das mein Leben“, erzählt der Mann, der seit 56 Jahren mit seiner Frau verheiratet ist; eine Krankenschwester, die er ebenfalls in der Klinik kennenlernte.

Viel hat sich in all den Jahren geändert. Nicht nur in der Haarer Klinik, sondern generell in der Art und Weise, wie die Gesellschaft mit psychischen Problemen umgeht. Dresel erinnert sich noch daran, wie er „mitraufen musste“, um Patienten in Zwangsjacken zu bekommen. Und er weiß davon zu berichten, welchen Einfluss es hatte, als im Laufe der 70er-Jahre auf den einzelnen Stationen die Geschlechter nicht mehr voneinander getrennt wurden. „Plötzlich war es ein ganz anderes Milieu. Bei den Männern hat es nicht mehr so nach Socken gestunken. Und alle gingen viel vorsichtiger und zivilisierter miteinander um“, erinnert er sich.

Auch schlimme Erfahrungen musste Dresel machen. Elektroschocks wurden zu Beginn seiner Laufbahn noch ganz anders eingesetzt als heutzutage. Auch den Todesfall eines Patienten erlebte er durch diese Methode mit – der zuständige Arzt zeigte sich anschließend selbst an. Manch anderer Patient wählte trotz aller Bemühungen den Selbstmord. „Ich habe all das immer gut ausgehalten. Wichtig ist, dass man im Team über alles redet. Auch mit den Patienten hatte ich nie Streitereien. Man muss halt ehrlich sein und nur das versprechen, was man auch halten kann“, sagt Dresel. Wer in einem Beruf arbeitet, in dem es um Menschen geht, und in ihm aufgeht, vergisst so manche Begegnungen auch nach Jahrzehnten nicht. Werner Dresel erinnert sich an viele von ihnen. „Einer war extrem aggressiv. Er ließ sich oft einen Kaffee bringen – und schüttete ihn dann vor allem Frauen ins Gesicht. Er schrie auch viel rum, die Leute hatten Angst vor ihm. Ich ging dann also zu ihm hin und sagte: ‚Muss ich jetzt fürchten, dass ich von Ihnen eine gewischt kriege?‘ Da schaute er mich an und antwortete: ‚Nein, Sie doch nicht, Herr Dresel!‘“ Ein anderer teilte ihm in einem Gespräch mit, dass er am Abend einen Fluchtversuch unternehmen würde. Er sollte auch Wort halten. Nur erfolgreich war er nicht. Und wieder ein anderer kletterte immer auf Bäume und wollte nicht mehr herunter. „Ich komme nur runter, wenn der Herr Dresel kommt“, sagte er. Also wurde Werner Dresel geweckt. Er hatte es ja nicht weit von seiner Wohnung. Und wenn es um die Patienten ging, kannte er keine festen Dienstzeiten.

Die Klinik in Haar war für ihn mehr als eine Arbeit. Sie war Familie. Etwas, das in seinem Leben lange gefehlt hatte. Nach Dresels Erfahrungen basieren psychische Probleme oft auf einer problematischen Kindheit. „Das ist ein Muster. Die Mutter kann keine Liebe geben. Sie schimpft und schlägt. Der Vater ist oft nicht da“, erzählt Dresel. Und ein bisschen spricht er dabei auch über das eigene Leben. Die eigene Mutter stirbt während einer Schwangerschaft, als er noch ein kleiner Junge war. Der Vater heiratet noch einmal, das Verhältnis zur Stiefmutter ist schlecht und soll sich auch nie bessern. Früh will Dresel einfach nur abhauen – mit 16 Jahren setzt er den Plan in die Tat um. „Haar wurde die Familie, die ich sonst nicht hatte“, sagt er heute. Im Rückblick. Und neben der Dankbarkeit schwingt auch ein wenig Sorge mit, wie es ohne diese Familie jetzt weitergehen wird. Auch wenn es längst seine richtige Familie gibt – mit fünf Enkeln und seit einem paar Monaten auch dem ersten Urenkel. Menschen, die sich auf mehr Zeit mit Werner Dresel freuen. Auf seinen Rat. Und auf seine Geschichten. 

Marco Heinrich


Die Rolle der Patientenfürsprecher

Die Patientenfürsprecher beraten und vermitteln als unabhängige und neutrale Ansprechpartner bei Problemen von Patienten in den behandelnden Kliniken. Außerdem sollen sie allgemeine Schwierigkeiten der Patienten in den Kliniken erkennen und mit den Verantwortlichen besprechen. Bezirkstagspräsident Josef Mederer dankt den Patientenfürsprechern für ihre ehrenamtliche Arbeit. Ihr Wirken gehe oft über das hinaus, was die Institution Klinik für die einzelnen Patienten leisten könne. Ramona Schumacher und Heinz Wamser werden gemeinsam auf Werner Dresel als langjährigen Patientenfürsprecher des kbo-Isar-Amper-Klinikums München-Ost in Haar folgen. Bei der Einarbeitung wird er helfen.

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