Kolumne: Motzi und Ich

Warum ich mit Motzi an den großen Fragen des Lebens zu knabbern habe

In der HALLO-Redaktion schläft es sich besonders gut, findet Motzi.
+
In der HALLO-Redaktion schläft es sich besonders gut, findet Motzi.

Motzi schien der perfekte Hund für HALLO-Redakteurin Lydia Wünsch. Doch einfach lief das mit der Hundehaltung nicht.

Haar – Als ich Motzi zum Probewohnen holte, sagten mir die Tierheimmitarbeiter, dass bei der letzten Untersuchung Herzgeräusche zu hören gewesen waren. Ende des Monats sollte eine tiefergehende Untersuchung abklären, um was es sich handelte. So lange wollte ich nicht warten. Ende nächster Woche sollte sich entscheiden, ob ich den 10-jährigen Motzi behalte oder ihn nach der Probewoche zurückgeben. Bis dahin wollte ich wissen, ob ich es mit einem schwer herzkranken Hund zu tun hatte, der teure Medikament oder vielleicht sogar eine Operation brauchte! Und so war ich ein paar Tage später mit Motzi in der Tierarzt-Praxis und wartete gebannt, während der Tierarzt ihn abhörte. „Ja, da sind eindeutig Herzgeräusche zu hören. Für genauere Untersuchungen müsste man ihn allerdings röntgen“, erklärte der Arzt. Einen Termin habe er diesen Monat aber nicht mehr zu vergeben. Es sei also besser, auf den Termin im Tierheim zu warten.

Nun war ich genauso schlau wie vorher. „So schlimm kann es nicht sein, oder?“, fragte ich, doch der Arzt weigerte sich, ohne eine nähere Untersuchung genauere Angaben zu machen. Außerdem warteten weitere Patienten auf ihn. Ich aber machte keine Anstalten zu gehen. Unschlüssig stand ich mit Motzi an der Leine da und betrachtete den Hund, der neugierig den Raum beschnüffelte. „Was soll ich denn jetzt machen?“, fragte ich, weil ich mir insgeheim wünschte, jemand würde mir diese Entscheidung abnehmen. Der Arzt schien mir dafür kompetent. Machte man doch beim Autokauf ähnlich, oder? Doch hier ging es nun mal nicht um einen Gegenstand. Ganz im Gegenteil: Hier hatte ich es mit nichts Geringerem als den großen Fragen des Lebens tun. Das wurde mir schlagartig klar und es nahm mir für einen Moment die Luft weg. Wann entscheidend wir über lebenswertes Leben? Und wer war ich, dass ich darüber entscheiden durfte?

Natürlich war Motzi „nur“ ein Tier. Er könnte auf dem OP-Tisch sterben und dann wären die tausende von Euro umsonst ausgegeben. Früher ging es halt einfach vorbei, wenn ein Tier krank wurde. Hundehalter mussten sich vor zwanzig oder dreißig Jahren nicht mit solchen Frage beschäftigen, weil es noch nicht so viele Möglichkeiten gab. Heute gibt es sogar Krankenversicherungen und Bluttransfusionen für Tiere. Und habe ich nicht die Verantwortung, wenn ich Motzi adoptiere? Muss ich dann nicht alles tun, um ihn am Leben zu halten? Könnte ich es mir je verzeihen, wenn ich es nicht täte? Bei solchen Fragen kann einem schon ganz anders werden. Und so stand ich wie angewurzelt in der Praxis. Der Arzt aber wollte zum nächsten Patienten und schob mich zusammen mit dem Satz aus dem Raum: „Leben bedeutet Risiko. Entscheiden Sie nach Ihrem Gefühl.“

Es stimmte natürlich. Man weiß nie, wie etwas endet. Nur dass der Zeitpunkt irgendwann kommt, übrigens auch bei einem jungen Hund. Nur dann vielleicht etwas später. Dennoch muss man sich bereits vor der Entscheidung für ein Tier im Klaren darüber sein, dass man es eines Tages auf seinem letzten Gang begleiten wird.

Ich war jedenfalls froh, dass ich die Entscheidung nicht sofort treffen musste. Aber ein Blick in Motzis treue Hundeaugen reichte, und ich beschloss: Sein tapferes Hundeherz sollte mich jedenfalls nicht davon abhalten, ihm einen schönen Lebensabend zu bereiten.

Lydia Wünsch

Weitere Nachrichten aus der Region finden Sie in unserer Übersicht.

Besuchen Sie HALLO auch auf Facebook. 

Auch interessant:

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Corona in München: OB Reiter verkündet neue Maßnahmen - Augustiner Keller gewinnt Klage gegen Versicherung
Corona in München: OB Reiter verkündet neue Maßnahmen - Augustiner Keller gewinnt Klage gegen Versicherung
Wissenschaftler warnen: Mutation macht Coronavirus ansteckender - schon wird über dritte Welle gesprochen
Wissenschaftler warnen: Mutation macht Coronavirus ansteckender - schon wird über dritte Welle gesprochen
München probt Modell aus Barcelona: So wird der neue Superblock
München probt Modell aus Barcelona: So wird der neue Superblock
Corona-Test in München und Landkreis – Wo man sich in der Stadt testen lassen kann
Corona-Test in München und Landkreis – Wo man sich in der Stadt testen lassen kann

Kommentare