Gespenstische Ruhe statt Jubel und Begeisterung

Der Wahlabend im Bürgersaal Haar

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Lachen trotz abgesagter Wahlparty: Die vier Kandidaten für die Bürgermeisterwahl in Haar.

Eine spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen CSU und SPD — mit dem Ergebnis einer Stichwahl, einer Wahlbeteiligung, die trotz Corona höher als vor sechs Jahren war und eine gespenstische Ruhe statt einer jubelnden Menge. HALLO fasst den Wahlsonntag der Gemeinde Haar zusammen.

Haar – Es ist schon ein seltsamer Wahlabend am vergangenen Sonntag im kleinen Saal des Haarer Bürgerhauses gewesen. Die Wahlparty ist wegen Corona abgesagt worden, nur eine nicht-öffentliche Pressekonferenz mit den Kandidaten fand statt.

CSU-Kandidat Andreas Bukowski traf als Erster mit kleiner Gefolgschaft im fast leeren Saal ein. „Ist das spannend“, sagte er mit Blick auf die Zahlen, die mittels eines Projektors an der Wand zu lesen waren. Der CSU-Kandidat lag Kopf an Kopf mit Bürgermeisterin Gabriele Müller. Natürlich sei es schade, dass es keine Wahlparty gebe — vor allem für die ganzen Leute, die sich im vergangenen Jahr im Wahlkampf reingehängt haben. „Aber das holen wir nach“, sagte Bukowski, der sich die Freude über sein gutes Ergebnis nicht nehmen ließ. Dann trudelten nach und nach auch die anderen Kandidaten ein. Gabriele Müller musste erst einmal für ein paar Fotos posieren, bevor sie sich anschauen konnte, wo sie stand. Zuletzt trafen FDP-Kandidat Peter Siemsen und Grünen-Kandidat Ulrich Leiner ein. Während Kandidaten und Journalisten also gebannt auf die Wahlergebnisse warteten, stiegen die Zahlen der Corona-Fälle unkontrolliert weiter. Insgesamt 600 weitere Fälle in einer knappen Stunde. Zwischen dem regelmäßigen Blick aufs Smartphone verfolgten die Augenpaare so das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen der amtierenden SPD Bürgermeisterin und dem CSU-Kandidaten.

Kurz darauf standen dann die Ergebnisse fest. 42,4 Prozent für Bukowski, 42,2 Prozent für Müller, 13 Prozent für Leiner und 2,4 Prozent für Siemsen. Keine Begeisterungsstürme. Hier und da ein Handschlag und Glückwünsche. Immerhin: Trotz Corona ist die Wahlbeteiligung im Vergleich zur vorherigen Kommunalwahl von 49,2 auf 54,3 Prozent gestiegen. Dies schrieb Bukowski auch seinen vielen Hausbesuchen zu, die er bereit im vergangenen Jahr startete. „Auch wenn ich das in den letzten Woche wegen Corona nicht mehr machen konnte.“ Auch für die Stichwahl müsse man sich nun etwas überlegen. Denn Hausbesuche sind auch in den kommenden Wochen nicht drin. Ähnlich waren die Worte von Gabriele Müller. „Durch Corona konnte ich in der letzten Woche keinen Wahlkampf mehr machen. Ich war viel zu beschäftigt damit, die ständigen neuen Regelungen zu organisieren“, sagte sie. Schulen und Kindergärten mussten geschlossen und Notgruppen errichtet werden. „An erster Stelle stand für mich die Versorgung der Bürger. Das wird auch bis zur Stichwahl so bleiben.“ Ob sie traurig sei, keine Wahlparty feiern zu können? „Ich feiere eine Wahlparty“, sagte sie mit einem Augenzwinkern. Wie diese genau aussehen, ließ sie aber offen. Trotz der geringen Stimmen für die FDP zog Peter Siemsen eine positive Bilanz. Immerhin war die FDP lange nicht mehr in Haar präsent. „Für eine frisch gegründete Gruppierung ist das Ergebnis okay.“ Immerhin wird mit Peter Siemsen nun wieder ein Liberaler in den Gemeinderat einziehen.

Nur Ulrich Leiner war „ein bissel enttäuscht“, wie er zugab. Er hatte sich mehr als 13 Prozent erhofft. 15 Prozent wären seine persönliche Untergrenze gewesen. „Aber ich muss zur Kenntnis nehmen, dass die lange Haarer Tradition eines Kopf-an-Kopf-Rennens zwischen SPD und CSU doch nicht so leicht zu durchbrechen ist.“ Zum Vergleich: Vor sechs Jahren traten Bürgermeisterin Gabriele Müller und CSU-Kandidat Thomas Reichel gegeneinander an. Damals gewann Müller mit 55,8 Prozent. Reichel erhielt 44,2 Prozent.

Wie es dieses Mal ausgeht, wird die Stichwahl am 29. März zeigen. Diese wird für alle als Briefwahl stattfinden. Genaue Informationen dazu will die Gemeinde in den kommenden Tagen herausgeben.

Lydia Wünsch

Alle Ergebnisse finden Sie auch auf www.gemeinde-haar.de/rathaus/politik/kommunalwahlen

Kommentar

Eine Wahl zur falschen Zeit  - Die Kommunalwahlen in Bayern hätten verschoben werden müssen

Jede Stimme zählt. Das wird oft angeführt, wenn es um Demokratie geht. In Haar wurde der abgegriffenen Standardfloskel nun Leben eingehaucht. Ganze 20 Stimmen trennten Amtsinhaberin Gabriele Müller von Herausforderer Andreas Bukowski, der im ersten Durchgang sogar die Nase vorn hatte. Und trotzdem ist diese Wahl (und auch die Stichwahl am 29. März) alles andere als eine Sternstunde der Demokratie.

Es sind unsichere Zeiten. Der Kampf gegen Corona ist ein Kampf gegen einen unsichtbaren und immer noch weitgehend unbekannten Feind. Täglich wird der Alltag der Bürger beschnitten. Niemand kann voraussagen, wann so etwas wie Normalität wieder einkehren wird. Es ist nicht die Zeit für politischen Wettbewerb, für Gewinner und Verlierer. Es ist in diesen Tagen tatsächlich egal, ob Haar oder München einen roten oder schwarzen Bürgermeister bekommt. Es ist die Zeit kluger Entscheidungen und ruhiger Analyse. Ein Wahlkampf ist dabei für alle Beteiligten eine unnötige Last.

Die Bürger sind zur Wahl gegangen. Das ist gut. Besser wäre aber gewesen, die Kommunalwahlen zu verschieben.

Marco Heinrich

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