In Sachen Sex haben auch die Experten mehr Fragen als Antworten

Symposium im Isar-Amper-Klinikum Haar „It‘s all about sex“

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Das Thema Sex wird zunehmend in die Öffentlichkeit getragen. Wie beim Tanzschiff „Torture Ship“ in Friedrichshafen und Konstanz.

„Sexualität gehört zum Menschsein dazu.“ Diesem Satz von Peter Brieger, dem ärztlichen Direktor des kbo-Isar-Amper-Klinikums Haar, würden wohl nicht viele Menschen widersprechen. Gerade in einer Gesellschaft, in der „Sex sells“ – und das Thema einen nicht nur von Werbeplakaten jederzeit anspringt. Entsprechend voll war das Gesellschaftshaus im Klinikum Haar, als Brieger vergangene Woche zum Symposium „It‘s all about sex“ lud.

Trotz des großen Interesses sei das Thema Sexualität laut Brieger immer noch mit vielen Tabus behaftet. Vor allem, wenn es um sexuelle Störungen geht, ist die Scham, darüber zu sprechen, bei den meisten Menschen enorm. Doch was ist denn überhaupt eine „normale“ Sexualität und ab wann kann man von einer gestörten Sexualität sprechen?

Wenn es nach Meinung der Experten geht, die an diesem Nachmittag zu Wort kamen, liegt immer dann eine Störung vor, wenn der Betroffene oder sein Umfeld unter der Sexualität leidet. „Man darf alles machen, es darf dabei aber keine Opfer geben“, sagte etwa der Psychologe Dr. Peter Fiedler in seinem Vortrag. Fiedler beschäftigt sich unter anderem mit Fetischen, aber auch mit Pädophilie, Voyeurismus, Sadismus, Transvestitismus und Geschlechterrollen.

Für Dr. Hildegard Stienen, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, liegt zwar keine normale, aber immerhin eine sogenannte „Alltags-Sexualität“ irgendwo zwischen den Extremen: immerwährende Leidenschaft versus totaler Unlust. Beides nicht erstrebenswert. Oder? Denn wenn die Beteiligten damit gut klar kommen, liegt ja kein Problem vor. „Ich haben auch Paare erlebt, die asexuell zusammenlebten“, sagte Stienen. Auch das ist also möglich. Wenn beide damit glücklich sind, gibt es nach Meinung der Psychologen keinen Grund, irgendjemanden zu pathologisieren.

Überhaupt mögen Therapeuten und Psychologen es nicht, Dinge zu deuten und ihnen damit ein Stigma zu verpassen. Vielmehr sind sie dazu da, die richtigen Fragen zu stellen. Wo bewegen wir uns zum Beispiel gesellschaftlich hin? Gerade Internet und Technik haben in den vergangenen Jahren zunehmend Einfluss auf unsere Sexualität genommen. Nie war es so leicht wie heute, an Pornos heranzukommen. Daneben existieren neue Formen wie Cybersex und sogenannte Bordolle (Bordelle mit Puppen). All das sind die neuesten Phänomene unserer Zeit. In ihrem Vortrag warf Stienen die Frage auf, was das mit unserer Sexualität macht. Geht der Trend hin zum Solosex? Gibt es gar eine Verlagerung in das Körperlose? Gleichzeitig kommen durch die ständige Verfügbarkeit auch immer mehr Süchte auf. Virtuelle dreidimensionale Räume eröffnen „wahre Männerträume“: Von Frauen, die immer verfügbar sind, und in ihrem Aussehen stark an Pornodarstellerinnen orientiert sind. Das birgt Stienen zufolge auch Gefahren, denn das Gehirn gewöhne sich an diese Bilder. Eine Sexualität mit einer realen Frau zu leben, kann für die Konsumenten unter Umständen zunehmend schwierig werden. Dabei muss das nicht nur schlecht sein. „Wenn man alle Bordelle mit Puppen ausstatten würde, bräuchte es keine Frauen mehr, die ihren Körper verkaufen müssten. Und wäre das nicht grundsätzlich gut?“, fragte Stienen. Könnte es nicht auch sein, dass Menschen mit einer starken sozialen Hemmung damit wenigstens ein bisschen Glück empfinden? Kann man dadurch nicht Einsamkeit reduzieren und sogar das Wohlbefinden fördern?

Oder wird es den Menschen andererseits zu leicht gemacht, so dass sie es gar nicht mehr für nötig erachten, die „Anstrengungen“ einer realen Beziehung auf sich zu nehmen? Immerhin ist auch das ein Entwicklungsprozess, dem sich einige dann vielleicht gar nicht mehr stellen.

Ängste und Scham spielen bei Sexualität immer eine große Rolle und können das sexuelle Erleben stark beeinträchtigen. Beim Solosex muss man sich diesen Ängsten nicht mehr stellen. Allerdings birgt das vielleicht sogar eine „Entmenschlichung des Sexualraums.“ Viele Fragen, die auch Frau Dr. Stienen nicht beantworten konnte.

Fakt ist, dass die Menschen immer weniger Sex haben. Dies geht aus einer Studie hervor, die Dr. Tobias Skuban-Eiseler mit einem kleinen Augenzwinkern in seinem Vortrag präsentierte. In dieser Studie wurden Menschen von 1989 bis 2014 nach ihren sexuellen Aktivitäten befragt. Die Kurve, die Skuban-Eiseler aufzeigte, ging enttäuschenderweise eindeutig nach unten. Demnach hätten die Menschen heute durchschnittlich 50 Mal im Jahr Sex. Aber ist das überhaupt so wenig? Immerhin einmal in der Woche. Gleichzeitig macht Skuban-Eiseler klar, dass die Studie eine ziemlich einseitige Sicht auf Sexualität bietet, so wurde zum Beispiel Masturbation ausgeschlossen. Wobei der Bogen zum Solosex wieder geschaffen wäre. Und wie passt der abnehmende Geschlechtsverkehr nun mit einer angeblich immer sexualisierteren Gesellschaft zusammen?

Immerhin gibt es auch Menschen, die an „Hypersexualität“, also quasi einer Sexsucht, leiden. Das ist weniger spaßig als sich mancher vielleicht vorstellt. „Hypersexualität kann mit viel Leid verbunden sein“, sagte Skuban-Eiseler. Das kann soweit gehen, dass Menschen dem Pornokonsum sogar in der Arbeit nachgehen. Wenn sie dabei erwischt werden, ist der Gesichtsverlust groß. Spätestens hier kann man von einem totalen Kontrollverlust sprechen. Von Problemen mit dem Partner ganz zu schweigen.

Über all das muss, soll und darf nach Meinung der Experten geredet werden. Denn Akzeptanz sei der erste Schritt zur Besserung einer leidvollen Situation. Egal, ob es sich dabei um zu viel oder zu wenig Sex handelt.

Vielleicht kommt man der Antwort auf die vielen offenen Fragen auch ein bisschen näher, wenn man sich an die kanadische Sexualtherapeutin Peggy Kleinplatz hält, die von Stienen zitiert wird: „Welcher Sex wäre es Ihnen wert, ihn haben zu wollen?“

Lydia Wünsch

Dr. Tobias Skuban-Eiseler bietet Sexualtherapeutische Spezialsprechstunden im kbo-Isar-Amper-Klinikum Atriumhaus: Institutsambulanz Atriumhaus, Bavariastraße 11, 80336 München, E-Mail: spezialsprechstunde.sexualtherapie.iak-atr@kbo.de, Telefon 089-76780. Wer Opfer einer sexuellen Handlung geworden ist, erhält bei der Behandlungsinitiative Opferschutz unter www.bios-bw.de Hilfe.

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