Was wird aus dem Haarer Filetstück?

Studie weist einige Möglichkeiten aus

+
Eine Studie befasst sich mit der nördlichen Leibstraße in Haar. Ein Gelände, mit dem die Gemeinde in der Zukunft noch viel vorhat.

Jeder, der in München oder in den umliegenden Gemeinden derzeit eine Wohnung sucht, kennt ihn – den Druck, der auf dem Immobilienmarkt lastet. Aber auch für die politischen Verantwortlichen ist er ein ständiger Begleiter.

Was vor zehn oder 15 Jahren noch in Ruhe entschieden werden konnte, muss heute umgehend umgesetzt werden und steht unter extremer öffentlicher Beobachtung. Da hilft der Rat von Experten. Auch deshalb beteiligte sich die Gemeinde Haar an einer Studie der Firma „Studio Stadt Region“ und dem Lehrstuhl für Raumentwicklung an der TU München. Das Projekt „Gewerbe & Stadt – Gemeinsam Zukunft gestalten“ untersuchte neue räumliche Potenziale zwischen Gewerbeentwicklung und Stadtentwicklung im Quervergleich guter und innovativer Praxisbeispiele europäischer und ausgewählter amerikanischer Stadtregionen. Versucht wird ein Spagat zwischen ökonomischem Erfolg und gesteigerter Lebensqualität an den Standorten. „Es geht in der aktuellen Situa- tion viel ums Wohnen. Das ist aber nicht das einzige wichtige Thema. Auch in Gewerbegebieten halten sich die Menschen heute nicht mehr nur von neun bis fünf Uhr auf, um zu arbeiten. Kultur und Freizeitgestaltung gehören mit in die Planung“, berichtet Stephanie Wenzel, Projektleiterin bei „Studio Stadt Planung“.

In Haar sollte sie vor allem das Gebiet der nördlichen Leibstraße unter die Lupe nehmen, in direktem Umfeld des S-Bahnhofs. „Ein spannendes Areal, denn in der Umgebung tut sich ja schon sehr viel: Die Klinik kann sich erweitern, der Jugendstilpark wird gerade neu gebaut. Doch wer aus dem Bahnhof kommt, sieht zunächst einmal eine Baseball-Trainingsanlage“, beschreibt Wenzel die aktuelle Situation.

Stephanie Wenzel befasste sich im Rahmen der Studie auch mit der nördlichen Leibstraße in Haar.

Sie würde diesen exponierten Ort anders nutzen, mit einer Mischung aus Gewerbe, Wohnen und kulturellem Leben. Der Trainingsplatz würde an die Stelle des an das Baseballfeld angrenzenden Parkplatzes weichen. Und jener Parkplatz würde künftig in mehreren Etagen gebaut werden, um den dafür notwendigen Platz einzusparen. Eine Idee, die im Gemeinderat durchaus auf Wohlwollen stieß. Auch wenn Bürgermeisterin Gabriele Müller klarstellte: „Auf dieser Fläche muss etwas entstehen, das der Gemeinde auch Gewerbesteuer bringt!“ Auch für Haar wird es ein Balanceakt zwischen gewerblicher Nutzung und Lebensqualität werden.

Ganz allgemein gesprochen hofft Stephanie Wenzel, dass die Entscheidungsträger künftig weiter in die Zukunft denken: „Sie spüren einen großen Druck, Verbesserungen zu präsentieren. Dabei stecken sie in einem Zwiespalt. Denn ihre eigentliche Aufgabe ist es, langfristig zu denken und zu planen – weit über die eigene Legislaturperiode hinaus.“

Marco Heinrich

Kommentar

Das Stadtbild ist ein Werbemittel - Wenn schon gebaut werden muss, dann bitte anders

München und seine Umgebung verändert sich. Alleine das ist in einem konservativen Umfeld für viele schon keine gute Nachricht. Ein Gefühl, das sich verfestigt, wenn man sieht, wie in vielen Fällen gebaut wird. Das Auge wohnt in München oft nicht mit. Wer in der Stadt keine flachen Fassaden und Dächer sehen will, muss künftig wohl ins altehrwürdige Olympiastadion flüchten.

Was dabei nicht bedacht wird: Das Stadtbild ist ein Werbemittel. Für Touristen sowieso. Aber auch irgendwann für Firmen und deren Mitarbeiter. Momentan muss München keine Werbung in eigener Sache betreiben. Es kommen mehr Menschen in die Stadt als sie in dieser kurzen Zeit eigentlich bewältigen kann. Aber es ist längst nicht ausgemacht, dass dieser Trend auf lange Sicht anhält.

Wenn die Digitalisierung unsere Welt wirklich fundamental verändert, spielt es in vielen Bereichen der Wirtschaft bald keine Rolle mehr, wo die Mitarbeiter sitzen. Eine verbaute, überteuerte und architektonisch charakterlose Stadt hat dann nicht mehr viele Argumente. Auch deshalb muss es im derzeitigen Bauboom um mehr gehen als reine Zweckmäßigkeit. Denn alle Mittel heiligt der Zweck nicht.

Marco Heinrich

Auch interessant:

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.