„Es wird auch eine Zeit nach Merkel geben“

Wie der Streit zwischen Seehofer und Merkel in der „kleinen Politik“ ankommt

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Augen zu und durch? Die Taktik von Horst Seehofer wirkte und brachte ein Ergebnis – zumindest vorerst.

Wochenlang bestimmte der Konflikt zwischen CDU und CSU die Nachrichten in Deutschland. Die Politik in den Bezirken und Gemeinden ist davon kaum betroffen, glauben Otto Steinberger (BA Trudering-Riem) und Dietrich Keymer (Haar).

Otto Steinberger will am liebsten gar nicht darüber reden. „Oje, hören Sie mir bloß damit auf! Für die Politik im Land bin ich nicht zuständig“, sagt der Vorsitzende des Bezirksausschusses Trudering-Riem lachend, als er auf den nun doch noch (zumindest vorerst) befriedeten Dauerkonflikt zwischen Bundes-Innenminister Horst Seehofer und Kanzlerin Angela Merkel angesprochen wird. Ein bisschen was sagt Steinberger dann aber doch. „Sicher war die Art und Weise der Debatte nicht hilfreich. In der Sache hat Seehofer aber meiner Meinung nach Recht. Die Frage der Migration kann man nicht einfach aussitzen“, glaubt er. Als von vielen Bürgern greifbares Gesicht der CSU in Trudering und Riem hat er bislang noch keine Konsequenzen des Streits am eigenen Leib erfahren: „Ich kann nicht behaupten, auf der Straße oft von Bürgern darauf angesprochen worden zu sein. Vielleicht ändert sich da ja beim nächsten CSU-Stammtisch.“

Das glaubt sein CSU-Kollege in Haar allerdings nicht. Für Dietrich Keymer war das Tauziehen zwischen Seehofer und Merkel vor allem ein Ereignis der Medien. „Die Leute regt das Thema viel weniger auf als allgemein angenommen wird. Für mich sind die Medien hier ein klarer Mitverschulder. Irgendwas muss man ja immer bringen“, kann er die angebliche Dramatik bis hin zur Regierungs- und Staatskrise nicht nachvollziehen: „Die Medien beschäftigen sich halt gerne mit sich selbst.“

Wenn es um das Thema Migration an sich geht, sieht er es ähnlich wie sein Kollege aus Trudering/Riem. „Der Konflikt musste ausgetragen werden! Und ich glaube auch, dass jetzt für die nächste Zeit Ruhe sein wird zwischen der CSU und der CDU. Der jetzt gefundene Kompromiss wird mindestens ein gutes Jahr halten – also weit über die anstehende Landtagswahl in Bayern hinaus“, wagt Keymer eine Prognose.

Dass die Kanzlerin im anstehenden Wahlkampf nicht zum Einsatz kommen wird, findet er nicht weiter tragisch. Im Gegenteil. „Merkel ist halt keine Freundin der CSU – diplomatisch formuliert. Da war ja schon so, als sie Huber und Beckstein bei der Pendlerpauschale vor die Wand laufen ließ“, erinnert er sich. Zehn Jahre ist das nun her. Was einmal mehr zeigt, seit wie langer Zeit der Konflikt zwischen den Schwesterparteien schon schwelt. Trotzdem hält Keymer an der Fraktionsgemeinschaft fest, eine Ausdehnung der CSU auf ganz Deutschland will er nicht. „Die Zeit von uns allen ist begrenzt. Es wird also auch eine Zeit nach Angela Merkel geben – und ich hoffe, dass von der CDU dann noch etwas übrig sein wird.“ In der Zwischenzeit soll die CSU weiter einen geradlinigen Kurs fahren. Auch wenn der sich nicht immer durchsetzen lässt.

Marco Heinrich

Kommentar

Her mit den neuen Philosophen! 

Wie tauscht man einen Seehofer gegen Richard David Precht?

Der Nacken tut schon weh, so oft wird der politisch interessierte Bürger dieser Tage zum Kopfschütteln gebracht. Nicht nur die Aussagen von Horst Seehofer oder Angela Merkel werfen die Frage auf, ob das gezeigte Stück wirklich ein Drama ist – oder doch eine Komödie. Auf die Frage, ob Merkel mehr Visionen aufzeigen müsste, antwortete Psychologe Dieter Frey in der „Zeit“ tatsächlich, sie hätte eine: „Wir wollen ein offenes, menschenwürdiges Europa, das nachhaltig und innovativ ist.“

Wenn Dieter Frey jetzt noch einen Menschen findet, der gegen Menschenwürde, Nachhaltigkeit und Innovationen ist, hätte er vielleicht ein Argument. Und in Bezug auf die Offenheit tut die Union ja derzeit alles, um von „Wir schaffen das“ auf „Begreift es endlich, wir wollen euch hier nicht“ umzuschwenken. Eine Vision ist etwas anderes als eine Plattitüde. Was Deutschland, Europa und die Welt braucht, ist eine neue Generation von Philosophen. Ein Beruf, der mit jahrhundertealtem Staub bedeckt scheint. Aber es ist kein Zufall, dass Richard David Precht derzeit so oft im Fernsehen ist – und nie etwas sagt, dass zum Kopfschütteln veranlasst.

Marco Heinrich

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