Sozialpsychiatrisches Zentrum bittet um Unterstützung

Für die einen lästig, für die anderen Leben

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Arbeitsanleiter Klaus Guttenberger und Marjed Nasser beim Zusammenstellen eines Autoreifen-Reparatursets für die Firma Rema Tip Top.

Das Sozialpsychiatrische Zentrum des Bezirks Oberbayern betreibt an der Haarer Hans-Pinsel-Straße ein gemeinnütziges Unternehmen, das chronisch Kranken eine berufliche Perspektive bietet. Der Betrieb läuft gut, die Kunden sind zufrieden. Deshalb werden nun neue Auftraggeber gesucht – am besten Betriebe aus der Region, die lästige Aufgaben abgeben wollen!

Der Titel klingt etwas sperrig: Tagesstrukturierende Maßnahmen, kurz TSM, sollen im Gewerbegebiet an der Hans-Pinsel-Straße dafür sorgen, dass chronisch psychisch Kranke wieder einen Sinn in ihrem Leben finden, dass sie sich für die Arbeit fertig machen, die S-Bahn nutzen und eine Brotzeit einpacken, dass sie soziale Kontakte pflegen und sich ein paar Euro dazu verdienen.

Die Kranken, die meist stundenweise zur Arbeit bei den TSM erscheinen, sind auch keine Patienten, sondern Teilnehmer. „Bei uns beruht alles auf Freiwilligkeit“, betont Andreas Grauer, der als Bereichsleiter für die Beschäftigung seiner derzeit 95 Teilnehmer zuständig ist. In seinem gemeinnützigen Unternehmen werden Näh- und Bügelarbeiten angeboten, die bei den Haarer Bürgern bereits bekannt und beliebt sind. Der Großteil seiner Teilnehmer ist jedoch mit Konfektionierungs- und Industriearbeiten beschäftigt. Für Auftraggeber wie den Hueber Schulbuchverlag, den Auto-Zulieferer Rema Tip Top oder die britische Firma Camera Dynamics erledigen die Haarer TSMler Schweiß-, Verpackungs- oder Sortierarbeiten – zu einem Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent. Personal- und Sachkosten übernimmt der Bezirk Oberbayern.

Weil die Zahl psychischer Erkrankungen jedoch seit Jahren steigt und sich Grauers Betrieb zudem als äußerst positiv für die früheren Patienten des Haarer Klinikums erwiesen hat, wächst auch die Teilnehmerzahl am TSM-Programm. Und die muss Andreas Grauer beschäftigen – weshalb er derzeit auf der Suche nach neuen Auftraggebern ist. Ein idealer Kunde wäre in seinen Augen ein „kleiner Handwerksbetrieb, der sagt: ‚Es muss ja nicht alles der Lehrling machen‘“. Oder ein größerer Betrieb, der einfach „lästige Aufgaben abgeben will“. Für die Gemeinde Haar beispielsweise kümmerten sich Grauers Teilnehmer um das Verschicken der Weihnachtspost der Rathaus-Mitarbeiter. Für eine Apotheke stellten seine Leute kleine Kosmetik-Pröbchen zusammen. „Wir können uns die verschiedensten Aufträge vorstellen“, betont Grauer. Waren würden außerdem mit dem Firmeneigenen Transporter abgeholt und wieder ausgeliefert. Ziel der Arbeit Grauers mit seinen Teilnehmern ist, dass diese langfristig auf dem regulären Arbeitsmarkt zumindest 450-Euro-Jobs erledigen können. Er selbst freut sich aber auch schon über kleine Erfolge, etwa wenn ein Teilnehmer wieder Interesse an einem Leben außerhalb des eigenen Zimmers findet.

Wie wichtig es ist, psychisch instabilen Menschen eine Beschäftigung zu vermitteln, hat mittlerweile auch das Jobcenter München-Land erkannt, das ab März mit Grauers TSM kooperieren wird. Zwischen 15 und 30 Stunden sollen die vom Jobcenter vermittelten Landkreis-Bürger unter Grauers Aufsicht an der Hans-Pinsel-Straße beschäftigt werden.

Dem Sozialpädagogen Grauer in Diensten des Bezirks begegnen bei seiner Kundensuche allerdings ähnliche Herausforderungen wie Unternehmern in der freien Wirtschaft: „Auch unser Markt ist umkämpft, wir stehen in Konkurrenz zur Diakonia oder der Caritas.“ Grundsätzlich würden alle Werkstätten für behinderte Menschen (WFBM) Auftraggeber suchen. Grauer aber gibt sich selbstbewusst: „Wir sind ein gutes Team. Und wir stellen uns jeder Arbeit!“

Kontakt

Andreas Grauer ist als Bereichsleiter Beschäftigung für die Akquise von Aufträgen für die Tagesstrukturierenden Maßnahmen (TSM) im Sozialpsychiatrischen Zentrum (SPZ) der Kliniken des Bezirks Oberbayern (KBO) zuständig. Erreichbar ist er an der Hans-Pinsel-Straße 10b in Haar, unter Telefon 959931240 sowie E-Mail andreas.grauer@kbo.de.

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