Weltberühmter Torwart kam zum Klassentreffen in seine Heimatgemeinde

Sepp Maier: Der Haarer Lausbub mit seinen Kameraden

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Beim Klassentreffen im Gasthof zur Post in Haar traf Torwart Sepp Maier  (oben rechts) seine alten Freunde aus Kindertagen wieder. 

Beim Klassentreffen in Haar besuchte Torwart Sepp Maier seine Heimatgemeinde. 

Noch heute kursieren sie durch die Gemeinde, wie die Geister einer vergangenen Zeit. Die Gerüchte um den weltberühmten Torwart, Sepp Maier. Mit dem Radl soll er immer von Haar in das Städtische Stadion an der Grünwalder Straße, besser bekannt als das Sechziger-Stadion, gefahren sein. Da spielte er schon beim FC Bayern München. Der Mann, der 1972 Fußball-Europameister und 1974 Weltmeister wurde, ist in Haar aufgewachsen und zur Schule gegangen. Mittlerweile lebt er schon lange nicht mehr in der Gemeinde, sein Geist aber ist bis heute mit dem Ort verbunden. Jeder in Haar kennt ihn und nicht nur die Fußballjugend vom TSV verehrt „die Katze von Anzing“ bis heute für ihre fußballerische Leistung.

Und auch Sepp Maier selbst zieht es immer wieder an den Ort seiner Kindheit zurück. Auf jeden Fall zu den regelmäßigen Klassentreffen, die alle fünf Jahre im Gasthof zur Post am Kirchenplatz stattfinden. Dieses Jahr haben seine ehemaligen Mitschüler Vroni Eizenhammer, Heinrich Reitinger und Richard Fechter das traditionelle Treffen organisiert. Im Gasthof, gegenüber von ihrer alten Grundschule (wo sich heute das Maria Stadler Haus befindet), leben die Geister der Vergangenheit wieder auf. Und da geht es dann nicht nur um Fußball.

Die Lausbuben von Haar im Jahr 1957 (Sepp Maier in der obersten Reihe 3. von Links)

Dann sitzen sie endlich wieder zusammen — die Lausbuben von Haar. Und sie erzählen von ihren Streichen, als wäre es erst gestern gewesen. „Klar bin ich immer mit dem Radl ins Sechziger-Stadion gefahren“, erzählt Sepp Maier und winkt ab. „Das ist doch keine Strecke. Was wir immer unterwegs waren, im Truderinger Wald und überall. Wir waren ständig draußen und in Bewegung.“ Damals, in den 50er-Jahren, als es noch keine Smartphones und Computerspiele gab. „Wir waren noch richtig aktiv“, bestätigt auch sein ehemaliger Klassenkamerad Fritz Eder.

Überhaupt war alles anders in dieser Zeit. Der Zug von Haar nach München fuhr nur drei Mal am Tag. Da musste sich Grundschullehrer Meisel beeilen, wenn er nach der Schule den Zug erwischen wollte — im Schlepptau seine Schüler, die ihm hinterherliefen, weil sie herauskriegen wollten, was für Noten sie denn bekommen würden. „Er war aber auch ein strenger Lehrer“, sagt Maier. „Wenn der geschimpft hat, dann hat man ihn bis Gronsdorf gehört.“ Und schimpfen, das musste der Lehrer Meisel oft. „Wir waren die schlimmste Klasse!“, sagt Werner Michalik und lacht. „Frech, aber lustig.“ Eben eine richtige Lausbubenklasse, die gerne auch mal ihre Grenzen austestete. Auch wenn es dafür dann mit dem Stock auf die Finger gab. Da wurde ein Schüler auch mal durch den ganzen Klassenraum gejagt oder an den Ohrwascheln zur Tafel gezogen. „Das hat uns aber nicht geschadet“, da sind sich alle einig. Andere Zeiten. „Wobei: Das Holzscheid-Knien war schon hart“, gibt Michalik zu. „Oh, ja!“, erinnert sich Maier. „Ich weiß bis heute nicht, ob meine Knie mehr vom Fußball gelitten haben oder vom ewigen Knien auf dem harten Brett!“

Insgesamt habe man damals mehr Freiheiten gehabt als heute, selbst wenn diese einem manchmal sogar den Mittelfinger kosteten. So gab es damals im Tierpark Hellabrunn noch keine Glasscheibe vor dem Gehege der Menschenaffen. Nur ein Zaun trennte die Grundschüler beim Ausflug von den wilden Tieren. Die Jungs hatten ihren Spaß dabei, die Affen mit Nüssen zu füttern. So lange, bis einer der Affen sich dafür entschied, dass er den Finger von Werner Michalik wesentlich interessanter fand. Er schnappte sich die Hand und biss den Finger ab. „Aber er hat ihn immerhin nicht gegessen“, sagt Michalik, der heute darüber lachen kann. Angenäht habe man den Finger trotzdem nicht mehr. Die Medizin war damals eben nicht so weit. Eine Geschichte, kein Schicksal.

Und dann geht es natürlich doch noch um Fußball. Seine ersten Dribbelschritte machte Sepp Maier beim TSV Haar. Damals noch mit seinen Klassenkameraden. Dass er einmal Torwart das Jahrhunderts werden würde, hatte damals freilich keiner geahnt. Vor allem, weil Maier als Torjäger nicht gerade erpicht drauf war, selbst im Tor zu stehen. „Das war eine regelrechte Schmach für ihn, wenn er mal ins Tor musste“, erinnert sich Eder.

Sepp Maier (links) mit seiner Familie und Hund Prinz. 

Bis zu dem einen Sonntag Vormittag als es zum Pokalspiel gegen die zweite Jugend vom FC Bayern ging. Der Torhüter hatte sich im letzten Spiel verletzt und Maier musste wieder einmal widerwillig ins Tor. Und obwohl die Haarer Buam mit 9:1 gegen die Bayern verloren hatten, wurde der Jugendleiter des FC Bayern, Rudi Weiß, auf ihn aufmerksam. Im November 1958 wechselte Maier dann zu Bayern und seine großartige Karriere begann. Neben Europa- und Weltmeister wurde er Vizeeuropameister 1976, viermal Europapokalsieger, einmal Weltpokalsieger, viermal Deutscher Meister, viermal DFB-Pokalsieger mit Bayern München, Fußballer des Jahres 1975, 1977 und 1978. Und mit 95 Länderspielen ist er bis heute der Torwart mit den meisten Spieleinsätzen. „Man muss eben auch eine große Portion Glück haben“, sagt Eder dazu. Neben dem Talent freilich. Und vielleicht gehört auch eine große Portion Wildheit und Unbefangenheit dazu. So hechtete Sepp Maier auch mal während eines Spiels im Olympiastadion spontan nach einer Ente. Einfach, weil ihm gerade langweilig war. „Es gab gerade einen Elfmeter gegen Bochum“, erinnert er sich. „Das heißt, ich hatte nichts zu tun – und das Ganze hat ewig gedauert. Wir hatten damals ja auch nicht so viele Balljungen wie heute.“ Damals kamen auch ständig Enten vom Olympiasee ins Stadion und liefen während des Spiels auf dem Platz herum, da fing Maier aus Langeweile an, die Ente anzulocken. Erst mit ein bisschen Gras. Als sie sich trotzdem weiterhin zierte, hechtete Maier nach ihr und zwar genau in dem Moment, in dem Gerd Müller ein Tor schoss. Und die Leute im Stadion lachten. Keiner hatte mehr auf den Elfmeterschuss geachtet. Jeder wollte nur sehen, ob Maier es schaffte, die Ente einzufangen. Das hat er am Ende zwar nicht, aber die Sympathien der Fans hatte er umso mehr eingefangen. Diese hatte Maier bis zum Schluss seiner Karriere behalten, selbst als er sich nach seinem Autounfall 1979 vom aktiven Fußball zurückzog und nur noch als Trainer beim FC Bayern München fungierte.

„Er ist zu einem richtigen Lausbuben herangewachsen“, schrieb schon Lehrer Meisel in Sepp Maiers Zeugnis. Und dieser Haarer Lausbub, der ist er auch bis heute noch geblieben. 

Lydia Wünsch

Kommentar 

Die Leichtigkeit des Seins - Warum wir mehr Menschen wie Sepp Maier kennen sollten

Natürlich ist das Ergebnis nicht repräsentativ, aber eine kleine Umfrage unter den jungen Kollegen in der Redaktion ergibt tatsächlich, dass viele gar nicht wissen, wer Sepp Maier ist. Nun handelt es sich in den meisten Fällen nicht gerade um Fußballfans. Und doch: Sind Menschen wie Sepp Maier nicht gerade jene Vorbilder, die eine Gesellschaft zusammenführen? Ein Mann, der eben nicht nur wegen seiner sportlichen Leistungen als Torwart von Bayern München und der deutschen Nationalelf berühmt wurde, sondern auch für seinen ständigen Begleiter – den Schalk im Nacken.

Es ist gerade dieser leichte Umgang mit der eigenen Person, die vielen Menschen heute abgeht. Im ständigen Bedürfnis, sich nach außen im besten (oft falschen) Licht zu präsentieren, bleibt die Fähigkeit auf der Strecke, herzhaft über sich selbst lachen zu können. Wo sind die Vorbilder dafür?

Die ganze Welt erscheint dieser Tage voller Probleme, mit denen wir uns intensiv beschäftigen, ohne sie lösen zu können. Das Klima. Syrien. Die Schere zwischen Arm und Reich. Gut möglich, dass unsere innere Verkrampfung und unsere Angst ein Teil des Problems ist. Wir alle sollten mehr Menschen wie Sepp Maier kennen.

Marco Heinrich

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