Mehr als der Mann der Ex-Bürgermeisterin

Peter Schießl und sein Start im Gemeinderat Haar 

Peter Schießl in seinem Garten beim Interview.
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Peter Schießl in seinem Garten beim Interview.

Gabriele Müller ist nach 20 Jahren aus dem Haarer Gemeinderat ausgeschieden, ihr Mann Peter Schießl ist zeitgleich zum ersten Mal hineingewählt worden. Im Gespräch erzählt Schießl wie er zum neuen Bürgermeister Andreas Bukowski steht und warum er den Umgang mit seiner Frau nicht immer ganz fair fand.

Haar – Es ist schon ein etwas bitterer Zufall, dass Peter Schießl (SPD) gerade jetzt in den Haarer Gemeinderat gewählt wurde – als seine Frau, Gabriele Müller, das Bürgermeisteramt gegen Andreas Bukowski (CSU) verlor. Demokratie ist manchmal launisch. Und nachdem Gabriele Müller sich entschieden hatte, nach der Wahl auch ihr Mandat als Gemeinderätin abzugeben, ist es nun in erster Linie ihr Ehemann, der an vorderer Stelle für die Belangen der Gemeinde eintreten wird.

Natürlich hofft Schießl darauf, dass die ständigen Vergleiche mit seiner Frau dann irgendwann nur noch eine Nebensache sind. „Ich bin schließlich nicht nur der Ehemann von der Ex-Bürgermeisterin“, sagt er im Gespräch. Und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: „Ich kann schon auch selber denken.“ In den vergangenen Jahren war es natürlich trotzdem vor allem das Gesicht seiner Frau, das in der Öffentlichkeit zu sehen war. Es wird noch dauern, sich an den Wechsel zu gewöhnen. Aber der Gemeinderat Haar justiert sich eben gerade neu. Ein neuer Bürgermeister, zwölf neue Gemeinderatsmitglieder. „Im Moment befinden wir uns alle noch in der Findungsphase. Das ist ein Prozess, dem man Zeit geben muss“, sagt Schießl. Übrigens auch dem Bürgermeister. „Er muss erst noch in das Amt ­hinein finden, und die Zeit soll er auch bekommen.“

Versöhnliche Worte, wenn man bedenkt, dass Bukowski Schießls Ehefrau aus dem Amt gehoben hat. Aber Schießl wirkt ohnehin nicht wie ein Mensch, der lange mit Situationen hadert, die er nicht ändern kann. „Mein grenzenloser Optimismus gehört zu mir. Das ist ein Teil meiner Persönlichkeit.“ Wobei optimistisch zu sein für Schießl gar kein Hexenwerk ist. Ein Glas sei eben immer halb voll. Auch wenn die eigenen Lebenserfahrungen diese Einstellung schon manchmal einer ordentlichen Prüfung unterziehen können. Dass etwa sein Sohn 1995 behindert zur Welt kam, wäre ohne Optimismus nicht zu meistern gewesen, glaubt er. „In dem Moment, in dem man anfängt, den Kopf einzuziehen und zu sagen, das schaffe ich nicht, verliert man doch die Lust.“ Und so war den Kopf einzuziehen niemals eine Option. Schießl ist definitiv kein Mann, der die Lust am Leben und am Gestalten verlieren kann.

„Es wurde oft persönlich, das fand ich schade.“

Das wäre wohl auch niemals mit seinem Beruf als Hauptschullehrer vereinbar. Seit 1997 ist Schießl Lehrer an der Mittelschule Haar. „Dass ich Hauptschullehrer werde, und nicht etwa ans Gymnasium gehe, war nie eine Frage für mich“, sagt Schießl. Seine Mutter war Hausfrau, sein Vater Glasermeister. Kein Akademiker weit und breit. „So war für mich immer klar, dass ich dorthin gehe, wo ich mich zugehörig fühle und nicht etwa zu den ‚reichen Schnöseln‘ ans Gymnasium“, sagt er und lacht. Als Hauptschullehrer bekomme man viel mehr von seinen Schülern mit als am Gymnasium, glaubt Schießl. Das liegt auch am Klassenlehrerprinzip, bei dem die Schüler den größten Teil ihrer Unterrichtsstunden bei einem Lehrer verbringen. Da entstehe eine Bindung, bei der auch Persönliches besprochen werde. Hinzu kommt, dass man sich in einer Gemeinde wie Haar auch privat öfter über den Weg laufe. Aber genau diese Bindung macht den Reiz für Schießl aus. Auch wenn sich die Arbeit in den vergangenen Jahren stark verändert hat. „Früher war ich wirklich ein Wissensvermittler, heute steht der Erziehungsauftrag im Vordergrund.“ Das liegt, wie Schießl betont, keineswegs am Migrationshintergrund der Schüler. „Unsere Flüchtlingskinder machen oft die besten Abschlüsse. Weil vielen von ihnen bewusst ist, dass sie sich nur durch Bildung etwas erarbeiten können.“ Vielmehr habe es seiner Meinung nach mit den veränderten Arbeitsbedingungen zu tun. Heute müssten meist beide Eltern arbeiten, damit sie sich den Lebensunterhalt überhaupt noch leisten können. Die Kinder müssen teilweise auf ihre jüngeren Geschwister aufpassen. Haben also auch schon ihre Verpflichtungen. Da bleibt nicht mehr so viel Zeit für Schulangelegenheiten. Als Lehrer ist man dann stärker gefordert. „Wir helfen so gut wir können in allen möglichen Lebensbereichen. Es geht zum Beispiel keine Bewerbung meiner Schüler raus, ohne dass ich sie vorher Korrektur gelesen habe.“ Viel Verantwortung also, die Schießl für seine Schüler, aber auch politisch übernimmt.

Als Arbeiterkind und Hauptschullehrer ist es naheliegend, dass Schießl sich 1985 für die SPD entschieden hat und in die Partei eingetreten ist. Auch wenn das wirkliche politische Engagement mit dem Umzug nach Haar und der Gründung des Kindergartens „Bärenhöhle“ begonnen hat, den seine Ehefrau in den 90ern mitbegründete. Dann kam das Bürgermeisteramt von Gabriele Müller seit 2014 hinzu, das auch Schießls Weg mit beeinflusste. „In den vergangenen sechs Jahren habe ich fast keine Gemeinderatssitzung als Zuhörer verpasst.“ Und nun sitzt er selbst im Gremium und entscheidet mit.

Dort hat er bereits mit einigen Redebeiträgen seine Position klar gemacht. Aber wirklich spannend wird es erst, wenn es an die großen Themen geht, glaubt er. „Im Moment kratzen wir ja noch an der Oberfläche. Erst wenn es dann an Themen wie Autobahnparallele und Leibstraße geht, kristallisieren sich die unterschiedlichen Positionen deutlicher heraus.“ Da werde sich zeigen, ob die neue Harmonie, von der die CSU spricht, diesen Diskussionen standhält.

„Ich bin keiner, der Türen schließt.“

Und es wird sich zeigen, wie Schießl damit umgeht, wenn es in Diskussionen auch mal härter zugeht. „Mein Harmoniebedürfnis ist groß, aber nicht so groß, dass ich dafür grundsätzliche Dinge infrage stellen würde“, sagt er. Aber auf andere Menschen zugehen, das werde er immer.

Da macht er auch nicht vor dem Fraktionssprecher der CSU, Dietrich Keymer, halt, der in den vergangenen sechs Jahren als größter Kritiker von Gabriele Müller im Gemeinderat galt. „Dennoch schätze ich Herrn Keymer etwa für seine Sicherheit in rechtlichen Angelegenheiten, auch wenn wir verschiedene politische Ansichten haben.“ Differenzen muss man seiner Meinung nach aushalten und von der Person trennen können. Und auch, wenn er zugibt, dass er den Umgang mit seiner Frau im Gemeinderat nicht immer fair gefunden hat. („Es wurde oft persönlich, das fand ich schade.“), Schießl ist sich sicher: „Ich bin keiner, der Türen schließt.“

Lydia Wünsch

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