Eine wahre Heldin aus der Haarer Nachbarschaft

Was passiert mit Menschen nach einer Lebensrettung?

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Caroline Schmidt (links) und Brigitta Baumann am Ort, wo alles geschah.

Anfang Dezember rettete die Haarerin Caroline Schmidt einer Frau das Leben, die beim Gassigehen mit ihren Hunden einen schweren Herzinfarkt erlitten hatte. Ein Tag, der das Leben von beiden veränderte.

Nachts, in den Träumen, erlebt sie das alles nochmal. Bis heute. Allerdings ohne gutes Ende. „Ich bin in einer Not- situation und rufe die 112. Aber irgendetwas klappt nicht. Entweder es meldet sich jemand anderes als die Feuerwehr oder es ist so ein ganz altes Telefon, mit dem ich keine Verbindung bekomme“, erzählt Caroline Schmidt. Zum Glück klappte am 5. Dezember 2018 alles. Als es um Leben und Tod ging.

Caroline Schmidt ging ihren Hunden gerade in den Parkanlagen am Jagdfeldring Gassi, als eine Nachbarin auf einmal mit wild fuchtelnden Armen auf sie zugelaufen kam. Ein paar Meter weiter würde eine Frau leblos auf dem Boden liegen. Caroline Schmidt reagierte sofort, ließ die Nachbarin die Hunde anbinden und eilte zur Frau. Dann lief alles ab wie im Lehrbuch, „obwohl ich seit meinem Führerscheinkurs nie wieder einen Kurs gemacht habe. Und das war vor 40 Jahren“, sagt Schmidt. Zuerst prüfte sie Ansprechbarkeit, Puls und Atmung. „Ihr Mund stand offen, die Augen waren nach oben verdreht, ich spürte keinen Puls. Die Frau war tot“, erinnert sie sich. Sofort rief sie über die 112 die Feuerwehr, stellte das Handy auf Lautsprecher und begann mit der Wiederbelebung: „Der Mann am Telefon gab mir ein paarmal den Rhythmus vor, dann machte ich einfach weiter. Sonst ist an diesem Ort immer viel los – aber an diesem Tag kam einfach niemand. Ich hatte komischerweise keine Angst. Und durch das ganze Adrenalin im Körper spürte ich eine unglaubliche Kraft. Wenn ich sonst fünf Minuten Sport mache, falle ich um. Aber an dem Tag hätte ich eine Stunde lang so weiter machen können.“ Rund 15 Minuten kämpfte sie um das Leben der Frau. Als die Feuerwehr eintraf, hatte sie schon wieder einen leichten Puls. Nach einer Herz-OP, bei der Brigitta Baumann vier Stents gelegt wurden, lag sie drei Wochen im künstlichen Koma. „Ich habe an diesen Tag und die drei Wochen danach keine Erinnerung. Sie fehlen einfach“, sagt Baumann, die an jenem Tag fast gestorben wäre. „Ich bin Caroline unendlich dankbar. Wenn sie nicht so reagiert hätte, würde ich jetzt auf dem Friedhof liegen“, sagt sie.

Wer ein einziges Leben ... 

Wer ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt. So setzte Regisseur Steven Spielberg Oskar Schindler ein Denkmal in Sachen Zivilcourage. Leider folgen diesem Beispiel auch heute noch immer nur sehr wenige. „Als meine Tochter kurze Zeit später zu mir kam, erzählte sie mir, dass ganz viele Leute aus ihren Fenstern heraus zugeschaut hatten, während ich mit der Wiederbelebung beschäftigt war. Niemand hat gerufen und gefragt, ob er helfen kann“, schüttelt sie den Kopf. Zuschauereffekt, nennen das die Experten, „Pluralistische Ignoranz“. Frei nach dem Motto: Es sind ja so viele Menschen da, irgendjemand wird sich schon kümmern. Doch oft – zu oft – kümmert sich dann niemand. Und Menschen sterben vor ihrer Zeit. Der plötzliche Herztod ist mit über 130.000 betroffenen Menschen pro Jahr eine der häufigsten Todesursachen in Deutschland. Mehr als 50.000 Menschen erleiden deutschlandweit jedes Jahr außerhalb eines Krankenhauses einen plötzlichen Herzstillstand. Obwohl jeder helfen könnte, tun es die wenigsten. Nur rund 40 Prozent der Bundesbürger helfen im Ernstfall. Bereits drei Minuten nach einem Herzstillstand wird das Gehirn nicht mehr genügend mit Sauerstoff versorgt – es treten unwiderrufliche Schäden auf. Ein Beginn der Wiederbelebung durch Laien verbessert die Überlebensrate um das Zwei- bis Dreifache, denn bereits mit einer einfachen Herzdruckmassage kann der Restsauerstoff im Blut zirkulieren und so bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes die Überlebenswahrscheinlichkeit entscheidend erhöhen.

Anders als früher 

Brigitta Baumann darf weiterleben. Anders als früher. „Ich nehme alles bewusster wahr. Wenn ich etwas esse oder auch nur fernsehe. Es ist nicht selbstverständlich zu leben. Das ist mir jetzt bewusst“, sagt sie. Bei der Geburt eines ihrer Kinder hatte sie schon einmal eine Nahtoderfahrung. Seitdem hat sie keine Angst vor dem Sterben mehr. Was ihre Lust auf das Leben aber nicht mindert. „Ich werde doch gerade erst 70. Ich rauche nicht, trinke nicht und bin in Bewegung. Aber ich bin schon ein Treibauf, vielleicht sollte ich ein bisschen ruhiger werden“, sagt sie lachend.

Auch für Caroline Schmidt ist das Leben nicht mehr so wie es früher war. „Auf der einen Seite ist da ein lang anhaltendes Glücksgefühl, dass ich jemandem so helfen konnte. Als Kunstmalerin wird man ja sonst nicht als so wichtig wahrgenommen. Ich habe auch sehr viel positives Feed- back von meinen Kindern, Freunden und vielen Nachbarn gekommen. Viele haben mir gesagt, dass sie das selbst nicht geschafft hätten“, sagt sie – und fügt nach einer kurzen Pause noch hinzu: „Dabei ist es doch gar nicht so schwer.“ 

Marco Heinrich

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