Haarer Vater und Sicherheitsdienst-Mitarbeiter prügeln sich vor Flüchtlingsunterkunft

Zu wenig „Ruhe und Vernunft“?

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Weil er diesen Zaun fotografieren wollte, ist Markus Beiß mit dem Sicherheitsdienst der Flüchtlingsunterkunft in Streit geraten. Die Gemeinde findet das Verhalten des Haarers „befremdlich“.

In einen handfesten Streit mit einem Sicherheitsmitarbeiter geriet der Haarer Markus Beiß am vergangenen Donnerstagabend auf dem Gelände der Jagdfeldschulen in Haar, wo derzeit rund 70 Flüchtlinge in der Turnhalle des Gymnasiums untergebracht sind. Die Auseinandersetzung endete in zwei Anzeigen wegen Körperverletzung. Landratsamt und Gemeinde berufen sich auf ihre Vorschriften.

Noch Tage nach dem Vorfall ist Markus Beiß empört: „Auf‘s Übelste beschimpfen lassen musste ich mich“, berichtet der 43-Jährige gegenüber HALLO. „Hau ab hier“ sei noch das netteste gewesen, was er von den Sicherheitsmitarbeitern, die das Gelände am Jagdfeldring bewachen, gehört habe. Am Ende habe man ihn sogar am Hals gepackt, ihn gewürgt und gegen eine Mülltonne geschleudert. Dabei, so Beiß, habe er sich eine Kehlkopfprellung zugezogen. Erst die Polizei konnte die Streithähne trennen – und nahm die Anzeigen beider Parteien, jeweils wegen Körperverletzung, auf. Wie es überhaupt zu dem unschönen Ereignis am Rande der Haarer Flüchtlingsunterkunft im Ernst-Mach-Gymnasium kommen konnte, erklärt Beiß folgendermaßen: Gegen 18 Uhr habe er das Gelände betreten, um die Mängel am Sichtschutz, der die Schüler von den Gästen trennt, zu dokumentieren. Auf der Informationsveranstaltung mit Landrat Christoph Göbel und Bürgermeisterin Gabriele Müller sei den Eltern – Beiß‘ Tochter besucht die erste Klasse der Grundschule am Jagdfeldring – nämlich versprochen worden, dass eine klare Abtrennung errichtet würde. „Als ich einen Zaun entdeckte, der nicht durch Planen verhängt war, zückte ich mein Handy, um Beweisfotos für die Gemeinde zu schießen“, so Beiß. In diesem Moment seien auch schon sechs der acht Sicherheitsmitarbeiter auf ihn losgegangen. „Anstatt mir höflich zu sagen, dass Fotografieren hier nicht erlaubt sei, schrien sie mich an und wurden schlussendlich sogar handgreiflich!“ Personen, das ist dem Haarer wichtig zu betonen, hätte er gar nicht fotografiert, sondern lediglich den Zaun.

Dass er mit der Situation am Jagdfeldring alles andere als zufrieden ist, gibt Beiß offen zu. Gebäude an anderen Standorten hätten sich seiner Meinung nach besser als Notunterkünfte geeignet. „Auf der einen Seite sagt man uns, unsere Kinder würden fett, auf der anderen Seite fällt das gesamte Sportangebot aus!“ Und das im Winter, wo man wenig Möglichkeiten habe, sich draußen zu bewegen. Auch das Sicherheitskonzept findet er nach eigener Aussage mangelhaft – das sehe man ja an seinem Beispiel. Überhaupt seien die Eltern über die Belegung der Schulturnhalle nicht ausreichend informiert worden. In einem Brief an den Landrat und die Bürgermeisterin der Gemeinde Haar möchte er nun genau wissen, welche Anweisungen der Sicherheitsdienst habe, ob die Mitarbeiter ausreichend geschult seien, über welche Ausrüstung für den Ernstfall sie verfügten und welche Möglichkeiten es gebe, das Gelände zusätzlich zu sichern. Zudem fordert er, dass die Sicherheitsfirma umgehend gewechselt werden müsse. Denn, so findet Beiß: „So etwas soll sich nicht wiederholen!“ Wobei es ihm nicht nur um seine Person gehe: Auch die Flüchtlinge sollten doch gut untergebracht werden – „sie können ja am wenigsten dafür“.

Im Landratsamt und bei der Gemeinde Haar hat man allerdings wenig Verständnis für Beiß‘ Verhalten. So schreibt die Bürgermeisterin Gabriele Müller in ihrer Antwort auf den Brief des 43-Jährigen: „Ich möchte zum Ausdruck bringen, dass ich es sehr befremdlich finde, zur Unterkunft zu gehen, um dort zu fotografieren.“ Sie fände es besser, mit „etwas Ruhe und Vernunft“ an das Thema Flüchtlingsunterkunft heranzugehen.

Striktes Fotografierverbot auf gesamtem Gelände

Christine Spiegel vom Landratsamt stimmt Müller voll und ganz zu: „Das Fotografierverbot auf dem gesamten Gelände besteht ja nicht ohne Grund.“ Das Minimum an Privatsphäre, das diese Menschen noch haben, müsse unbedingt geschützt werden. „Auch wenn auf den Bildern keine Menschen zu sehen sind, fühlen sich diese doch beobachtet, wenn ständig jemand mit einer Kamera über das Gelände läuft“, sagt Spiegel. Deswegen gelte das Verbot für das gesamte Gelände und für jeden. „Nicht einmal der Ministerpräsident durfte auf dem Gelände einer Notunterkunft fotografieren!“ Wer am Donnerstagabend nun zuerst zugeschlagen hat, wird sich wohl nicht mehr klären lassen. Laut einem Polizeisprecher übernahm die Kripo die weiteren Ermittlungen. Langfristig, so Sprecherin Spiegel, sieht sie den Frieden in der Notunterkunft aber nicht gefährdet: „Wir hatten bisher nie Probleme mit der Sicherheitsfirma und auch sonst geht es sehr harmonisch in der Halle und auf dem Gelände der Jagdfeldschulen zu.“ Allerdings verbesserte die Gemeinde nun tatsächlich den Sichtschutz zur Anlage. Am Zaun wurde mittlerweile eine grüne Plane befestigt.

Tanja Buchka

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