„Behindert ist nicht gleich behindert!“

Neuer Beirat in Haar für Gleichstellung, Integration und Teilhabe

+
Der Behindertenbeirat in Haar mit seinen Mitgliedern Alexandra Schlotterer, Reinhold Linke, Klaus Rückert, Georg Obermaier, Bettina Endriss-Herz, Peter Schließl, Wolfgang Hillner und Fritz Kerber (v.l.n.r.). Neuntes Mitglied und nicht auf dem Bild vertreten ist Friederike Stadler.

Die Gemeinde Haar hat einen Behindertenbeirat berufen, um künftig die Interessen und Anliegen von Menschen mit Behinderung zu vertreten.

Selbstbestimmt und eigenständig am öffentlichen Leben teilhaben und barrierefrei durch den Alltag schreiten, das ist nicht für jeden möglich. Im Landkreis München leben über 25.000 Menschen, die von Behinderungen verschiedener Ausprägung und Schwere betroffen sind. Davon kommen rund 2600 Menschen aus Haar. Darum hat die Gemeinde nun einen Behindertenbeirat berufen, um die Belange der Bürger mit Behinderung zu fördern. Der Beirat setzt sich aus neun Mitgliedern zusammen, die entweder selbst eine Behinderung oder mit Behinderungen Erfahrungen haben, beispielsweise durch betroffene nahe Angehörige oder von Berufs wegen. Mitunter im Beirat vertreten ist Bettina Endriss-Herz (50). Sie ist die erste Vorsitzende des Behindertenbeirats Haar und selbst seit mehr als 25 Jahren an den Rollstuhl gebunden. „Als ich vor 25 Jahren die Diagnose MS (Multiple Sklerose) bekam, war das ein Schock. Ich habe mich allein gelassen und hilflos gefühlt“, sagt die Vorsitzende: „Aus diesem Grund gibt es unseren Beirat. Wir haben ein offenes Ohr für die Bürger mit Behinderung und nehmen uns als Ansprechpartner jedem Bedürfnis an. Weitestgehend versuchen wir, ihnen selbst zu helfen, so gut wir können. Allerdings gibt es so viele verschiedene Arten von Behinderungen in unterschiedlichster Ausprägung, dass man in der Regel gar nicht persönlich weiterhelfen kann. Dann vermitteln wir sie weiter und geben eine entsprechende Anlaufstation mit. So bauen wir nach und nach ein Netzwerk auf.“ Eine weitere Aufgabe des Beirats ist es, Gemeinderat und -verwaltung in behindertenrelevanten Planungen, der Schaffung von Einrichtungen sowie der Koordination und Durchführung von Maßnahmen für behinderte Menschen zu beraten. Die Beratung erfolgt durch Aufforderung des Gemeinderats. Der Behindertenbeirat kann jedoch auch von sich aus Stellungnahmen, Anregungen, Vorschläge oder Gutachten abgeben, die auf seinen Antrag im Gemeinderat zu behandeln sind. Über die Beschlüsse des Beirats wird anschließend vom Gemeinderat abgestimmt.

„Im Moment befindet sich der Behindertenbeirat noch im Aufbau. Wir haben in unserer ersten Sitzung schon viele Ideen angesprochen, aber gleich gemerkt, dass man sich vieles zu einfach vorstellt. Es gibt Dinge, an die man nicht denkt oder aufgrund der eigenen Perspektive sich zu wenig Gedanken für das große Ganze macht“, sagt Endriss-Herz. „Ich habe zum Beispiel nie verstanden, weshalb die Gehsteigabsenkungen nicht einfach bis zur Straße abgesenkt werden können. Der Unterschied zwischen einer ein Zentimeter und einer 2,5 Zentimeter hohen Absenkung ist für einen Rollstuhlfahrer riesig. Frau Schlotterer aus dem Behindertenbeirat ist blind. Sie hat mir erklärt, dass eine Kante zum Bordstein notwendig sei, da sie sonst mit ihrem Blindenstock nicht das Ende der Straße ertasten könne. Behindert ist eben nicht gleich behindert. Es wird schwierig, allen gerecht zu werden. Aber aufgrund unserer eigenen Behinderung können wir die Bedürfnisse anderer gut nachvollziehen.“

Jens Verhey

Auch interessant:

Mehr zum Thema:

Kommentare