Gegen Jugendwahn und männliche Unterdrückung

Multitalent Sissi Perlinger im großen HALLO-Interview

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Sissi Perlinger ist zu Gast in Haar.

HALLO: Frau Perlinger, Sie witzeln in ihrem Programm oft über Geschlechterrollen. Dabei scheint die „starke Frau“ eines ihrer Themen zu sein.

Perlinger: Also, zunächst mal würde ich sage, dass ich selbst eine starke Frau bin (lacht). Aber mal ganz ehrlich: So habe ich das noch nie betrachtet. In meinem Programm in Haar wird es ja vor allem um das Älterwerden gehen, beziehungsweise um das Jungbleiben.

Aber gerade die ältere Generation hat zur Emanzipation oft eine andere Einstellung als die junge.

Das stimmt. Meine Mutter war zum Beispiel völlig geschockt darüber, dass mein Freund den Haushalt selbstverständlich mit übernahm. Gerade Kabarett-Publikum ist ja meistens über 50. Ich denke aber, dass ich nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer dort abhole, wo ihre alten und verkrusteten Einstellungen haften. Ich zeige ihnen, dass man Älterwerden komplett neu erfinden kann. Dass es ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht einfach nur abwärts geht, sondern dass das sogar ein Aufsteigen sein kann, bis hin zu einem Höhepunkt. Und das bis weit in die 80er hinein. Die Alterforschung sagt, dass Menschen mit 80 viel glücklicher sind als mit 18.

Woran liegt das?

Die innere Einstellung macht 90 Prozent des Alterungsprozesses aus. Wenn wir Ängste haben, ziehen wir die ganzen negativen Effekte wie Krankheiten an. Wenn wir das Altern hingegen freudvoll und positiv angehen, ist unsere Körperchemie statt voller Adrenalin gefüllt mit Endorphinen. Dadurch werden wir seltener krank und gebrechlich. Man muss sich natürlich auch genügend bewegen, vor allem das Gehirn muss beweglich bleiben!

Und dann macht Altern Spaß?

Dann ist das Alter die Zeit, in der man sich endlich einmal entspannen und dankbar sein kann. Dadurch wird man weise und liebevoll. Und weise Menschen brauchen wir in unserer Gesellschaft gerade am dringendsten. Wenn diese Menschen einmal Überhand nehmen, wird die Überalterung für uns noch ein Segen sein.

Wie kommt man nun in der Praxis zu dieser Weisheit?

Das kommt ja von alleine mit dem Älterwerden. Das ist ja das Schöne. Ich genieße jeden Tag, an dem ich älter werde, weil ich merke, dass ich nicht mehr so getrieben bin. Ich habe nicht mehr ständig das Gefühl, etwas zu verpassen. Heute arbeite ich lieber an meinem seelischen Vorankommen.

Seelisches Vorankommen hat in unserer Gesellschaft ja nicht gerade oberste Priorität. Da geht es eher um die Karriere und das Erwerben von Statussymbolen.

Und das war in den alten Kulturen ganz anders. Da waren alte Menschen aufgrund ihres Erfahrungsschatzes hoch angesehen. Die alten Leute wussten, wie man mit Krisen umgeht und dass man weitermachen kann, selbst wenn man einen geliebten Menschen durch Tod verloren hat. Darum war der Ältestenrat das Zentrum des damaligen sozialen Lebens.

Und wie ist das heute?

Heut leiden wir unter der Diktatur des depperten Jugendwahns. Das wurde auch ganz bewusst kreiert, weil junge Menschen mehr kaufen. Darum stürzt sich die gesamte Medienwelt auf dieses kleine Segment zwischen Clearasil und Abitur. Allen anderen hingegen jagt man Komplexe ein, um ihnen noch den ganze Anti-Aging-Schmarrn zu verkaufen. Diese Jugenddiktatur, die bei uns heute herrscht, hat es noch nie gegeben – und von der darf man sich nicht unterkriegen lassen.

Aber nicht jeder entwickelt im Alter automatisch so eine Einstellung. Viele verbittern.

Ich habe bei meiner Mutter erlebt, wie sie von einer extrem lebensfrohen Frau zu einem Menschen wurde, der in den letzten Jahren nur noch dahingewelkt ist. Sie hat nur noch gejammert, bis sie dann viel zu früh gestorben ist. Für sie war ab einem bestimmten Zeitpunkt klar: Jetzt geht es eh nur noch bergab, und am Schluss fressen mich die Würmer.

Oh Gott!

Genau. Und da habe ich für mich beschlossen: Das kann es nicht sein! Ich habe also angefangen, mich mit dem Thema zu beschäftigen und habe festgestellt, dass Altwerden und Tod lustige Themen sind. Darum ist mein Programm auch extrem positiv. Ich bin ja Bühnen-Schamanin und will die Leute mit einer guten Energie aus meiner Show entlassen.

Hat Ihre gute Energie auch etwas damit zu tun, dass Sie viel Zeit in Indien verbringen?

Ja, Inder haben keine Angst vor dem Tod. Sie freuen sich vielmehr auf die Reinkarna­tion. Sie unterteilen ihr Leben in drei Kategorien: Learn, Earn und Return. Also: Lernen, verdienen und wieder zurückgeben. Sobald es sich ein älterer Mensch in Indien leisten kann, gibt er sein ganzes Hab und Gut an seine Familie ab und geht im den Ashram, um dort in der selbstgewählten Armut zu leben. Da wird am Ende des Lebens nur noch meditiert und in den heiligen Schriften gelesen. Diese Menschen sind hoch angesehen, junge Menschen verbeugen sich vor ihnen. Da ist der Mensch nicht wertlos, nur weil er nicht mehr konsumiert.

In Deutschland werden alte Menschen als Kostenproblem gesehen. Stichwort: Grundrente.

Das ist eine unglaubliche Ungerechtigkeit. Diese Menschen haben ihr Leben lang geschuftet. Und da geht es dann tatsächlich speziell um Frauen, die ihr Leben lang gearbeitet, Kinder großgezogen und die Eltern in den Tod gepflegt haben — und am Schluss in der Altersarmut enden, weil sie ja nicht „gearbeitet“ haben.

Hat das nicht auch etwas mit der Erziehung zu tun? Dass man sich für seine Lieben aufopfert?

Ja, darauf wurden die Frauen früher getrimmt. Das ist ja auch praktisch, dann hat „Mann“ ja immer jemanden, der alles für einen macht. Und so haben viele, gerade ältere Frauen, nie gelernt zu sagen: ‚Moment mal, ich habe auch noch ein eigenes Leben!‘ Darum wird bis heute jede Form von Gleichberechtigung immer noch latent unterdrückt. Frauen müssen auch heute noch drauf achten, dass sie sich nicht zurückdrängen lassen.

Ist das in der Comedy-Branche auch so?

Also, ich muss sagen. Ich hatte zu meiner Zeit wirklich einen Lauf. Ich bin sowohl als Kabarettistin als auch als Schauspielerin gut angekommen. Ich habe das erst ab einem bestimmten Alter gemerkt. Da wirst du plötzlich im Fernsehen nicht mehr genommen. Die Sender wollen immer junge Dinger, die dann herumgereicht werden. Es gibt eigentlich viel mehr Kabarettistinnen als man im Fernsehen sieht. Gerade im politischen Kabarett.

Woran liegt das?

Ich kann nur von mir sagen, dass ich mich früher für Tagespolitik nie interessiert haben, weil ich Politiker für extrem unauthentisch halte. Meine jetzige Show ist allerdings extrem politisch. Ich finde, was mit dieser Welt gerade passiert, ist inakzeptabel. Wir müssen zusehen, dass wir das Ruder noch herumreißen. Vor allem muss man auf die Lobbyarbeit eingehen. Die Politiker werden extrem manipuliert, von den großen Autoherstellern, Energie und Pharmakonzernen. Wohin wir gerade mit der Klimakatastrophe zurasen, verdanken wir dieser Lobbyarbeit. Die seit Jahren alles daran setzt, eine bewusste Umweltpolitik zu verhindern. Vor einigen Jahren bin ich noch als Verschwörungstheoretikerin belächelt worden, wenn ich darüber gesprochen habe.

Machen wir mal einen harten Schwenk zu Ihrem Privatleben. Sie waren nie verheiratet und haben keine Kinder.

Nein, um Gottes Willen! Ich wusste immer, wenn ich ein Kind habe, dann kann ich mich nicht mehr hundertprozentig auf meinen Job konzentrieren, und mein Job ist nun Mal meine Berufung. Das wusste ich aber schon, als ich selbst noch ein Kind war.

Echt? Sie hatten nie Zweifel?

Meine Mutter hat mir als Kind mal eine Babypuppe geschenkt, die haben ich weinend und in hohem Bogen weggeworfen. Da war ich fünf Jahre alt.

Es wird einem aber schon immer gesagt, dass man etwas Wichtiges im Leben verpasst, wenn man keine Kinder bekommt.

Ich habe viele Freundinnen, die keine Kinder bekommen haben, und das nie bereuten. Wer denkt, er müsse ein Kind bekommen, um im Alter nicht alleine zu sein, hat eh schon verloren. Die Kinder sind doch im Altern nicht für ihre Eltern da. Die ganzen Mütter, die in den Altersheimen vor sich hin welken, haben alle Kinder. Als kinderloser Mensch hingegen pflegt man viel mehr seine sozialen Kontakte.

Und man hat viel mehr gelernt, sich selbst auszuhalten.

Das habe ich auch erst spät gelernt. Früher wollte ich immer unbedingt einen Partner haben. Bis ich wusste, wie ich mich selbst glücklich mache. Erst als ich soweit war, kam auch der richtige Partner, mit dem ich bis heute glücklich bin. Mir tut jede Frau leid, die nicht durch diese Krise gegangen ist. Lydia Wünsch

Mit ihrem Programm „Ich bleib dann mal jung“ tritt Sissi Perlinger am Freitag, 22. November, im Kleinen Theater Haar, Casinostraße 6, auf. Beginn ist um 19 Uhr. Der Eintritt kostet 18,80 Euro, Karten gibt es unter Telefon 890569813. Zu Gast mit dem Programm „Die Perlingerin – Worum es wirklich geht“ ist Sissi Perlinger am Samstag, 23. November, im Alten Speicher am Klosterbauhof 4 in Ebersberg, Beginn ist um 20 Uhr, der Eintritt beträgt 17 bis 25 Euro , an der Abendkasse 18 bis 26 Euro. Karten gibt es unter Telefon 08092/2559205.

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