Wie ein leidenschaftlicher Romeo

Martin Schulz machte in Haar Wahlkampf für die Europawahl am 26. Mai

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Martin Schulz (Mitte) mit Bürgermeisterin Gabriele Müller (l.) und der stellvertretenden SPD-Vorsitzenden Natascha Kohnen.

Als Kanzlerkandidat ist Martin Schulz gescheitert, nun darf er wieder Wahlkampf machen. In Mannheim, Karlsruhe und auch in Haar ist er mit Leidenschaft für Europa unterwegs. Nur ist er nicht selbst der Spitzenkandidat für die Wahl zum Präsidenten. Dass ihn das schmerzt, zeigt sich bei seinem Auftritt im Bürgersaal Haar.

Er kann es noch. Er kann noch richtig wütend werden und die Leute mitreißen. Martin Schulz war von 2012 bis 2017 Präsident im Europaparlament. Dann kam die Kanzlerkandidatur und sein grandioses Scheitern mit nur 20,5 Prozent für die SPD. In seiner Brandrede für die Europawahl im Bürgersaal in Haar am vergangenen Freitag zeigte er aber, dass er die Menschen noch begeistern kann — zumindest die etwa 200 mehr oder weniger eingefleischten SPD-Fans, die an diesem Tag gekommen sind. Wahlkampf machte Martin Schulz allerdings nicht für sich selbst, sondern für die Spitzenkandidatin Katarina Barley. Diese war zwar auf den Wahlplakaten im Saal präsent, wurde allerdings in Schulz‘ Rede mit keinem Wort erwähnt. Aber es sollte an diesem Abend ja auch um einen anderen Kandidaten für das Europaparlament gehen. Korbinian Rüger, 30 Jahre alt, Doktorand der Politischen Philosophie, Vorsitzender des Planegger SPD-Ortsvereins. Er freute sich laut eigener Angabe „wie ein Schnitzel“, dass Martin, wie er von seinen Genossen genannt wird, in Haar ist. „Wenn ich so etwas wie politische Vorbilder habe, dann bist du mit Sicherheit eines davon“, sagte er. Denn solche „Super-Europäer“ wie ihn und den Martin brauche es gerade jetzt, da es Parteien wie die AfD in Deutschland oder die Lega Nord in Italien gebe, die Europa „zerstören“ wollen. Und dabei könnten einzelnen Länder wie Deutschland und Italien nur mit Europa in Zukunft noch eine Rolle in der Welt neben den Großmächten China und Amerika spielen. Nach Rügers Rede kam Martin Schulz auf die Bühne. Und seine Präsenz hat in den vergangenen Jahren nicht gelitten. Es war quasi gar nicht möglich, ihm nicht zuzuhören und nicht begeistert zu nicken, als er sprach. Über Italiens stellvertretenden Ministerpräsidenten Matteo Salvini, der „ein Hetzer der Sonderklasse“ sei und sogar seine Teilnahme an einer Veranstaltung zum Ende des Faschismus in Italien abgesagt hatte. Über diesen Mann im Weißen Haus, der behauptet, die NATO sei obsolet. Oder über die Billigproduktion in China, die nur deswegen möglich sei, weil das Land die Menschenrechte mit Füßen trete. An dieser Stelle wurde Martin Schulz richtig wütend. „China hat keine IG Metall, kein Streikrecht, keinen Mindestlohn, aber die Todesstrafe und die Folter!“, polterte er und spätestens hier hing wirklich jeder im Saal an seinen Lippen. Doch er war noch nicht fertig, jetzt ging es erst richtig los. „In Deutschland läuft das nämlich so: Mutti antwortet nicht auf die Europäischen Reform-Forderungen des Französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron. Annegret Kramp-Karrenbauer hingegen antwortet — und zum Thema Migration in einem Stil, dagegen ist Horst Seehofer harmlos. Und das ist die deutsche Antwort auf Emmanuel Macron? Wo leben wir eigentlich?“

Dabei sprach Schulz, als sei die SPD selbst nicht schon seit fast zehn Jahren in der Regierung und könne nichts an diesen Zuständen ändern. Die Frage kam auch prompt von einem Bürger im Saal: „Wenn Merkel nicht antwortet, welchen Spielraum haben unsere SPD-Minister, dieses Vakuum doch bitte auszufüllen?“ Die Antwort: „Warum lassen wir dieser Frau eigentlich immer durchgehen, dass sie nichts sagt, und verweisen anschließend auf die SPD?“, sagte Schulz – und ein klein wenig konnte man seine eigene, persönliche Kränkung heraushören. Als er die Niederlage gegen Bundeskanzlerin Angela Merkel einstecken musste und anschließend von seiner eigenen Partei fallen gelassen wurde, als es um das Amt des Außenministers ging. Dabei hat er noch seine Fans in der SPD. „Ich finde nicht richtig, wie mit Martin Schulz in der Partei umgegangen wird“, sagte etwa Juso-Mitglied Raul Würfel aus Haar. „Sie könnten doch von seiner langjährigen Erfahrung als Europapolitiker profitieren und ihn mehr in die Planungen des Programms einbeziehen.“ Denn bis auf den Wahlkampf wird Martin Schulz angeblich von der eigenen Partei nicht in der Europapolitik eingebunden.

Und dabei merkte man an diesem Tag: Martin Schulz ist noch nicht fertig mit der Politik. Auch wenn sie ihm deutlich gemacht hatte, dass sie fertig mit ihm zu sein scheint. Er fühlte sich sichtlich wohl auf der Bühne im Haarer Bürgersaal, dehnte seine Rede und die damit verbundene Aufmerksamkeit aus. Obwohl sein Pressesprecher ihm signalisierte, dass die Zeit knapp ist, erzählte Schulz eine Anekdote nach der anderen. „Die sind alle ganz nervös, weil sie Angst haben, dass ich meinen Flieger verpasse“, witzelte er lässig.

An diesem Tag in Haar wurde deutlich: Schulz kämpft für ein Comeback in der Politik wie ein leidenschaftlicher Geliebter um seine Ex-Freundin. Diese zeigt ihm zwar noch die kalte Schulter, doch liebäugelt sie hinter vorgehaltener Hand nicht doch wieder mit dem Verschmähten? Auf HALLO-Nachfrage, warum er selbst nicht als Kandidat für die Europawahl zur Verfügung steht, antwortete Schulz ausweichend. Er konzentriere sich im Moment auf sein Amt als Bundestagsabgeordneter. Und immerhin darf er jetzt auch schon wieder Wahlkampf machen. Dafür bekam er zum Schluss Standing Ovations von einem begeisterten Publikum. 

Lydia Wünsch

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