Der gefährlichste Ort für Frauen ist tatsächlich ihr eigenes Zuhause

Laufen gegen häusliche Gewalt im Sportpark Haar

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Frauen, die Opfer physischer Gewalt werden, stecken oft in einer Abwärtsspirale fest. Doch es gibt Hilfen, um aus ihr auszubrechen.

Jede dritte Frau ist im Laufe ihres Lebens von Gewalt betroffen. Um darauf hinzuweisen, organisiert die Interventionsstelle des Landkreises München am Samstag, 23. November, in Haar den ersten „Ich Lauf Mit gegen Gewalt“-Lauf im Landkreis.

Haar – Es fängt oft ganz subtil an. Eine abwertende Bemerkung, dann eine Beleidigung und irgendwann ist es dann so weit... vielleicht. Aber Gewalt beginnt in vielen Fällen schon viel früher. Da muss der Mann noch gar nicht die Hand erhoben haben. Das weiß Tanja Böhm nur zu gut. Sie ist die Sachgebietsleiterin der Interventionsstelle Häusliche Gewalt des Landratsamts München (ILM).

„Oft kommen Frauen zu mir und wollen die Bestätigung, dass ihnen keine Gewalt von ihren Männern angetan wird“, sagt sie. Traurigerweise sieht es aber so aus: Wenn eine Frau diesen Schritt in die Beratung geht, dann ist etwas in ihrer Beziehung schief gelaufen. Das Bewusstsein dafür bekommen manche Frauen oft erst, wenn sie den Flyer der Fachberatungsstelle in den Händen halten und die Checkliste durchgehen. Dort stehen Stichpunkte wie: schlagen, stoßen, würgen, beschimpfen, beleidigen, erniedrigen, drohen, unter Druck setzen, kontrollieren. Und sobald auch nur einer dieser Punkte zutrifft, ist Frau bei der Interventionsstelle leider richtig.

Bei anderen Paaren wiederum kam es bereits zu einem Polizeieinsatz. Dann gehen die Sozialpädagogen proaktiv auf die Frauen zu und bieten ihnen Unterstützung an. Nicht selten haben in diesen Fällen die Kinder die 110 gewählt. „Das ist viel zu viel Verantwortung für ein Kind“, sagt Böhm. Überhaupt sollte man die Schäden, die Kinder in solchen Fällen davontragen, nicht unterschätzen. „Manchmal ist es für ein Kind sogar noch schlimmer zu sehen, wie die Eltern sich Gewalt antun, statt selbst betroffen zu sein“, sagt Böhm. Denn die Kinder können nicht in die Situation eingreifen. Die Bilder der Gewalt aber dringen tief in das Unterbewusstsein und brennen sich dort ein. Viele der Kinder sitzen später als Erwachsene vielleicht selbst bei der Interventionsstelle — und so geht die Spirale der Gewalt immer weiter.

Aber wie kann diese Spirale durchbrochen werden? „Hier muss viel Hand in Hand gehen“, sagt Böhm. „Wir kümmern uns um die Frauen, aber auch die Täterbetreuung ist ein wichtiger Bestandteil. Das ist der wirksamste Opferschutz.“ Darum hat der Landkreis mittlerweile auch eine Männerberatung eingeführt, die aber von der Interventionsstelle für Frauen strikt getrennt wird. Sie bietet Männern, die Gewalt gegenüber ihren Partnerinnen ausgeübt oder angedroht haben, eine fachlich fundierte Beratung durch einen Gewaltberater an.

Für Böhm ist es wichtig, dass Frauen und Männer getrennt voneinander betreut werden. „Wir haben bei der Gründung der Interventionsstelle 2012 auch Männer betreut, aber dann ist es passiert, dass einige in die Beratung kamen und sich als Opfer tarnten. In Wirklichkeit wollten sie herausfinden, wie wir die Frauen beraten, um sie besser kontrollieren zu können.“ Eine besonders perfide Form der Kontrolle.

Macht und Kontrolle, darum geht es laut Böhm letztlich immer, wenn Frauen Gewalt angetan wird. Auch Alkohol sei sehr oft im Spiel sowie emotionale und finanzielle Abhängigkeiten. Gerade Letzteres macht die Arbeit von Tanja Böhm besonders herausfordernd. „Viele der Frauen, die den Weg zu uns geschafft haben, sind sehr ambivalent, sie schwanken immer zwischen den Emotionen hin und her.“ Denn oft komme nach der Gewalttat die Reue des Täters und die Beteuerung, sich zu bessern. Andere wiederum drohen damit, die Frauen finanziell zugrunde zu richten oder ihnen die Kinder wegzunehmen. Schon alleine aus diesen Gründen schaffen es geschätzt nur 20 Prozent der Frauen überhaupt in die Beratung, die Dunkelziffer ist unklar. Manche Frauen gehen auch wieder und entscheiden sich, ihren Mann doch nicht zu verlassen. „Aber wir geben nicht auf“, sagt Böhm. „Wir stehen weiterhin zur Verfügung, wenn die Frauen es sich doch noch einmal anders überlegen und wieder zu uns kommen wollen.“

Auch die überfüllten Frauenhäuser in München und Umgebung machen die Arbeit für Böhm nicht leichter. Gerade der hohe Mietspiegel in München führt dazu, dass die Frauen sehr lange in den Frauenhäusern bleiben und die Plätze belegen. Wenn eine Frau zu Tanja Böhm kommt, wird telefoniert und nach einem Platz im Frauenhaus gesucht. Findet sich nichts im Landkreis, sucht Böhm bayern- und sogar bundesweit. „Wir telefonieren so lange, bis wir etwas gefunden haben. Und bisher haben wir es letztlich immer geschafft“, sagt sie.

Dennoch bleibt es eine beklagenswerte Wahrheit. „Der für Frauen gefährlichste Ort ist nicht die dunkle Gasse, sondern das eigene Heim, der Ort, an dem man sich eigentlich geborgen fühlen sollte.“ Das belegen Zahlen und Statistiken. Seit der Gründung der Interventionsstelle sind die Zahlen jährlich gestiegen. „Das muss aber nicht bedeuten, dass es mehr Gewalttaten gibt“, räumt Böhm ein. Es kann auch daran liegen, dass immer mehr Frauen sich trauen, darüber zu sprechen. Und das wäre dann immerhin eine positive Entwicklung. Das Thema aus der Tabuzone zu holen und in die Öffentlichkeit zu bringen, ist darum ein wichtiges Anliegen für die Sozialpädagogin. Dazu soll auch der „Lauf gegen häusliche Gewalt“ am Samstag, 23. November, im Sportpark Haar beitragen. Denn „Gewalt ist keine Privatsache. Sie geht uns alle etwas an.“

Lydia Wünsch

Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist rund um die Uhr und an 365 Tagen im Jahr unter der Telefonnummer 08000/116 016 und online unter www.hilfetelefon.de über den Termin- und Sofort-Chat sowie per E-Mail erreichbar. Weitere Infos zur Fachberatungsstelle Häusliche Gewalt/ILM gibt es unter Telefon: 089/6221-1221, E-Mail: interventionsstelle@lra-m.bayern.de.

Kommentar zum Thema:

Frauen sind angeblich eher bereit, auszuweichen als Männer. Nicht im übertragenen Sinne, sondern ganz konkret. Auf der Straße. Das sogenannte „Man Bumping“ ist das Wort, das eine Zeitlang durchs Netz geisterte. In einem Selbstversuch wollte eine Journalistin eine Stunde lang auf ihrem Weg bleiben, ohne dem Gegenüber auszuweichen. Das Fazit: Sie musste mit sehr vielen Männerschultern Bekanntschaft machen.

Das ist nur ein kleines Beispiel für ein Gesellschaftssystem, das auch im 21. Jahrhundert noch vorherrscht: das Patriarchat, die Herrschaft des Mannes. Ein System, in dem Werte und Verhaltensmuster von Männern repräsentiert und kontrolliert werden. Noch heute sind wir alle davon geprägt.

Also, was können wir tun? Zunächst einmal weigere ich mich, Frauen immer als das Opfer zu sehen. Das ist jetzt gewagt, ich weiß, aber mich persönlich beflügelt der Gedanke, dass ich mein Leben selbst in der Hand habe. Dass ich nicht unverschuldet in Situationen gerate. Ich wähle. Nur wenn ich das weiß, finde ich auch den Weg, den ich gehen muss, um aus einer schwierigen Situation herauszukommen.

Klar: Wir Frauen könnten auf die perfekte Welt auch einfach warten. In dieser Welt respektiert uns dann jeder Mann ganz selbstverständlich und geht so mit uns um, wie wir es verdient haben. Aber bis es so weit ist, müssen wir uns um uns selbst kümmern. Wir müssen zusammen halten und Vorbilder sein, für andere Frauen und vor allem für unsere Kinder. Das bedeutet, unsere Grenzen früh zu setzen. Schon bei der ersten abfälligen Bemerkung und erst recht bei der Entscheidung, mit einem Mann zusammen zu ziehen, dem vielleicht schonmal die Hand ausgerutscht ist.

Viele Frauen leben in Abhängigkeit zu einem schlechten Mann. Sie haben zu viel Angst, um zu gehen. Ein erster Schritt muss dann sein, sich selbst einzugestehen, dass sie es war, die diese Situation gewählt hat. Sie ist die Schritte gegangen, die nötig waren, um an diesen Punkt zu gelangen. Sie ist nicht auf ihrem Weg geblieben, sondern hat sich wegschubsen lassen. Und wer weiß, wie oft sie ihre Abzweigung verpasst hat. Sich das einzugestehen, tut weh und fühlt sich unfair an. Aber es befreit auch.

Denn Frau kann auch wählen, aus der Situation herauszugehen. Die Journalistin, die den Selbstversuch wagte, ist mit einigen Männern zusammengeprallt, als sie sich entschieden hat, nicht mehr auszuweichen. Sie hat aber am Ende auch festgestellt: Je selbstbewusster sie auftrat und je höher sie ihren Kopf hielt, desto seltener passierte es, dass sie geschubst wurde.

Lydia Wünsch

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