Quer durch Europa, mit Freiheit im Gepäck

Der lange Marsch des Alexander Denk aus Ottendichl

Wie entsteht ein besonderer Moment? Welche Zutaten braucht es, um ihn zu erleben? Alexander Denk benötigt dafür nur seine zwei Beine. Sein liebster Weggefährte: Mutter Natur. Zwischen Baumwipfeln, Berggipfeln und Gletscherspalten liegt seine zweite Heimat. Und zwar nicht nur für ein, zwei Tage, sondern für Monate. Weit gehen ist relativ und die Freiheit wird absolut.

Zur Stunde zieht es den selbsternannten Wanderburschen durch die Weiten Norwegens. Zum Nordkap soll es gehen. Und das sind dem Ottendichler ganze elf Monate Fußmarsch wert. Von Tarifa in Andalusien aus hat er seit vergangenem Dezember fast die 8500-Kilometer-Marke bis zum Nordkap geknackt. Sein Motor ist der innere Antrieb. Die Lust aufs Leben. Und eine Prise Abenteuer. Nebenbei tritt Alexander Denk den Beweis an, dass Planung eben doch nicht alles im Leben ist: „Ich bin kein Freund von durchgetakteten Routen. Viel lieber reise ich mit Freiheit im Gepäck.“ Natürlich klappt dann nicht immer alles. Schon kurz nach der Abreise musste der 24-Jährige wegen einer Knochenhautentzündung am Schienbein wieder die Heimreise antreten. Sechs Wochen lang herrschte striktes Wanderverbot. Dann ging es wieder. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Seine Mutter verfolgt das große Abenteuer aus der Heimat: „Alex ist schon mit wenig zufrieden. Ein gutes Gespräch in guter Gesellschaft – mehr braucht er nicht“, erzählt sie. Stolz klingt die Mutter. Die Grenze zwischen Verwunderung und Bewunderung verschwimmt, wenn ihr Sohn von seinen Abenteuern berichtet. Auch von den Schwierigkeiten. „Campen bei minus 15 Grad in den französischen Alpen, da hab‘ ich es schon mal mit der Angst zu tun bekommen. Um der eisigen Kälte zu entfliehen, musste ich manchmal an fremde Türen klopfen oder spontan bei einer neuen Bekanntschaft schlafen“, erinnert sich Alexander Denk.

Aber ist das Nordkap diese Strapazen wirklich wert? „Absolut! Diese riesigen Nationalparks und uralten Gebirge, die zufällige Bekanntschaft mit Rentieren und natürlich die Menschen – das ist mir jeden Kilometer wert.“ Und genau diese Schönheit von Mensch und Natur ist auch sein innerer Antrieb, falls ihn die Wanderlust doch einmal verlässt: „Morgens nach dem Aufstehen hab selbst ich manchmal keine Lust mehr auf Laufen. Wären da nicht diese vielen unvergesslichen Momente, die irgendwo da draußen noch auf mich warten, würde ich wohl noch etwas länger liegen bleiben.“

Doch irgendwann braucht auch der eifrigste Wanderer einmal eine Pause. Und die gönnt sich der Naturbursche gerade auf einer Huskyfarm. „Das war spontan. Jetzt kümmere ich mich um die 90 Hunde und mach alles, was auf einer Farm anfällt. Zur Belohnung gibt‘s eine Schlittenhundefahrt, ein Kurzurlaub für die Beine“, erzählt Denk und lacht. Danach nimmt er den Endspurt zum Nordkap in Angriff.

Und dann? Ende der großen Freiheit? Nicht ganz. „In eine enge Flugzeugkabine könnte ich mich nach so viel Freiraum nicht zwängen. Ich trampe lieber. Wozu auch die Eile? Ich will die Tour langsam ausklingen lassen. Darum geht‘s ja beim Fernwandern, ums langsame Reisen, ums zu sich selber finden.“

Weil Familie und Freunde zu Hause auch etwas vom „langsamen Reisen“ abhaben wollen, teilt der Freigeist seine schönsten Momente auf seinem Instagram-Account „alexwanderbursche“ und seinem Blog wanderbursche.net. Doch so schön die Schnappschüsse von schwindelerregenden Schluchten, einsamen Wäldern und selbst gebauten Schneemännern auch sein mögen, eine Umarmung können sie nicht ersetzen. Jutta Denk kann es jedenfalls kaum erwarten: „In vier Wochen bekomme ich meinen Sohn zurück. Dann hat das Bangen ein Ende und ich kann einfach mal stolze Mama sein!“ Fragt sich nur für wie lange? Der ausgebildete Physiotherapeut hat schon wieder dieses Kribbeln in den Beinen. „Neuseeland von Nord nach Süd, das wär‘s!“ Und dann sagt Alexander Denk noch einen Satz, der seine ganze Lebenseinstellung zusammenfasst:„Es liegt schließlich alles in Gehnähe, wenn man sich die Zeit dazu nimmt.“

Alexandra Kraus

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