Auszeichnung für engagierte Bürger

Ein ehrenwertes Leben

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Gerlinde Estermann (70) wird für ihr soziales Engagement geehrt.

Der Landkreis München ehrt diesen Mittwoch 20 Bürger aus dem Landkreis München – darunter ist auch Gerlinde Estermann, 70, die sich seit acht Jahren um MS-Kranke kümmert. HALLO hat sich mit ihr unterhalten.

Für Bescheidenheit gibt es ja keine Auszeichnungen, obwohl sie eine verdient hätte. Doch die bekommt Gerlinde Estermann, 70, heute im Bürgerhaus Haar für ihr soziales Engagement. Seit acht Jahren kümmert sie sich um MS-Kranke, begleitet sie zu Ausflügen, hilft bei der Nahrungsaufnahme und beim Toilettengang, lässt ihnen Rat und Zuwendung zuteil werden oder setzt mal eine Heparin-Spritze als Thrombose-Vorbeugung.

„Hast du mir das etwa eingebrockt?“, fragte sie nur, als sie davon erfuhr und meinte Klaus Westmar, den Leiter der Unterhachinger MS-Gruppe. „Ich tu doch gar nichts Großartiges.“ Die Gruppe besteht seit 1983, seit 2007 ist Gerlinde Estermann als gute Seele dabei, versorgt die Kranken, redet mit ihnen, spendet Trost, gibt Rat. „Die Krankheit“, sagt sie, „befällt ja auch jüngere Leute, die noch Bedürfnisse haben, zum Beispiel sexuell. Sie brauchen Rat und Tipps.“ Als Westmar damals bei ihr anrief, brauchte er eine medizinisch ausgebildete Begleiterin bei einem Ausflug der Gruppe nach Oberstdorf; Gerlinde Estermann war damals für die Nachbarschaftshilfe tätig und sagte zu.

40 Jahre hat sie als Krankenpflegerin gearbeitet – eine Tätigkeit, die viel Kraft und Nerven kostet und wenig einbringt. Erlernt hat sie den Beruf an der Berliner Virchow-Klinik. Wie kommt eine Preußin nach Bayern? Sie lacht: „Der Liebe wegen“, und erzählt: „Mit 14 war ich mit der Kinderlandverschickung in Trostberg am Chiemsee, dort habe ich meinen späteren Mann kennengelernt. Er war Postbote. Ich musste zurück nach Berlin, meine Ausbildung machen, er ließ sich 1961 nach dem Mauerbau dorthin versetzen. Sieben Jahre später sind wir dann nach Unterhaching gezogen.“

Heute ist sie froh, dass sie nicht mehr in der Pflege arbeiten muss: „In den modernen Krankenhäusern gibt es keine Pflege mehr, nur noch Versorgung. Jetzt kann ich tun, was mir Freude macht, und das sehe ich als selbstverständlich an, als eine Art der Nachbarschaftshilfe.“ Zwar seien die Kranken manchmal schwierig – „egoistisch und wollen alles sofort“–, doch das sei Teil ihres Leidens. Auch ihr eigenes Leben blieb nicht von Leid und Krankheit verschont: Vor 20 Jahren starb ihr Mann, der geliebte Postbote, an einem Glioblastom, einem aggressiven Hirntumor. Ihre Freude sind, neben den Rückmeldungen der MS-Kranken, die beiden Enkelkinder im Teenageralter und der Hund ihrer Tochter, den sie gerade während zehn Urlaubstagen in der Nähe des Bodensees gehütet hat. „Das war schon ein bisschen anstrengend, mit dem spazieren zu gehen, dort geht es ja ständig hoch und runter…“

rh

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