Kontroverse Diskussion zur Elektrokrampftherapie

Haar: Helfen Elektroschocks psychisch Kranken wirklich?

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Bei einem Symposium im Klinikum Haar diskutierten Ärzte und Patienten über die Elektrokrampftherapie.

Haar – Es klingt unheimlich und erinnert an eine Zeit, in der Lobotomien zur Standardbehandlung in Psychiatrien gehörten. Die Rede ist von der Elek­trokrampftherapie. Kurz: EKT. Dabei werden bei psychisch erkrankten Menschen mit Hilfe von Stromimpulsen zwei bis drei Minuten lang Kra­mpfanfälle im Gehirn ausgelöst. Zahlreiche Geschichten ranken sich um diese Behandlungsmethode. Viele haben einen negativen Hintergrund. Vom Missbrauch der EKT in der Zeit des Nationalsozialismus über die Behandlung von Homosexualität. Und auch im Film „Einer flog über das Kuckucksnest“ mit Jack Nicholson hat die EKT ein grausiges Gesicht. Aber wie sieht das eigentlich in der Realität aus?

Selbst die Ärzte sind sich heute noch uneinig über die Wirksamkeit der EKT. Im kbo-Isar-Amper-Klinikum Haar wird diese Behandlungsmethode seit Juni 2009 durchgeführt. Der Ärztliche Direktor des Klinikums, Professor Peter Brieger, hat die Methode dann 2016 von seinem Vorgänger übernommen. 

Er weiß, wie umstritten sie ist und nennt sich selbst keinen glühenden Anhänger der EKT. Dennoch gebe es Fälle, in denen sie Menschen mit schwerer oder gar wahnhafter Depression helfen könne. Beim Symposium im Klinikum Haar diskutieren Befürworter sowie Kritiker darüber, ob die EKT heute noch zeitgemäß ist.

Zu Beginn stellt Peter Brieger die Frage, die die nächsten drei Stunden im Raum schweben wird: Warum emotionalisiert das Thema so? Die folgenden Impulsvorträge und Diskussionen versuchen, ein wenig Licht in die Sache zu bringen. Zu Wort kommen dabei nicht nur Ärzte sondern auch Patienten. Moderiert wird das Symposium von der BR-Journalistin Jeanne Turczynski.

Der Privatdozent Dr. Cornelius Schüle von der LMU München erklärt, dass viele seiner Patienten aufgrund von Therapieresistenz eine EKT erhalten. Das bedeutet, dass keine andere Therapieform bisher gewirkt hat. Ist die EKT also so etwas wie ein letzter Ausweg, wenn die Verzweiflung sehr groß ist? 

Wenn es nach Meinung von Dr. Stefan Weinman aus Berlin geht, dann ja. Er ist unter den Ärzten der schärfste Kritiker des Nachmittags. Er habe bisher nur bei einer einzigen Patientin erlebt, dass sie von der EKT profitieren konnte. Heute sei sie sogar weitgehend symptomfrei. Ansonsten habe die EKT bei keinem seiner Patienten eine positive Wirkung erzielt. 

Er kritisiert zudem, dass viele Studien über die EKT veraltet seien. Außerdem wisse man seiner Meinung nach nicht, ob die Patienten eine Besserung durch die EKT erfahren oder vielmehr durch die Zuwendung, die sie dadurch bekommen. Denn EKT-Patienten werden sehr engmaschig betreut.

Das Wort „Zuwendung“ ist überhaupt das Stichwort. Nach Meinung von Weinmann ist das der Schlüssel, wenn es um psychische Erkrankungen geht. „Wir müssen sensibel sein“, appelliert er an seine Kollegen. Insgesamt gehe man bei der Behandlung mit EKT von einem sehr technischen Verständnis von Krankheiten aus, weniger von einem menschlichen. „Der Patient kommt in eine Werkstatt und wird repariert.“ 

Das sei seiner Meinung nach gerade im psychologischen Bereich eine veraltete Ansicht. Dort gehe es vielmehr um die Aufarbeitung der Vergangenheit — und zwar durch ein gesamtheitliches Konzept. Eine Mischung aus Psychotherapie und Medikamenten sei seiner Meinung nach hilfreicher und fortschrittlicher. 

Auch werden seiner Meinung nach die Nebenwirkungen der EKT unterschätzt, wie etwa Gedächtnisverlust. Etwa ein Drittel der Patienten würde einen deutlichen, meist sogar bleibenden Gedächtnisverlust beklagen. Bei den ausgelösten Krampfanfällen würden Neurotransmitter ausgestoßen. Unter anderem Glutamat, welches zur Zellzerstörung führe. 

Insgesamt würde die EKT, wenn überhaupt, lediglich Symptomen kurzzeitig unterdrücken, habe aber keine langfristige Wirkung. Dr. Schüle entgegnet, dass die EKT einige Patienten erst zugänglich für eine Therapie machen würde. Denn: Dass die EKT nur in einem gesamtheitlichen Therapiekonzept wirken kann, da sind sich alle Ärzte einig.

Auch Psychiatriepatienten kommen an diesem Nachmittag zu Wort. Klaus Nuißl etwa hat zwar selbst nie eine EKT erhalten, weiß aber sehr wohl, was es heißt, wenn man mit schweren Depressionen und Wahnvorstellungen zu kämpfen hat. Trotzdem hätte er keine EKT in Anspruch nehmen wollen. „Ich hatte das Glück und bin auf Menschen getroffen, die sich Zeit für mich genommen haben“, sagt er.

 Vor allem die Bewältigung der Vergangenheit sei für ihn entscheidend gewesen und konnte eine Besserung der Krankheit bewirkte. Dass bei der EKT genau das Gegenteil passiere und die Patienten sogar einen Teil ihrer Vergangenheit vergessen, hält Nuißl für höchst bedenklich. „Unsere Biographie unterscheidet uns doch von Tieren“, sagt er.

Auch Karl-Heinz Möhrmann hat Psychiatrieerfahrung als Angehöriger einer psychisch Erkrankten. Doch im Gegensatz zu Nuißl ist seine Haltung zur EKT nicht eindeutig. „Die EKT ist eine berechtigte Hoffnung, Besserung zu erreichen“, glaubt er. 

Als Vorsitzender des Landesverbands Bayern der Angehörigen Psychisch Kranker habe er einmal einen Patienten gekannt, der eine sehr schwere Depression hatte. Eine EKT wurde abgelehnt, kurze Zeit später beging er Suizid. „Ob das durch eine EKT hätte verhindert werden können, weiß man nicht“, gibt Möhrmann zu.

So gehen die Meinungen an diesem Tag hin und her. Am Ende stellt Peter Brieger die Frage: „Das Thema ist so vielschichtig. Können wir überhaupt miteinander darüber reden oder geht jeder mit der Meinung aus der Diskussion, mit der er gekommen ist?“ Immer offen zu bleiben, das sei seiner Meinung nach wichtig. 

„Auch in unserem ärztlichen Handeln sind wir von Empfindungen und Erfahrungen geprägt“, sagt Brieger. So habe er selbst einmal eine Patientin erlebt, die schwere Depressionen hatte. Als er sie ein paar Wochen später wieder traf, erlebte er sie als völlig neuen Menschen. Sie wirkte glücklich und gelöst. Als er sie fragt, wie das ginge, sagte sie. „Ich bekommen seit einiger Zeit EKT.“ Und so stellte sich Brieger die Frage: Darf ich als Arzt meinen Patienten die Behandlungsmethode verwehren, wenn es offensichtlich für manche eine Hilfe ist?

Glaubt man den Ärzten, dann ist die Nachfrage nach EKT höher als dass der Bedarf derzeit gedeckt werden könne. Dennoch sind sich alle einig: Eine differenzierte Diskussion über die Behandlungsmethode ist auch weiterhin wichtig. Und nicht nur darüber, wie Brieger am Ende feststellt. „Wie oft verabreichen wir im Vorbeigehen das Beruhigungsmittel Tavor, ohne über die Risiken zu sprechen? Da wird über EKT wesentlich mehr aufgeklärt.“ Lydia Wünsch

Kommentar

Das seelische Leiden des Anderen – Vorsicht vor schnellen Antworten bei komplexen Fragen

Eine Neuprogrammierung des Gehirns? Auf Reset drücken und von vorne anfangen? Es klingt zu schön. Und so einfach ist es auch nicht. Da sind sich die Ärzte beim Symposium über Elektrokrampftherapie (EKT) im kbo-Isar-Amper-Klinikum Haar einig. Professor Brieger weiß, was für ein Erbe er mit der EKT antritt. Der umstrittene Psychiater Anton von Braunmühl wandte die EKT im Zweiten Weltkrieg in der Anstalt Eglfing-Haar an. Das Gefühl will da sofort in eine ablehnende Haltung gehen. Auf der anderen Seite: Darf man einem Patienten etwas verwehren, das ihn möglicherweise vor einem Suizid bewahrt? „Wenn es einem schlecht geht, ist einem jedes Mittel recht“, sagt Klaus Nuißl. Darum ist er froh, dass ihm die EKT nicht angeboten wurde. Gerade bei schweren Depressionen kann sie aber vielleicht einen anderen Patienten für eine anschließende Therapie zugänglich machen. Wer traut sich schon, das Leid eines Anderen zu beurteilen? Lydia Wünsch

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