„Ich weiß nicht, wie ich das meinem Enkel erklären soll“

Klimawandel: Harald Lesch rechnet in Haar mit der Politik ab 

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Astrophysiker Harald Lesch ist vor alle bekannt aus der ZDF-Sendung „Leschs Kosmos“.

Professor Harald Lesch hat keine guten Nachrichten. Beim Thema Klimawandel ist alles noch viel schlimmer. Im Haarer Bürgersaal ging er darum auf Einladung der Jusos München-Land und der Haarer SPD der Frage nach: Warum tun wir nicht, was wir tun sollten?

Haar – Längst sind uns die Auswirkungen des Klimawandels bekannt. „Seit 50 Jahren erklären die Forscher, wie sich das Klima auf der Erde verändern wird, wenn wir nicht gegensteuern“, sagt der Astrophysiker Harald Lesch in seinem Vortrag im Haarer Bürgerhaus. Längst ist es also an der Zeit, sich eine andere Frage zu stellen. Wieso tun wir nichts? „Und warum stempeln wir die Jugendlichen als Schulschwänzer ab, die uns endlich mal in den Hintern getreten haben?“ 

Erst die Fridays for Future-Bewegung hatte die Durchschlagskraft, um den Klimawandel in aller Munde zu bringen. Dennoch gibt es zahlreiche Menschen, die die Demons­tranten und ihre Anhänger als „Klimahysteriker“ abstempeln. Nicht zuletzt aus diesem Grund wurde Klimahysterie 2019 zum Unwort des Jahres ernannt. Die Jurybegründung: Mit dem Wort werden die Klimaschutzbemühungen diffamiert und die Debatten diskreditiert. 

„Es sagt aus, die Menschen, die sich für den Klimaschutz einsetzten, haben irgendwie einen an der Waffel“, sagt Lesch. Dabei sprechen sie nur aus, was Wissenschaftler wie Harald Lesch schon lange bestätigen. Aber offensichtlich haben wir so eine panische Angst vor Veränderung und den Verlust unseres Wohlstandes, dass wir wie gelähmt zusehen, wie unser angenehmes Klima zusehends unangenehmer wird. Und zwar so sehr, dass weite Teile der Welt bis 2100 unbewohnbar sein werden. 

„Am Ende des Jahrhunderts kann man in Teilen Südamerikas, Asiens, Afrikas und sogar Europas nicht mehr leben“, macht Lesch klar. Trotzdem gebe es immer noch Menschen, die selbst in der Klimaerwärmung einen Vorteil sehen würden. So erzählt Lesch, dass ihn immer wieder Briefe oder E-Mails mit folgendem Inhalt erreichen: „Zwei Grad mehr. Das ist doch schön. Das ist dann doch wie in Italien.“ 

An dieser Stelle wird Lesch sogar laut. „Selbst diese kleinen Veränderungen haben bereits verheerende Folgen. Noch so ein Sommer wie wir ihn vergangenes Jahr hatten und wir können uns von unseren Wäldern verabschieden!“ Das scheint einige Klimaschutzgegner aber nicht zu beeindrucken. Sie sprechen lieber von den „Grünen Taliban“ und behaupten, kein Waldsterben zu bemerken. 

Den Gegenbeweis möchte allerdings keiner erleben. „Man kann die Kritiker sehr bald widerlegen. Nur möchte man das?“, fragt Lesch. Das Problem: Für viele Menschen stehe an erste Stelle immer noch „Schotter, Kohle, Kies und Moos“. Als Beispiel führte Lesch die Münchner Rück-Versicherung an, die sogar Geld mit der Klimakrise verdient, indem sie gegen die Folgen und Risiken versichert. Solch ein „Irrsinn“ sei nur möglich, weil die Gesellschaft heute ein völlig gestörtes Verhältnis zur Natur habe. 

„Alles muss funktionieren und immer mehr optimiert werden, auch die Natur hat gefälligst zu funktionieren.“ Leider lasse die Natur aber nicht mit sich verhandeln. Lesch zufolge müsse man den Klimawandel wie einen Notfall in der Familie behandeln. „Dann lassen wir alles stehen und kümmern uns um diesen Notfall. Selbst, wenn dieser dann behoben ist, ist meist nichts mehr wie vorher. Wenn Sie anschließend etwa einen Verwandten im Rollstuhl haben, dann müssen Sie Ihr ganzes Leben umstellen.“ 

So verhält es sich für Lesch mit dem Klimawandel. Es kann und darf schlichtweg nicht so weitergehen wie bisher. Dennoch tut es das. Dieses Phänomen nennt Lesch „Kognitive Dissonanz“. Wir wissen eigentlich, was wir tun müssten, tun es aber nicht. Im Gegenteil: „Wir finanzieren auch noch das Falsche.“ So hat das Umweltbundesamt einen Bericht herausgebracht, in dem errechnet wurde, dass in Deutschland im Jahr 2012 umweltschädliche Subventionen in Höhen von über 57 Milliarden Euro erteilt wurden. Als Beispiel sind die Steuerbefreiung von Kerosin oder Dieselsubventionen zu nennen. 

Es sei vor allem die Politik, die endlich anfangen müsse, die richtigen Maßnahmen zu fördern. Den Schlüssel für Veränderung sieht der Wissenschaftler in der Energiewende. Es müsse in Windkraft und Solarenergie investiert werden, aber stattdessen werde diese Entwicklung sogar torpediert.

Die Fridays for Future-Demonstranten haben also allen Grund, weiter freitags auf die Straße zu gehen, denn die Wahrheit ist: Die Politik setzt immer noch die falschen Prioritäten. So hat die Bundesregierung beschlossen, 40 Milliarden Euro für 20.000 Arbeitsplätze auszugeben, die bei der Schließung der Kohlekraftwerke verschwinden. Das seien zwei Millionen Euro pro Arbeitsplatz. Zeitgleich sind in der deutschen Solar- und Windkraftindustrie 60.000 Arbeitsplätze verschwunden — ohne Entschädigungen.

„Was ist nur passiert, dass wir so eine romantische Vorstellungen vom Bergbau haben und so ein neutrales Verhältnis zur Industrie, die die Energiewende voranbringen würde?“, fragt Lesch. Sein trauriges Fazit: Wir befinden uns längst noch nicht in der Energiewende. „Wir haben noch nicht mal angefangen“, stellt Lesch fest. „Ich weiß nicht, wie ich das meinen Enkeln einmal erklären soll.“ 

Die Zukunftsaussichten sind nicht besser, denn die zunehmende Digitalisierung stehe im gegensätzlichen Verhältnis zur Energiewende. „Smart Homes“ und „Smart Citys“ sind immer mehr im Kommen. Gleichzeitig sollen wir aber die CO2-Emissionen drastisch verringern. „Das sind zwei gegensätzliche Bewegungen“, macht Lesch klar. Dennoch lässt Lesch den Abend nicht völlig hoffnungslos ausklingen. „Wir können das anpacken“, sagt er. Dafür müssten wir aber losmarschieren und anfangen. „Damit wir endlich in die Lernkurve kommen.“ Denn Deutschland ist Exportweltmeister. Im Moment exportieren wir noch Emissionen. Das müssen wir ändern. Es komme daher vor allem auf Industrie- und Hochtechnologieländer wie Deutschland an. „Wenn nicht wir, wer dann? Und wann, wenn nicht jetzt?“ 

Lydia Wünsch

Der ganze Vortrag ist auf www.spd-haar.de nachzulesen.

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