Starke Frauen neben starken Männern: „Ich bin nicht die Frau Bürgermeisterin!“

Juliane Dworzak und Doris Keymer über Karriere, Politik und Privates

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Doris Keymer (l.) und Juliane Dworzak (r.) kennen das Spannungsfeld zwischen Kommunalpolitik und der eigenen Familie.

Zwei Frauen, viele Gemeinsamkeiten. Beide in Haar aufgewachsen und mit Haarer Kommunalpolitikern verheiratet. Beide Lehrerinnen, beide haben sich von einer schweren Krankheit erholt: Juliane Dworzak und Doris Keymer. HALLO traf sie zum großen Doppel-Interview.

HALLO: Können Sie sich noch an Ihr erstes Treffen erinnern? 

Keymer: Das muss 1995 gewesen sein, als ich nach der Babypause wieder an die Jagdfeldschule zurückkam, um dort die Hauptschüler zu unterrichten. Aber du, Juliane, kennst ja meinen Mann schon aus Kindertagen.

Dworzak: Wir hatten damals denselben Schulweg. Damals schwärmte ich für den Rudi, das war der Bruder meine Mannes. Meine Freundin hingegen schwärmte für meinen Mann, was ich damals gar nicht verstehen konnte. Aber mein Mann muss sich sehr stark in mich verguckt haben, der ist mir nicht mehr von der Seite gewichen. Und jetzt sind wir seit über 40 Jahren verheiratet (lacht).

Dietrich Keymer ist ja für die CSU im Haarer Gemeinderat und Helmut Dworzak war für die SPD Haarer Bürgermeister. Hat sich die kommunalpolitische Aktivität Ihrer beiden Ehemänner je auf Sie beide ausgewirkt? 

Keymer: Das hängt sehr stark davon ab, wie sehr man sich selbst als Ehefrau in gleicher Weise engagiert. Wir haben das immer getrennt. Ich bin jemand, der sich grundsätzlich nicht parteipolitisch binden möchte. Ich bin mehr der soziale Typ. Seit zehn Jahren bin ich im Vorstand der Nachbarschaftshilfe. 

Dworzak: Das ist bei mir ein bisschen anders. Ich bin mit meinen Mann seit über 40 Jahren sehr stark in der SPD verwurzelt. Wir haben schon als Jusos zusammengearbeitet. Aber ähnlich wie bei dir, Doris, habe ich das auch vom Menschlichen und vor allem von meiner Arbeit als Lehrerin getrennt. Es ist eine Grundhaltung von mir, dass ich jeden schätze, der sich politisch und gesellschaftlich engagiert. Denn das ist jemand, der über den Tellerrand schaut. Es gibt genügend Ellbogenmenschen. Wir brauchen aber auch die, die sich für andere einsetzen.

Also war die Entscheidung, sich auf etwas Anderes zu fokussieren auch bewusst, um sich vom eigenen Ehemann abzugrenzen? 

Keymer: Ich würde nicht sagen, dass ich mich von meinem Mann abgrenze, ich bin einfach schon durch andere Dinge wie einer großen Familie mit drei erwachsenen Kindern und einem Enkelkind, der Arbeit in der Schule und der Vorstands- tätigkeit voll ausgefüllt. Wenn ich etwas mache, dann mache ich es gern „gscheit“. Für ein Engagement in der Partei wäre kein ausreichender Raum mehr. 

Dworzak: Ich würde nicht sagen, dass ich mich in irgendeiner Form über meinen Ehemann definiere. Ich habe mich auch immer geärgert, wenn man mich Frau Bürgermeister genannt hat. Ich bin nicht Frau Bürgermeister, sondern Frau Dworzak. Meine Selbstverwirklichung habe ich über meinen Beruf ausgelebt. Da habe ich mir einen guten Namen aufgebaut. Heute leite ich die Jagdfeldschule, die auch gerade enorm wächst, und ich denke, ich mache das ganz gut. Allerdings nur noch ein Jahr lang, dann gehe ich in Pension.

Karriere und Kinder unter einen Hut zu bekommen, Ist es so leicht, wie es bei Ihnen aussieht? 

Dworzak: Ich war mit Leib und Seele Lehrerin, aber mit den Jahren merkt man, dass es anstrengend wird. Irgendwann habe ich angefangen, dass ich mich jeden Tag nach der Schule erst einmal eine Stunde hingelegt habe. Sonst hätte ich es nicht mehr gepackt. Ich hatte aber auch viel Hilfe von meinen Schwiegereltern, die haben oft auf die Kinder aufgepasst. 

Keymer: Durch den frühen Tod unserer Mütter hatte ich nie eine Großmutter, die mit anpacken konnte. Als die Kinder klein waren, hatte ich noch dazu meinen schwer kriegsversehrten Schwiegervater, der auch Unterstützung brauchte. Deshalb war ich auch einige Jahre lang beurlaubt und bei meinen Kindern zu Hause. Die Vielfältigkeit der Arbeit in der Schule ist eben auch anstrengend. Erst als ich durch meine Krankheit mal zwei Jahre Abstand hatte, wurde mir bewusst, wie stressig oft die Tätigkeit als Klassenleitung und Vertrauenslehrerin sowie die Arbeit an vielen Projekten gewesen war. Durch die vielen zusätzlichen Absprachen neben dem Unterricht habe ich es in vielen Pausen nicht mal von meinem Klassenzimmer bis ins Lehrerzimmer geschafft — zur Kaffeemaschine schon gar nicht! Man gewöhnt sich aber daran. Es kommt einem irgendwann ganz normal vor. Erst wenn man dann Abstand davon hat, denkt man: So ganz normal ist das aber nicht (lacht). 

Dworzak: Wenn man jung ist, kommt es einem nicht so stressig vor. Ich war durch meine Krankheit auch ein Jahr lang draußen und wenn man zurück kommt, hat man eine andere Sicht auf die Dinge. Die Wertigkeit ist eine andere. Davor war die Pflichterfüllung alles. Wenn man aber schwer krank war, ordnet man die Dinge neu. Offenbar braucht man den Holzhammer, um aus dem Hamsterrad aussteigen zu können.

Stand für Sie nie zur Debatte, zu Hause zu bleiben?

Dworzak: Für mich stand das nie zur Debatte. Da mein Ehemann ja ein Hüftleiden hat, wussten wir nie genau, wo die Reise hingeht. Wir hatten zwar dann ein Riesenglück, dass die notwendige Operation gut verlief, aber dennoch war mir immer bewusst, dass ich notfalls die Familie ernähren muss. Ich wollte aber auch arbeiten. Ich habe das in den sieben Jahren gemerkt, in denen ich wegen der Kinder zu Hause war. 

Keymer: Das war bei mir ein bisschen anders. Ich war ja nach dem 2. Examen nur sehr kurz an der Schule, bis ich dann mein erstes Kind bekam. In der Zeit, als ich dann zu Hause war, habe ich mich schon wohl gefühlt. Ich habe auch überlegt, ob ich überhaupt zurück an die Schule will. Als meine Jüngste in den Kindergarten kam, wollte ich allerdings nicht, dass jetzt alle aus dem Haus gehen und etwas Wichtiges zu tun haben, während für mich nur noch die schmutzigen Socken übrig bleiben.

Gab es je Kritik dafür, dass Sie als Mütter berufstätig waren? 

Dworzak: Von wem hätte Kritik kommen sollen? 

Keymer: Na ja, ich kenne das schon von unserer Elterngeneration. Ich selbst wurde nie von irgendwem kritisiert, aber Sprüche von wegen: „Ja ja, jetzt muss sie sich selbst verwirklichen“, die habe ich schon noch im Ohr. 

Dworzak: Meine Mutter hatte nur immer Angst, dass ich mich übernehme und einen Herzinfarkt bekomme (lacht), aber mein Vater war auf jeden Fall sehr stolz auf mich. An unsere Generation ist dann der Anspruch gestellt worden, die perfekte Hausfrau, Mutter, Geliebte und Karrierefrau zu sein. Da hat es die nächste Generation schon leichter. Die kann loslassen. Wenn ich da an meine Katharina denke: Ihr Mann macht viel im Haushalt. Der kann kochen, räumt auf, macht sauber, geht einkaufen – und weil Katharina ja auch zweite Bürgermeisterin in Haar ist, arbeitet er wenn notwendig im Homeoffice-Modus.

Was geben Sie Ihren Kindern weiter? 

Keymer: Kindern das Bewusstsein vermitteln, dass sie nicht nur ihren Neigungen nachhängen, sondern in der Gesellschaft auch eine Aufgabe zu erfüllen haben, für die Leistung erforderlich ist. Ob man sich in einem Bereich wie der Gemeindepolitik engagieren möchte, muss jeder für sich entscheiden. 

Dworzak: Das stimmt. Die ersten Jahre waren hart. Aber im Gegensatz zu vielen anderen Bürgermeisterfrauen wusste ich, was auf mich zukommt. Als der Helmut damals heimgekommen ist und gesagt hat: Der Hans [Werberger, ehem. Bürgermeister von Haar, Anm. d. Red.] hört auf, habe ich erst mal einen Schnaps getrunken und eine Zigarette geraucht. Ich wusste genau, das trifft dann meinen Mann. Und ich wusste, was das für mich bedeutet. Als Ehefrau muss man das mittragen, sonst ist es die Hölle. Jahrelang waren beim VdK meine Kinder die einzigen, die bei der Weihnachtsfeier dabei waren. Die einzigen Ferien, die ich immer geliebt habe, waren die Weihnachtsferien.

Echt? Nicht mal im August hatten Sie Ruhe? 

Dworzak: Nein, da gehen ja die ganzen Spaziergänger am Haus vorbei. Die wissen ja alle, wo der Bürgermeister wohnt — und mein Mann ist sehr kommunikativ. Die Kinder haben auch beim Spaziergang durch Haar immer gesagt: „Mein Gott, jetzt steht er schon wieder da und quatscht. Da kommt man ja keinen Meter weit.“ Das muss man verkraften können.

Ein Bürgermeister hat mir mal gesagt, um den Job zu machen, muss man die Menschen lieben. 

Keymer: Das ist aber in der Schule auch so. Wer nicht gerne mit Menschen und vor allem mit Kindern zu tun hat, sollte die Finger von dem Beruf lassen. 

Interview: Lydia Wünsch

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