Zum 80. Geburtstag des Schauspielers und Regisseurs Josef Schwarz aus Haar

Von der Erfüllung, Theater zu spielen

+
Wenn die Bühne beim Publikum vorfährt: Josef Schwarz und sein rollendes Theater.

Er stand auf ganz unterschiedlichen Bühnen und übernahm ganz verschiedene Rollen. Mal waren es die Münchner Kammerspiele, dann bespielte er mit Puppen das Foyer des Hamburger Thalia Theaters. In „King Lear“ war er der Herzog von Cornwall, in seinem Theaterbus erweckte er Kasperl und Seppl zum Leben. Am vergangenen Sonntag ist der Schauspieler und Regisseur Josef Schwarz aus Haar 80 Jahre alt geworden.

Zwei Ferkel waren es, mit denen sich Josef Schwarz, 1939 in Graz geboren, als Jugendlicher den Weg ins Erwachsenen- leben ebnete. Im Frühjahr kaufte er die Tiere, über den Sommer fütterte er sie gut, im Herbst verkaufte er ein Schwein an die Mutter, die einen Gasthof hatte, das andere an den Metzger. Das wiederholte er im Jahr darauf und kaufte sich mit dem verdienten Geld ein Moped. Dem Zweirad- Begeisterten, der für Latein am Gymnasium wenig übrig hatte, schlugen die Eltern daher vor, eine Kfz-Lehre zu machen. Doch der schlanke junge Mann hatte kaum genug Kraft, um die Schrauben beim Lkw festzudrehen. Er musste zum Militär, wurde hernach auf die Hotel-Fachhochschule geschickt und kehrte, ohne seine Berufung gefunden zu haben, in den mütterlichen Gasthof zurück, um dort immer mal wieder auszuhelfen. „Die Gäste bediente ich lustig, so dass ein Herr, der Waffenmeister in der Oper war, mir vorschlug, auf der Schauspielschule in Graz vorzusprechen“, erzählt Schwarz. „Kunst allerdings war für mich bis dahin gewesen, mein Moped zu reparieren.“ Die Schule nahm ihn auf — und so wurde Josef Schwarz, der am vergangenen Sonntag 80 Jahre wurde und seit Mitte der 1970er_Jahre in Haar lebt, Schauspieler und Regisseur.

Von Graz nach Wien, von Wien nach München 

„Die Schauspielschule in Graz war die schönste Zeit in meinem Leben“, erinnert sich Schwarz. Er tauchte in die Welt Shakespeares ein, er begann zu spielen, sich zu verkleiden, in Rollen zu schlüpfen und las ein Theaterwerk nach dem anderen. Sein erstes Engagement bekam der Österreicher am Wiener Theater in der Josephstadt. Dort entdeckte ihn August Everding, der damalige Intendant der Münchner Kammerspiele und holte ihn in die bayerische Landeshauptstadt, wo er im Laufe der Jahre ebenso am Residenztheater, im Theater der Jugend oder am Volkstheater auftrat. Es waren oft nicht die großen Rollen, die Schwarz übernahm, aber er spielte auch die Nebenrollen mit großer Begeisterung. Zudem sei es ja bei kleineren Rollen viel schwieriger, der Figur in der Kürze der Zeit Gestalt zu verleihen, so Schwarz. Ob am Theater oder auch vor der Fernsehkamera, einer Sache war sich Schwarz sicher: Einen Beruf zu haben, der zu seinem Talent passt. Dies bestätigt bis heute seine Hartnäckigkeit, wenn es darum geht, Theaterprojekte umzusetzen. Braucht er für ein Figurentheater-Projekt Puppen, so beginnt er einfach selbst, diese zunächst aus Knete, dann aus Holzmasse zu formen und die Puppen anschließend von der Kostüm-Abteilung eines Theaters einkleiden zu lassen. Oder wenn es um die Samt-Vorhänge seines Theaterbusses geht: Schwarz tut da nicht lange rum, er holt die alte Nähmaschine hervor, studiert solange Videos im Internet, bis er versteht, wie man den oberen und unteren Faden einfädelt und näht zwölf Meter Vorhänge für seinen Theaterbus um. Sein Theater auf sechs Rädern betreibt Josef Schwarz seit knapp 30 Jahren. Derzeit allerdings steht der Bus still, ohne mit Kasperl, Seppl und Co. bei Kindern für Vorführungen vorzufahren. „Momentan geht der Fahrtenschreiber nicht mehr“, bedauert der Theaterbus-Intendant. Früher fuhr er mit seinem Bus und Kollegen landauf, landab. „Der Bus fuhr gerade mal 70 Kilometer pro Stunde schnell, das hinderte uns aber nicht daran, bis nach Flensburg oder durch die neuen Bundesländer von Dorf zu Dorf, von Kindergarten zu Kindergarten zu fahren.“ Vormittags und nachmittags gaben sie Kasperltheater- Aufführungen für Kinder, abends unterhielt er sein Publikum im Bus mit einer Nestroy-Collage oder einem Karl- Valentin-Abend.

Das feuerrote Spielmobil 

Einige Jahre, bevor Schwarz einen alten Gelenkbus zu seinem mobilen Theater umrüstete, war es indes ein anderes Gefährt, das den Schauspieler in den 1970er-Jahren bekannt machte: ein feuer-rotes Spielmobil. In der Kinder-Serie „Das feuerrote Spielmobil“ des Bayerischen Rundfunks, die in den 1970er-Jahren ausgestrahlt wurde, spielte Josef Schwarz in gut 120 Folgen „den dünnen Herrn Schwarz“. „Als Figur der Serie wurde ich von nun an erkannt. Im Gasthof kamen die Leute auf mich zu und ich musste auf ihrem Bierdeckel unterschreiben. Auch wenn es mir manchmal lieber gewesen wäre, nicht erkannt zu werden, schön war es eigentlich schon“, sagt er rückblickend. Während im Fernsehen das feuerrote Spielmobil herumdüste, fand Schwarz im privaten Leben in Haar eine neue Heimat. Er hörte von einem Grundstück mit einem Haus, das 1939 gebaut wurde. „Mein Geburtsjahr, also fuhren meine Frau und ich hin. Das Haus war auf dem Grundstück weiter hinten gelegen, wir mussten uns erst ein wenig zu diesem durchschlagen“, so Schwarz. Einen Neubau wollten sie allerdings nicht, es sollte genau dieses Haus sein. Auch wenn es ein Stück weit ein Abenteuer war, es selbst für seine mittlerweile dreiköpfige Familie herzurichten. 1975 nämlich wurde Schwarz‘ Tochter geboren. Fortan von Haar aus fuhr der Schauspieler zu Gastspielen in ganz Deutschland. „Nach meiner Spielmobil-Zeit war mein Gesicht fürs Fernsehen zunächst verbraucht, so folgte eine Zeit, in der ich viel Theater spielte. 100 Vorstellungen, drei Monate lang auf Tournee, das war anstrengend.“ So freute er sich über ein festes Engagement am Hamburger Thalia Theater. Der Nachteil: Die Anstellung trennte ihn von seiner Familie in Haar. Die Idee zu seinem Theaterbus-Projekt kam Schwarz allerdings in Berlin, bei einer Fahrt mit der S-Bahn. „Es kamen Schauspieler, die einfach ein Seil spannten und begannen, Theater zu spielen. Das wäre es doch, ein moderner Thespiskarren“, dachte er sich und so entstand Schwarz‘ rollendes Theater in einem alten Bus mit kleiner Guckkastenbühne und leicht ansteigenden Zuschauerplätzen. Bis im vergangenen Jahr steuerte Schwarz mit seinem Theaterbus noch Ziele im Münchner Osten an. „Leicht ist es allerdings nicht, immer um die Kurve zu kommen, geschweige denn, Stellplätze zu finden.“ So könnte er sich denken: „Ich bin 80, jetzt höre ich auf.“ Aber da ist sie wieder, diese Hartnäckigkeit und die Begeisterung für seinen Beruf, wenn er hinzufügt: „Ich kann nicht aufhören.“ Denn zu spüren, wie vor allem die Kinder bei den Aufführungen mitgehen, das tut einfach gut: „Wenn man nach der Vorstellung alles zusammenräumt, ist man erfüllt. Man fühlt sich wie ein anderer Mensch — und jünger.“

Verena Rudolf

Auch interessant:

Mehr zum Thema:

Kommentare