Wenn man genau hinsieht, ist da noch mehr

70 Jahre Seerosenkreis am Dienstag, 5. Juni, und Montag, 2. Juli, im Münchner Künstlerhaus

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Die Künstlerin Gabriele von Ende-Pichler in ihrem Haarer Atelier mit ihrem Werk „Engelflügel“, das am Dienstag, 5. Juni, im Künstlerhaus am Lenbachplatz 8 im Rahmen der 70-Jahr-Feier des Seerosenkreises ausgestellt wird.

Ein Verein, der keiner sein will, sondern ein Sammelbecken von Künstlern. Das ist der „Seerosenkreis“, zu dem auch die „Traumstadt Schwabing“ gehört. Und das schon seit 70 Jahren. Anlässlich der Feierlichkeiten zu diesem langjährigen Bestehen stellt die Haarer Künstlerin Gabriele von Ende-Pichler ihr Werk „Engelflügel“ ab Dienstag, 5. Juni, im Münchner Künstlerhaus aus.

Genau hinsehen ist wichtig, findet die Haarer Künstlerin Gabriele von Ende-Pichler. Sie durchstreift ihr „Atelier am Rathaus“, in dem ihre farbenprächtigen Bilder ausgestellt sind. Wie zum Beispiel das Werk „Engelflügel“. „Ein mutiges Bild“, findet Ende-Pichler. „Der Engel ruht über der Erde und wacht über die Menschen.“ Um den „Engelflügel“ besser zu sehen, hat sie die Luftpolsterfolie entfernt. Denn eigentlich war der Flügel schon verpackt, um seine Reise in das Münchner Künstlerhaus am Lenbachplatz anzutreten. Dort wird das Werk ab Dienstag, 5. Juni, ausgestellt, anlässlich des 70-jährigen Bestehens des Seerosenkreises. Gabriele Ende-Pichler gehört zum inneren Kreis des Vereins, der darauf besteht, kein eingetragener Verein zu sein. „Wir sind vielmehr ein Sammelbecken von Künstlern“, sagt die Vorsitzende Brigitta Rambeck.

Entstanden ist dieser Nicht-Verein 1948. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen Rambeck zufolge alle Künstler, Musiker und Schauspieler „aus ihren Löchern gekrochen“, in die sie sich während des Krieges vergraben hatten. So auch der Schriftsteller und Kabarettist Peter Paul Althaus, „der zwei Weltkriege nicht nur körperlich sondern auch geistig überlebte“ und als Initiator der Seerosen-Literaten gilt. Denn „Schwabing ist nicht tot, wie man nach Kandinsky und dem Ende des Blauen Reiters behauptete!“, betont die promovierte Literaturwissenschaftlerin. Die Künstler trafen sich zum Stammtisch in der „Seerose“, eine Gastwirtschaft, an der Gunezrainerstraße, in der heute ein Italiener ist und früher Thomas Mann seine Buddenbrooks geschrieben hat. Hier lasen sie ihre Gedichte, machten Kabarett, redeten über Kunst und waren bald so beliebt, dass sogar der Adel durch das Klofenster der Seerose gestiegen sein soll, um die Künstlern zu sehen. So die Legende. Später gründete der Maler Hermann Geiseler mit seinen Bildern von Schwabing die sogenannte „Traumstadt“ und damit den zweiten Bereich des Seerosenkreises: Den der bildenden Künste. Der heutige Traumstadtbürgermeister ist niemand geringerer als Christian Ude. „Nachdem er als Oberbürgermeister abdankte, wurde er Bürgermeister der Schwabinger Traumstadt“, erzählt Rambeck. So zieht sich die Geschichte des Seerosenkreises durch die Münchner Geschichte. Mit namhaften Künstlern an seiner Seite, wie Kurt Seeberger, ein „Journalist und Menschenfreund“, und der Chansonsängerin Gisela Jonas-Dialer, die als Schwabinger Gisela bekannt ist. Nur einmal wäre die Geschichte fast zum Ende gekommen. Als der Oberseerosianer Ernst Günther Bleisch 2003 starb, sollte auch die Seerose mit ins Grab gehen. Doch die elf verbliebenen Mitglieder entschieden anders. Damals wurde Brigitta Rambeck zur Oberseerosianerin ernannt.

Heute treffen sich die Seerosianer im Münchner Künstlerhaus zu Lesungen und Vernissagen. „Traumstadt und Seerosenkreis erneuern sich mit ihren Mitgliedern und passen sich der Zeit an, wie derzeit dem Schriftsteller Thomas Lang und seinem Onlineroman“, sagt Rambeck. So mischt der Seerosenkreis auch in der Poetry-Slam-Szene unter Ko Bylanzky mit, die Rambeck zufolge noch unterschätzt wird. „Da ist mehr Substanz dahinter, als man auf den ersten Blick vermuten würde.“ Darum lohnt sich ein zweiter Blick, denn wenn man genau hinsieht, erkennt man sie: die Traumstadt Schwabing und ihren Verein, der keiner ist.

Lydia Wünsch

70-Jahre Seerosenkreis

- Dienstag, 5. Juni, Bilder und Skulpturen — Vernissage und Verleihung des Seerosenrings, Ausstellungsdauer: 6. Juni bis 2. Juli

- Montag, 2. Juli, Literatur, Kabarett und Musik, - Jubiläumsfeier der Literaten. 

Öffnungszeiten: Mo - Fr 8 bis 17 Uhr, Sa 10 bis 17 Uhr, Eintritt: 12 Euro, Anmeldung unter: seerosenkreis@gmail.com.

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