Der Bürgermeister Bukowski ist jemand, der nicht allzu viel vorgibt“

Interview mit dem Haarer Bürgermeister und dem Fraktionsvorsitzenden der CSU 

Bürgermeister Andreas Bukowski (r.) und Dietrich Keymer 
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Bürgermeister Andreas Bukowski (r.) und Dietrich Keymer 

Andreas Bukowski und Dietrich Keymer sind das neue Duo an der Spitze der Haarer CSU. Im Interview erzählen sie, wie sie die ersten Monate im neuen Gemeinderat erlebt haben und was sie sich für die Zukunft vorstellen.

HALLO: Herr Bukowski, fühlt es sich schon natürlich an, als Bürgermeister durch Haar zu laufen oder ist es noch eine Rolle, in die Sie Tag für Tag schlüpfen?

Bukowski: Bürgermeister zu sein ist vielseitig und abwechslungsreich. Jeden Tag gibt es Neues zu entdecken und zu lernen. Von Geburtstagsgrüßen angefangen – leider immer noch telefonisch –, über viele Termine und Sitzungen. Ich kann nur sagen: Es macht mir große Freude.

Sie haben vor der Wahl die Rolle des Bürgermeisters mit der für Sie gewohnten Rolle eines Geschäftsführers verglichen ...

Bukowski: Als Geschäftsführer steht man nicht so in der Öffentlichkeit. Und als Bürgermeister arbeitet man nicht auf eigene Rechnung, sondern für die Gemeinde. Trotzdem ist beides eine Organisation, die es zu leiten gilt.

Herr Keymer, Sie sind schon lange Jahre Teil der Haarer Kommunalpolitik. Spüren Sie schon einen Wechsel, rund 100 Tage nach der Wahl?

Keymer: Ich spüre sogar einen großen Wechsel. Wir hatten ja erst wenige Sitzungen, aber es gibt einen deutlichen Wandel im politischen Klima. Zum Beispiel im vergangenen Bauausschuss waren die Diskussionen jetzt ganz andere als ich sie gewohnt war. Es wurde offen und fair debattiert. So soll es sein.

Überrascht es Sie, dass einige Konflikte plötzlich zwischen den Parteien gemeinsam bei einer Tasse Kaffee im Garten gelöst werden könnten, wie man hört?

Keymer: Nein, das habe ich so erwartet. So sind wir ja auch vor der Wahl angetreten. [schmunzelt] Auch wenn wir damit gängige Vorurteile über die Haarer Kommunalpolitik widerlegen.

Sie selbst stehen ja nicht unbedingt für einen Neuanfang. Gab es intern Diskussionen, ob Sie trotzdem weiterhin der CSU-Fraktionssprecher bleiben sollen?

Keymer: Nein, das war einfach. Wenn Andreas Bukowski die Bürgermeisterwahl nicht gewonnen hätte, hätte natürlich er die Fraktionsführung übernommen. So war es klar, dass ich die Fraktion weiterführen werde.

Bukowski: Viel mehr Neuanfang in Haar als wir jetzt haben, geht ja nicht. Aber natürlich braucht man in der Fraktion auch Erfahrung. Ich bin froh, dass Herr Keymer (zunächst temporär) weitermacht. Ich bin ein Neueinsteiger – da brauche ich Erfahrung an meiner Seite. Und auch in der Fraktion sind wir nicht nur größer geworden, sondern es sind viele neue Leute mit dabei. Es gibt keinen Besseren für den Posten als Dietrich Keymer.

Keymer: Aber, nur dass kein Missverständnis entsteht: Das wurde nicht zwischen uns beiden ausgeschnapst. Ich bin natürlich von der Fraktion vorgeschlagen und gewählt worden.

Die CSU hat im Gemeinderat keine Mehrheit. Merken Sie das schon nach den wenigen Sitzungen?

Bukowski: Um die Mehrheitsfrage geht es mir nicht. Es gibt einen frischen Wind mit neuen Leuten, der im Gemeinderat Einzug hält. Es sind viele Anknüpfungspunkte zwischen den Parteien vorhanden. In vielen Bereichen herrscht sogar Konsens. Wir brauchen keine eigene Mehrheit.

Hat sich durch die Neuen der Charakter der CSU in Haar geändert?

Keymer: Das würde ich nicht sagen.

Bukowski: Man muss den Neuen in jedem Fall Raum geben. Diesen Charakter wollen wir erhalten. Es soll wirklich konstruktiv sein. Wir sind auch deshalb der mit Abstand größte Ortsverband im Landkreis, weil wir so offen sind für viele Ideen und politische Einstellungen.

Keymer: In der Öffentlichkeit herrschte vielleicht der Eindruck, dass die Positionen der CSU immer nur von einem bestimmt werden – das war aber nie so! In der Fraktion haben wir immer diskutiert. Ich habe nie die Rolle des Alleinunterhalters angestrebt, und ich habe nie jemanden verdrängt.

Aber es macht Ihnen schon Spaß, wenn Sie im Gemeinderat verbal die Klingen kreuzen – früher mit Herrn Zill und jetzt mit Herrn Fäth...

Keymer: [lacht] Ich bin nun mal nicht besonders harmoniebedürftig oder gar -süchtig.

Bukowski: Mir ist wichtig, dass sich Kommunalpolitik in Haar nicht nur auf Diskussionen zwischen den Vorsitzenden beschränkt. Jeder, der im Gemeinderat sitzt, ist gewählt worden! Jeder soll zu Wort kommen. Mein Ziel ist, dass bei einigen Fragen auch mal innerhalb der Fraktionen unterschiedlich abgestimmt wird.

Wie kompliziert ist es, die richtige Balance zwischen dem Bürgermeister und dem Fraktionsvorsitzenden zu finden?

Keymer: Nicht so schwierig. Der Bürgermeister ist der Bürgermeister – das ist banal. Er gibt den Takt vor. Und er muss dafür sorgen, dass sich der Rat mit den richtigen Themen befasst. Wir sind ja keine Claqueure von Amts wegen. Aber ich sehe kein Konfliktpotenzial zwischen uns.

Bukowski: Es ist ganz klar, dass ich mich erst noch in die Rolle hineinfinden muss. Es gibt da eine große Vielschichtigkeit. Mir ist wichtig, Leute an meiner Seite zu haben, die auch mit Selbstbewusstsein sagen: „Da habe ich eine andere Meinung!“

Keymer: Der Bürgermeister Bukowski ist jemand, der nicht allzu viel vorgibt. Ein Beispiel dafür war der letzte Bauausschuss, als es um die Form des Daches des neuen Lebensmittelmarktes an der Wasserburger Straße ging. Da wurde die Meinung der Verwaltung gekippt, weil der Bürgermeister besseren Argumenten gegenüber aufgeschlossen war.

Erhoffen Sie sich Ähnliches in Bezug auf die Zukunft der Leibstraße?

Keymer: Viele schätzen unsere Position da falsch ein. Schauen Sie: Die Leibstraße sieht seit 25 Jahren gleich aus – obwohl immer wieder über sie geredet wird. Wir können sie nicht vergrößern. Deshalb wollten wir den Versuch einer Einbahnstraße starten. Im Wissen, dass so ein Versuch auch scheitern kann. Wenn es eine bessere Lösung gibt, werden wir sie realisieren.

Bukowski: Wir müssen das moderierend voranbringen. Es war ungünstig, das im Vorfeld der Wahl zu diskutieren. Wir brauchen mehr Beteiligung aller Betroffenen an der Leibstraße. Und wir müssen die Maßnahmen dort priorisieren. Im Mobilitätskonzept ist die Leibstraße nur ein kleiner Teil. Das sind dort wenige Folien. Die Zukunft der Leibstraße darf im politischen Betrieb nicht zerrieben werden.

Aber es macht doch keinen Sinn, über die Leibstraße außerhalb des Mobilitätskonzepts zu entscheiden.

Bukowski: Das stimmt. Die Leibstraße ist Teil des Mobilitätskonzepts und muss es auch bleiben.

Keymer: Ich kann mir auch vorstellen, dass die Leibstraße in mehreren Phasen verändert wird, bis sie ihr endgültiges Aussehen erhält. Wir haben auch keinerlei ideologische Einwände gegen einen verkehrsberuhigten Geschäftsbereich.

Wir haben alle in den vergangenen Monaten gelernt, dass sich die wichtigsten politischen Themen nur schwer vorhersagen lassen. Aber ist das Mobilitätskonzept die wichtigste Frage in Haar?

Bukowski: Die finanzielle Situation durch die Corona-Krise ist sicher momentan das zentrale Thema. Dazu gehört, dass in der Gewerbeentwicklung etwas passieren muss. Dabei wollen wir das beibehalten, was Haar ausmacht. Wir müssen Ökonomie und Ökologie miteinander verschränken. Wir wollen ein Gewerbegebiet mit Nachhaltigkeit entwickeln. Dafür müssen wir auch die Bürger befragen. Nach dem Motto „Der Raum wird eng, was ist euch wichtig?“

Herr Keymer, Sie waren in den vergangenen Jahren für einen klaren Sparkurs der Gemeinde. Auf Bundesebene redet durch Corona niemand mehr über die Schwarze Null. Hat sich Ihre Einstellung verfestigt oder geändert?

Keymer: Es überrascht mich, mit welcher Lockerheit Milliarden als neue Größenordnung akzeptiert wurde. Das kann man auf eine Gemeinde nicht übertragen. Wir müssen mit dem auskommen, was wir kriegen. Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit sind von hoher Bedeutung. Und dabei vor allem die Wirtschaftlichkeit. Der Haushalt 2021 wird noch sehr viele Fragen aufwerfen – und die müssen beantwortet werden.

Bukowski: Wir wollen die Dinge mehr als Effizienzgesellschaft sehen. Das hat aber nichts mit rigiden Sparmaßnahmen zu tun. Wir wollen das erhalten, was Haar ausmacht. Und wir gehören ja auch nicht zu den Gemeinden, die auf Corona mit Haushaltssperren reagierten.

Vor vielleicht 30 Minuten hat Herr Keymer über Sie gesagt, dass Sie ein Bürgermeister sind, der nicht allzu viel vorgibt. Ist das ein Lob oder liegt so ein Satz ungut im Magen?

Bukowski: Das ist ein reines Lob, weil ich weiß, wie Dietrich Keymer das meint. Der Gemeinderat ist für mich das zentrale Gremium, um das Beste für Haar herauszuholen. Politik ist nichts Anderes, als den möglichst besten Kompromiss zu finden.

In der Politik hat es Menschlichkeit manchmal schwer. Gab es die Möglichkeit für ein persönliches Gespräch mit Ex-Bürgermeisterin Gabriele Müller?

Bukowski: Natürlich war der Wunsch da. Ich würde sehr gerne von ihrer Erfahrung profitieren. Ich denke, dass das einfach noch ein bisschen mehr Zeit braucht. Das kann ich verstehen.

Keymer: So ein Gespräch hätte weder mir noch ihr etwas gebracht. Ich würde mich freuen, wenn wir die Vergangenheit hinter uns lassen und etwas lockerer miteinander umgehen könnten. Ich kann verstehen, dass es für sie eine sehr schwere Situation ist. Ich wünsche ihr ehrlich alles Gute!

Interview: Lydia Wünsch und Marco Heinrich

Mehr über den Münchner Osten gibt es in der Übersicht.

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