Hebamme Dana Tegen über die derzeitige Situation in ihrem Beruf

Vom Wunsch, Wertschätzung zu erfahren

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Eine Rundum-Betreuung wäre ideal: Es würde Frauen gut tun, wenn sie nicht nur eine Nachsorge-Hebamme haben, die sie nach der Geburt ihres Kindes zuhause besucht. Bereits in der Schwangerschaft hat eine werdende Mutter Fragen und Anliegen.

„Lieber Jens, wir müssen reden: Ich bin schwanger“, so beginnt der Text auf den Postkarten, die derzeit bei Bundesgesundheitsminister Jens Spahn eingehen. Drei Berliner Aktivistinnen haben eine Protestaktion ins Leben gerufen, mit der sie auf den Hebammenmangel deutschlandweit aufmerksam machen wollen. HALLO sprach mit der Hebamme Dana Tegen, die im östlichen Münchner Landkreis tätig ist.

Eine Schwangerschaft dauert durchschnittlich 280 Tage, das sind 40 Wochen. Eine lange Zeit, um sich auf das künftige Leben mit einem Säugling vorzubereiten. Um sich Gedanken zu machen, was für ein Bettchen es denn sein soll, um sich einen Kinderwagen auszusuchen und Strampelanzüge zu kaufen. Doch wofür sich eine werdende Mutter auf keinen Fall Zeit lassen sollte, ist die Suche nach einer Hebamme, die nach der Geburt Mutter und Kind zuhause besucht. „Neulich rief mich eine Frau an, die gerade mal in der siebten Schwangerschaftswoche war. Aber sie hat alles richtig gemacht, indem sie sich so früh bei mir gemeldet hat“, sagt die Hebamme Dana Tegen, die im östlichen Münchner Landkreis tätig ist. Doch Tegen weiß es auch, was es für eine werdende Mutter bedeutet, so früh auf Hebammen-Suche zu gehen. „Eine Schwangere weiß zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht mal, ob die Schwangerschaft stabil ist. Vor der zwölften Schwangerschaftswoche aktiv werden zu müssen, das ist traurig“, sagt Tegen. Und für viele Frauen auch sehr belastend. „Mich rufen täglich zwei bis drei Frauen an“, so die 28-jährige Hebamme. So schwer es ihr auch fällt, sie muss immer wieder Frauen absagen, weil ihre Kapazitäten einfach erschöpft sind. Jede vierte Mutter in Bayern hat Schwierigkeiten, eine Hebamme zu finden. Dabei ist es für die junge Mutter und ihr Kind so wichtig, im Wochenbett gut betreut zu sein. „Da sind so viele Fragen, die eine Mutter hat. Zum einen einfach zum Stillen, zum anderen kann es ja sein, dass die Geburt nicht so ablief, wie sie sich das vorgestellt hat und so hat der Besuch einer Hebamme auch einen psychischen Aspekt, der den man aber leider häufig vergisst“, bedauert Tegen. Bundesweit gibt es derzeit eine Postkarten-Aktion. Schwangere, ihre Partner, junge Eltern und Hebammen sollen dem deutschen Gesundheitsminister Jens Spahn schreiben und mitteilen, dass sie trotz intensiver Suche und trotz so und so vieler Anrufe keine Hebamme für die Nachsorge finden. Rund 14.000 Postkarten oder E-Mails gingen bereits im Bundesgesundheitsministerium ein. Das Ministerium hat zwar heuer im Januar Maßnahmen veröffentlicht, mit denen die Situation der Hebammen verbessert werden soll. Und ein Gutachten soll nun die stationäre Hebammenversorgung beleuchten. Von einer Akademisierung des Berufes ist außerdem die Rede. Zudem will man Hebammen dabei unterstützen, wie sie ihr Familienleben mit dem Arbeiten in Schichtdiensten besser vereinbaren können. Und vor allem soll die Suche nach einer freiberuflichen Hebammen für die Schwangerenvorsorge, Geburtshilfe und vor allem auch für die Nachsorge erleichtert werden. „Ich rate Frauen, die auf eine Absage von mir meist sehr frustriert reagieren, unter www.hebammensuche.bayern weiterzusuchen. Dort gibt man seine Postleitzahl ein und bekommt dann Hebammen grün angezeigt, die zum errechneten Entbindungstermin noch verfügbar sind“, erklärt Dana Tegen. Die Homepage des Bayerischen Hebammen Landesverbandes entstand in Kooperation mit dem Referat für Gesundheit und Umwelt der Landeshauptstadt München. „Doch ich weiß, dass es dennoch unfassbar schwierig ist, eine Hebamme zu finden. Viele Frauen, die mich anrufen, weinen“, fügt Tegen hinzu.

Für eine Mutter vor und nach der Geburt da sein

Ihrer Meinung sei es aber nicht nur wichtig, eine Frau nach der Geburt zu besuchen. „Ideal wäre eine Rundum-Betreuung, das heißt, dass die Hebamme bereits in der Schwangerschaft für eine Frau da sein kann. Es geht ja auch darum zu erfahren, ob man überhaupt auf einer Wellenlänge ist und darum, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen“, sagt Tegen. Der Schwangeren Fragen zu beantworten, auf die der Frauen- arzt aus Zeitgründen nicht eingehen kann. Oder ihnen zur Seite zu stehen, wenn der Gynäkologe im Urlaub ist. So entstand auch die Idee, im Familienzentrum der Nachbarschaftshilfe Haar eine Sprechstunde für werdende Mütter anzubieten und bei Fragen, Sorgen und Beschwerden rund um Schwangerschaft und Geburt zu helfen. „Das Problem jedoch ist, dass viele Frauen, die in diese Sprechstunde kommen, eigentlich Wöchnerinnen mit Baby sind, die keine Nachsorge-Hebamme haben und sich daher an mich wenden. Für mich ist das dann aber schwer, ambulant alles zu regeln, vor allem, wenn ich eine Mutter und ein Kind nicht kenne und nur einmal sehe.“ Am Klinikum Erding, an dem Dana Tegen als Hebamme ebenso tätig ist, gibt es eine Wochenbettambulanz, an die sich Mütter, die niemanden für die häusliche Nachsorge finden konnten, wenden können. Damit sei das Klinikum — das seine Geburtsstation wie so viele Krankenhäuser geschlossen hatte, aber dem es dann gelungen ist, diese wiederzueröffnen — eines der wenigen, die solch eine Ambulanz für Mütter anbietet. Dennoch sei es laut Dana Tegen „unfassbar wertvoll“, wenn die Hebamme eine Mama und ihr Kind zuhause betreut. Für einen Hausbesuch allerdings seien, so Tegen, allerdings von der Abrechnung her nur 20 bis 30 Minuten eingeplant. „Aber wenn ich mich sowohl um die Mutter als auch um das Kind angemessen kümmere, dann dauert das mindestens eine Stunde, wenn nicht sogar eineinhalb“, sagt die 28-Jährige. „Mir geht es also um die Wertschätzung unserer Arbeit, dass man sieht und anerkennt, mit wie viel Herzblut wir unseren Beruf ausüben.“ Die Vergütung für das, was eine Hebamme leiste, müsse stimmen. Erfreut zeigt sich die Hebamme zwar über den Bonus des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege für freiberuflich tätige Hebammen. „Ich sehe das schon als Wertschätzung. Doch ebenso wünsche ich mir so einen Bonus für Hebammen, die fest angestellt sind.“

Verena Rudolf

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