Lokal und nachhaltig – ein System mit großer Zukunft

Haarer Zehner und Gleißentaler – warum gibt es Regionalwährungen?

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Auch bei Blumen Billmeier kann mit dem Haarer Zehner bezahlt werden: Inhaberin Hamit Gözen mit Bürgermeisterin Gabriele Müller.

Geld ist nicht die Lösung aller Probleme. Aber es führt meist zu der Antwort auf die Frage, warum eine bestimmt Lösung in die Tat umgesetzt wurde. Darum gibt es in vielen Regionen Regionalwährungen – selbst wenn sie noch nicht allzu bekannt sind.

Landkreis – An den Umgang mit Euro, Dollar und Yuan haben wir uns gewöhnt. Auch neumodische Währungen wie Bitcoin sind vielen mittlerweile ein Begriff. Aber dass es eine Art von Geld gibt, die nur lokal funktioniert, ist bis heute weitgehend unbekannt. Dabei gibt es davon viele – auch in Haar.

Im Oktober 2016 wurde der Haarer Zehner eingeführt. Ziel der Gutscheinkarte im Scheckkartenformat ist es, die Kaufkraft der Bürger am Ort zu binden und die lokalen Geschäftsleute zu unterstützen. Ein wichtiges Ziel, in Zeiten des zunehmenden Onlinehandels und der großen Einkaufszentren. Knapp 70 Geschäfte, Restaurants und Dienstleister nehmen aktuell daran teil.

„Da wir damals keinen aktiven Gewerbeverband hatten, hat die Wirtschaftsförderung des Rathauses die Initiative ergriffen und seither wickeln wir die ‚Haarer Zehner Geschäfte‘ bei uns im Rathaus ab“, erklärt Bürgermeisterin Gabriele Müller. Dass es nur einen 10-Euro-Gutschein in dieser Regionalwährung gibt, hat zwei Gründe: Zum einen bekommt man als Kunde kein Rückgeld auf die Gutscheine, das heißt, man muss den Betrag auf einmal ausgeben. Zum anderen ist dieser vergleichsweise niedrige Betrag ein gutes Geschenk auch unter Jugendlichen oder Menschen mit kleinerem Geldbeutel.

Die erste Auflage von 1000 Karten im Wert von jeweils 10 Euro war rasant schnell vergriffen. Schon im Januar 2017 druckte die Gemeinde die nächsten 1000 Karten nach. Mittlerweile sind 3000 Karten im Bestand. Davon sind rund zwei Drittel im Umlauf. Das bedeutet, dass relativ viele Beschenkte die Gutscheinkarten zuhause horten.

Regionalwährungen sind keine neue Erfindung, tatsächlich haben sie bereits eine lange Geschichte. Einige wurden sogar so berühmt, dass Filme über sie gedreht wurden. Ein Beispiel dafür ist „Das Wunder von Wörgl“. Der kleine Ort vor Innsbruck schaffte es in den 1930er-Jahren, einen eigenen Weg aus der weltweit grassierenden Rezession zu finden. Wie das gelang? Wörgl gab eine eigene Währung heraus, die einen besonderen Clou hatte: Das Geld verlor mit der Zeit an Wert.

Und so gelang der Weg aus der Krise: Die Stadt Wörgl startete ein großes, lokales Bauprogramm und zahlte den Lohn in der eigenen Währung aus. Da dieses Geld an Wert verlieren würde, gaben es die Menschen schnell wieder aus – und zwar ausschließlich in der eigenen Gemeinde. So entstand ein echter Motor für das komplette System. Und der Trend jeder wirtschaftlichen Krise wurde durchbrochen. Denn normalerweise sparen die Menschen in schlechten Zeiten. Die mangelnde Nachfrage verstärkt dann den negativen Trend der Wirtschaft noch. Die Folge sind Entlassungen. Ein Teufelskreis.In Wörgl funktionierte das. Während überall sonst in dieser Zeit die Arbeitslosigkeit stieg, ging sie im kleinen Tiroler Ort zurück. Voraussetzung war allerdings, dass alle Beteiligten an die neue Währung glaubten. Und dass der Staat das neue System auch zulässt. Genau das beendete übrigens auch das Wunder von Wörgl. Als mehrere Gemeinden das System zu kopieren begannen, verbot die Notenbank das Wörgler Geld. Das Projekt war damit gescheitert. Und die positive Entwicklung der lokalen Wirtschaft auch.

Trotzdem sind Regionalwährungen bis heute aktuell. Viele Experten hätten sich gewünscht, dass die umfangreichen Hilfeleistungen nach Griechenland in einem ähnlichen System vergeben worden wären. So hätte verhindert werden können, dass ein Großteil des Geldes umgehend außer Landes gebracht wurde und letztlich ohne Wirkung blieb.

Doch zurück nach Bayern: Auch Oberhaching hat eine eigene Regionalwährung eingeführt: Der Gleißentaler bietet lokalen Unternehmen eine gute Möglichkeit für die längst fällige Gehaltserhöhung mit positiven Nebeneffekten. Ortsansässige Unternehmen lassen ihren Angestellten den steuerbefreiten Sachwertbezug in Höhe von 44 Euro pro Monat in Form von Gleißentalern zukommen und sorgen dadurch ganz nebenbei für Mitarbeiterbindung durch regionale Vernetzung.

Der Gleißentaler leistet gleichzeitig einen Beitrag zur Kaufkraftbindung und stärkt den lokalen Einzelhandel sowie die angeschlossenen Akzeptanzstellen. Aktuell wurden bereits über 2700 Gleißentaler im Gegenwert von 10.800 Euro monatlich in Oberhaching eingelöst. Es werden immer mehr Teilnehmer, so dass dieses Kaufkraftpotential stetig steigt.

Im Verhältnis zum „normalen“ Zahlungsverkehr spielen Regionalwährungen eine verschwindend geringe Rolle. Bislang sind sie kaum mehr als ein Symbol. Aber die Idee hinter den einzelnen Regionalwährungen ist heute aktueller denn je.

Marco Heinrich

Kommentar

Bargeld ist viel mehr als Altpapier - Die totale Digitalisierung des Geldverkehrs ist eine Gefahr

Wir haben doch nichts zu verbergen“, ist das Totschlag-Argument, wenn wieder ein Stück Privatsphäre digitalisiert wird. Was machen wir in unserer Freizeit? Wen finden wir gut oder schlecht? Wofür engagieren wir uns? All das geben viele freimütig und ohne Gegenleistung über die vielen Social-Media-Kanäle preis. Die Auswertung dieser Daten ist eines der größten Geschäfte der Welt. Wäre der komplette Verzicht auf Bargeld zugunsten einer komplett digitalen Bezahlmethode dann nicht logisch und unproblematisch? Doch!

Andreas Eschbach zeigt in seinem Roman „NSA“, welche Rückschlüsse aus unseren Geldausgaben gezogen werden können. Es ist die totale Durchleuchtung. Aus dem Kaufverhalten lassen sich Schlüsse über so gut wie alles ziehen. Wer so etwas will, darf gerne nach China auswandern (sinnvollerweise erst nach den Zeiten des Coronavirus) und sich über jeden Punkt in der Bewertung der Zentralregierung freuen. Mein Traum für Europa ist das nicht.

Marco Heinrich

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