„Mir geht‘s leichter und ich schlafe besser“

Gemeinderat Alexander Zill verlässt die SPD

Es ist ein echter Knalleffekt im Haarer Gemeinderat: Alexander Zill, Fraktionsvorsitzender der Haarer SPD, will ab sofort „sozialdemokratische Arbeit machen ohne Parteimitglied zu sein“. Wie er erst jetzt bekanntgab, trat er bereits vor drei Wochen, also weit vor den Wahlen in Bayern, aus seiner Partei aus. Zill bleibt weiterhin Vorsitzender der SPD-Fraktion im Gemeinderat – mit vollem Rückhalt seiner Kollegen. „Sie haben meine Beweggründe verstanden. Manche hielten den Zeitpunkt für falsch, aber einen wirklich richtigen Zeitpunkt gibt es für solch einen Schritt wohl nicht“, erklärte Zill. Bürgermeisterin Gabriele Müller (SPD) bedauerte den Austritt jedenfalls: „Umso höher schätze ich Alexander Zills Loyalität zu unserer gemeinsamen Arbeit für die Gemeinde und die Menschen in Haar.“

Zills Kritik richtet sich ausschließlich gegen das, was die Sozialdemokraten schon seit geraumer Zeit auf der Bundesebene liefern. „Wir haben die richtigen Themen im Parteiprogramm und auch im Koalitionsvertrag. Aber mit der gesamten Führungsebene der Partei kann ich mich einfach nicht mehr identifizieren. Ich weiß nicht mehr, wo die politische Crew hinwill“, sagt Zill kopfschüttelnd.

Die Art, wie im Sommer über die Flüchtlingsfrage gesprochen wurde, die Causa Maaßen oder die Diesel-Entscheidung haben ihn endgültig zu seinem Schritt bewogen. „Es war ein Prozess. In Berlin passieren Dinge, die nicht zu vermitteln sind und hinter denen ich nicht stehen kann. Deshalb habe ich den Zwiespalt jetzt aufgelöst.“ Seine Mitgliedsbeiträge will Zill, der eine Zahnarztpraxis in Pfaffenhofen führt, künftig dem Haarer Ortsverein spenden. „Da sind sie besser aufgehoben als im Bund“, sagt er. „Wir in Haar machen seit Jahrzehnten sozialdemokratische Politik nach meinem Verständnis und dafür will ich mich auch weiter mit ganzer Kraft einsetzen.“

Zill ist neben Bürgermeisterin Gabriele Müller Gesicht und Stimme der SPD in Haar. Regelmäßig kommt es im Gemeinderat zu emotional geführten Diskussionen zwischen ihm und seinem CSU-Kollegen Dietrich Keymer. Auf kommunaler Ebene und für jeden Bürger verständlich prallen nicht nur Meinungen aufeinander, sondern unterschiedliche Auffassungen von Gesellschaft und einer guten Zukunft. Amtsmüdigkeit war nie zu sehen – und die spürt Zill auch nicht.

„Es geht nicht um die Kommunalpolitik. Und natürlich werde ich auch im Wahlkampf unserer Bürgermeisterin Gabriele Müller helfen, von der ich ein großer Fan bin“, sagt Zill: „Es geht mir auch nicht um Sieg oder Niederlage bei der Bayern-Wahl. Wobei ich es schon einen Skandal finde, dass die Freien Wähler sich plötzlich kostenfreie Kitas ans Revers heften – obwohl das seit Jahrzehnten eine Kernforderung der SPD ist“, redet er sich in Rage.

Wer sich mit Alexander Zill ein paar Minuten unterhält, glaubt ihm schnell, dass er keinen Rückzug aus der Politik plant. Oder dass er sich schon bald einer anderen Partei anschließt. Selbst der Weg zurück zur SPD dürfte ein kurzer sein, wenn sie auch an der Spitze wieder die Werte vertritt, die sie einst groß und wichtig machten. Bis es so weit ist, bleibt Zill parteilos: „Mir geht‘s seitdem leichter, und ich schlafe auch besser.“

Marco Heinrich

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