Aus dem bewegten und bewegenden Leben einer Bürgermeisterin

Zum 60. Geburtstag von Gabriele Müller

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Gabriele Müller mit mit Ehemann Peter Schießl vor dem Haarer Rathaus.

Manche Menschen werden 60 Jahre alt, andere werden 60! Jahre! Alt! Doch zu dieser Kategorie gehört Haars Bürgermeisterin Gabriele Müller nicht. „Als ich 50 wurde, dachte ich, der große Schock kommt mit 60. Naja, heute muss ich feststellen: Vielleicht ja dann mit 70“, sagt sie lachend. Und ihr Ehemann Peter Schießl fügt schmunzelnd hinzu: „Der einzige Geburtstag, den wir nicht gefeiert haben, war der 30.“ Ein halbes Jahr vor den Kommunalwahlen blickt Gabriele Müller voller Spannung und Zuversicht in die Zukunft. Doch zum runden Geburtstag geht es ganz ohne Blick zurück dann doch nicht. Auf Bewegendes. Prägendes. Auch Schmerzhaftes.

Schon im 4. Jahrhundert erkannte der Philosoph Augustinus von Hippo: „Das Leben der Eltern ist das Buch, in dem die Kinder lesen.“ Daran hat sich bis heute nichts geändert. Nur dass Gabriele Müller nicht nur lesen, sondern am liebsten auch ein paar Seiten aus diesem Buch herausreißen wollte. „Meine Mutter musste meinen Vater noch fragen, wie viel Geld sie in die Stadt zum Einkaufen mitnehmen durfte. Es war eine Zeit, in der Frauen alleine noch kein Konto eröffnen duften. Bei meinen Eltern gab es noch die klassische Rollenverteilung. Mir war sehr schnell klar, dass ich das nicht wollte“, erinnert sie sich.

Gabriele Müller ist die älteste von drei Geschwistern. Sie war es, die früh Verantwortung trug. Sie war es, die Kämpfe ausfechten musste, um sich ihre Freiheit zu erstrampeln. „Ich habe früh gelernt, mich durchzusetzen. Meine Geschwister haben nicht verstanden, warum ich mich mit unserem Vater so oft stritt“, sagt sie. Erst viel später (aber immerhin) fanden Vater und Tochter ein Verständnis füreinander. Auch einen Frieden. Nicht jeder aus dieser Generation hatte dieses Glück. Und nicht jede Tochter hatte einen Vater, der ihre Fähigkeiten sah und förderte: „Mein Vater war sehr ehrgeizig mit uns Kindern, gerade in Bezug auf Bildung. Er war nur überrascht, dass das dann auch zu einem gewissen Selbstbewusstsein führte.“ Auch ein „Strauß – nein danke!“-Button führte früh zu Ärger in der Familie. Irgendwann hatte Gabriele Müller dann genug. Schon mit 17 Jahren zog sie aus. Zu einem Freund. Ein Skandal für den konservativen Vater. Aber Müller biss sich durch. Während des Studiums musste sie dann gegen das eigene Werteschema ankämpfen. Sie lernte ihren heutigen Ehemann Peter Schießl kennen. Das Problem: Er war schon verheiratet. Und Vater. „Für mich ein absolutes No-Go! Undenkbar, dass ‚so einer‘ bei mir einzieht“, erinnert sich Müller. Eineinhalb Jahre dauert es, bis beide wirklich zusammen sind. Peter Schießl ist zu diesem Zeitpunkt bereits geschieden. Noch dieses Jahr feiern beide Silberhochzeit.

Vieles verbindet Müller und ihren Ehemann. Beide arbeiten als Lehrer, lieben das Motorrad fahren und Sport. Doch vor allem Gabriele Müller zieht es nach der Gründung der Eltern-Kind-Initiative Bärenhöhle früh in die Politik. Es ist das Jahr 1994. Ein Jahr später kommt nach Tochter Laura das zweite Kind zur Welt. Sohn Felix ist von Geburt an schwer körperlich und geistig behindert. „Eine echte Zäsur. Wir haben unser Leben komplett umgestellt“, sagt Müller.

Und irgendwie gelingt es. Trotz aller Herausforderungen und Schwierigkeiten kommt in der Familie jeder zu seinem Recht. Die Eltern, die Tochter, der Sohn. Gabriele Müller geht 2000 in den Gemeinderat, wird 2006 Zweite Bürgermeisterin – und 2014 Nachfolgerin vom damaligen Bürgermeister Helmut Dworzak. Es ist kein Leben wie im Bilderbuch. Nicht alles, was nach außen leicht aussah, fühlte sich schwerelos an. Aber gemeinsam wirkten Müller und Schießl unaufhaltsam. „Ohne ihn hätte ich das alles gar nicht gemacht“, sagt Müller und lässt ihren Blick durch das Büro des Bürgermeisters schweifen. Doch dann – erst vor wenigen Monaten – stirbt ihr Sohn Felix.

Gabriele Müller mit ihrem Vater nach der Ernennung zur Zweiten Bürgermeisterin.

Was bleibt, sind Fragen. Die großen nach dem Schicksal, auf die es nie Antworten gibt. Aber auch viele andere, über die Gabriele Müller mehr sagen kann als die meisten anderen Menschen. Kurz muss sie innehalten, weil ihr und ihrem Mann die Tränen kommen. „Die Trauer findet immer einen Weg“, sagt sie dann. Und spricht anschließend von all dem, was ihr Sohn in dieser Welt hinterlassen hat. Wie er ihr Leben bereicherte. „Er hat uns vieles gelehrt: Die Geduld. Das Vertrauen ins Leben. Die oft spontanen Rückmeldungen, dass es ihm gut geht. Der Wert eines Menschen, den man von außen nicht benennen kann.“ Die Sozialdemokratie hat es in diesen Tagen nicht leicht. Das liegt vielleicht auch daran, dass es nur wenige gibt, die dieses Wort so stark und authentisch verkörpern wie Gabriele Müller: Sozial. „Meine Grundeinstellung ist, dass ich nun wirklich nicht das Wichtigste auf der Erde bin“, hatte sie schon zu Beginn des Gespräches gesagt. Bei vielen Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, ist das eine Sprachhülse. Gabriele Müller aber füllt sie mit ihrem gesamten Leben.

Marco Heinrich

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