Kleine Dinge und das ganz große Geld

171 Experten diskutierten in Haar

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Ein sehr flaches Netz aus Kohlenstoff, das ist das „Wundermaterial“ Graphen.

Zahlen beflügeln unsere Vorstellungskraft nicht immer. Wer hört, dass die Instrumente der in Haar ansässigen Firma attocube kleinste Dinge eine Milliarde Mal vergrößern kann, bekommt keine direkten Assoziationen, um dieses Verhältnis zu verstehen. Also ein kleines Beispiel: Ein Objekt von einem Zentimeter Größe wäre in einer solchen Vergrößerung 10.000 Kilometer lang – die Distanz zwischen München und Singapur. Zum Glück ist ein Zentimeter nicht die Dimension, mit der sich die Firma beschäftigt. Es geht um Erkenntnisse im Bereich der Nano-Technologie. Ein Millionstel eines Millimeters kann angeschaut, analysiert und letztlich verstanden werden. Dazu gab es vergangene Woche in Haar einen Workshop, von dem außerhalb der Wissenschaft kaum jemand etwas mitbekommen hat. Dabei geht es um Technologie und Anwendungen, die unser Leben verändern können.

171 Experten aus 25 Nationen, darunter auch aus Australien und Japan, trafen sich drei Tage lang im kleinen Theater Haar. Unter den Gästen befanden sich renommierte und preisgekrönte Physiker, darunter Prof. Dr. Frank Koppens aus den Niederlanden und Prof. Dr. Dmitri Basov aus den USA. Der Workshop wird in Zukunft alle zwei Jahre stattfinden.

Dabei ging es unter anderem um Graphen. „Das ist wie eine Strumpfhose aus Kohlenstoff mit ganz besonderen Eigenschaften“, erklärt Stefan Schiefer, Geschäftsführer der neaspec GmbH, einer Tochter von attocube: „Graphen ist dünner als Papier, aber fester als Stahl.“ Potenzielle Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig: Autos könnten nur noch zehn Prozent ihres derzeitigen Gewichts wiegen, die Stromerzeugung könnte revolutioniert werden, Quantencomputer könnten Millionen Mal so schnell sein wie heutige Rechner. „Die Ereignisse überschlagen sich, denn die Forschung hat gerade erst angefangen, Materialien wie Graphen zu erforschen. Ich glaube, dass diese Technik die Welt ähnlich verändern kann wie es das Internet getan hat. Potenziell hatten wir bei unserem Workshop viele Nobelpreisthemen dabei“, sagt Schiefer.

Umso bemerkenswerter war während der Veranstaltung, wie die Teilnehmer miteinander diskutierten. In einem Feld, in dem jede Entdeckung Milliarden wert sein kann. „Ich war selbst überrascht, wie offen untereinander gesprochen wurde. Die komplette Welt- elite auf diesem Feld war da, hochkarätige Leute mit entsprechenden Egos. Trotzdem wurden viele Informationen geteilt, um gemeinsam voranzukommen“, freute sich Schiefer. Seine Firma ist an der eigentlichen Forschung nicht beteiligt, Aber in Haar werden die Geräte hergestellt, die das Erforschen von kleinsten Objekten erst ermöglichen. „Die Auflösung, die wir ermöglichen, ist um den Faktor 1000 besser als alles andere, was es auf der Welt gibt“, sagt Schiefer stolz.

In der Forschung selbst spielt Deutschland (und auch Europa) dagegen so gut wie keine Rolle, meint Schiefer: „Die USA und China sind da uneinholbar vorne. In China hat ein einziger Professor gerade eine Milliarde Dollar an Fördergeldern erhalten. In Deutschland diskutieren wir über eine Gesamtförderung von 500 Millionen Euro. Die USA investieren in diese Bereiche das 100- bis 1000-fache“, erzählt Schiefer: „Wir machen den gleichen Fehler wie bei der Software- und Elektrotechnik. Stattdessen hängen wir weiter an unserer Autotechnologie.“

Auch in der Medizin gibt es für die Mikroskope aus Haar Anwendungsgebiete. So kann in einem von Alzheimer gezeichneten Gehirn der Ursprung der Krankheit erforscht werden. „Die erste Frage ist immer: Wie funktioniert der kleinste Baustein? Erst dann können wir das ganze System verstehen“, sagt Schiefer. Dank einer milliardenfachen Vergrößerung geht das nun. Auch für Knochen-Osteoporose kann die Technik den Weg zu neuen Erkenntnissen ebnen. Wenn sich die Experten in zwei Jahren in Haar wieder treffen, wird die Wissenschaft schon mehr als ein paar Schritte weiter sein. Wahrscheinlich weiß dann auch jeder Normalsterbliche, was Graphen ist.

Marco Heinrich

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