Ein ganz neuer Menschentypus: "Der dummgesurfte Autist"

Experten diskutieren in Haar über Online-Suchtverhalten

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Wer Wochen, Monate und Jahre in einer simulierten Welt verbringt, verschmilzt irgendwann mit den künstlich geschaffenen Figuren, den Avataren, in den Spielen.

Digitalisierung first – Bedenken second. So plakatierte die FDP vor der letzten Bundestagswahl. Die Experten sehen das ein wenig anders. Bei einem Symposium diskutierten Mediziner und Philosophen über Auswüchse und Chancen zwischen realer und Online-Welt. Vor allem in Bezug auf Computerspielsucht hatten sie Interessantes zu berichten.

Computerspielsucht ist als Krankheit in Deutschland anerkannt. Auch mit dem Argument, dass eine solche Sucht im Gehirn ähnliche Spuren hinterlässt wie eine Drogensucht. Dr. Bert Te Wildt von der Psychosomatischen Klinik Kloster Dießen wusste von extremen Fällen zu berichten. „In Südkorea gibt es Menschen, die 48 Stunden am Stück Computer spielen, das Leben abseits des Bildschirms komplett aus den Augen verlieren und daran sterben“, erzählte er. Mancher Online-Spieler verbringt ihm zufolge 40.000 Stunden in einem Spiel – das sind umgerechnet drei Jahre Lebenszeit! Wenn solche Menschen sich von ihren Avataren trennen sollen, ist der Weg zum Selbstmordversuch oft nicht weit. Auch jene Menschen, die sie zum Aufhören bewegen wollen, sind dann in Gefahr.

Das sind die extremsten Beispiele, aber so gut wie jeder Elternteil, der ein heranwachsendes Kind zu Hause hat, kennt die Diskussionen um zu viel Zeit vor der Konsole. Untersuchungen zufolge sind in Deutschland immerhin 800.000 Menschen von einer Computerspielsucht betroffen. Bei den 14- bis 16-Jährigen sind es rund vier Prozent. Und natürlich hat die Abhängigkeit Ursachen.

Vor allem Leistungsdruck und Ausgrenzungserfahrungen sind der Trigger, um sein Glück lieber in einem „anderen Leben“ zu suchen. „Einer meiner Patienten sagte einmal zu mir: ‚Ich wäre am liebsten gar kein Mensch.‘ Das zeigt das ganze Ausmaß seiner Verzweiflung“, sagt Bert Te Wildt. Soziale Phobie, Depression, ADHS oder Autismus sind typische Vorerkrankungen, um spielsüchtig zu werden.

Doch auch wer tief im Netz verfangen ist, kann therapiert werden. Über Einzel- und Gruppengespräche und mit einem totalen Verzicht. „Wer sich aus der Computerwelt verabschiedet, muss richtig Trauerarbeit verrichten. In vielen Fällen drucken wir die Avatare aus und verbrennen sie feierlich. Das ist ein heftiger Schritt für die Betroffenen“, sagt Te Wildt. Hinzu kommt, dass die meisten anschließend nichts mit der vielen neuen Freizeit anzufangen wissen. „Wem pro Tag 12 bis 16 Stunden Zeit geschenkt werden, der fällt erstmal.“ Zur Therapie gehören deshalb auch Wege zu körperlichen Erfahrungen in der wirklichen Welt – zum Beispiel beim Klettern oder mit Gartenarbeit. Den totalen Verzicht auf Internet braucht es anschließend nicht, aber Computerspiele sind für immer tabu.

Auch wer nicht süchtig nach Erfahrungen am Bildschirm ist, sollte sich Gedanken über sein Verhalten machen. Philosoph Dr. Andreas Belwe sprach in Haar von einem „homo medialis“ und von „dummgesurften Autisten“. Seiner Meinung nach hat keine Technologie eine Generation so stark beeinflusst wie die Digitalisierung. „Dabei muss man wissen, dass soziale Medien und auch Smartphones nach den gleichen Mustern designt werden wie Glücksspielautomaten. Es geht immer darum, den Nutzer im Griff zu behalten. Wir müssen uns die Frage stellen, wer da wen benutzt: Der Mensch die Maschine oder umgekehrt?“, fragte Belwe. Auch das gerne verwendete Argument, mit der Digitalisierung sehr viele Dinge zeitgleich erledigen zu können, verursacht bei ihm nur ein Schulterzucken: „Studien haben längst gezeigt, dass der Mensch nicht mehr als zwei Dinge parallel machen kann. Wer viel in den Bildschirm schaut, verliert stattdessen die Fähigkeit, sich zu konzentrieren.“

Marco Heinrich


„Einen Leberfleck lässt man ja auch von Experten checken“

Dr. Susanne Pechler leitet die Medienambulanz an der kbo Klinik in Haar. Über mangelnde Arbeit kann sie sich nicht beklagen.

HALLO: Wie viel Zulauf hat Ihre Medienambulanz? Pechler: Wir werden momentan überflutet. Im Schnitt haben wir drei neue Patienten pro Tag.

Warum ist der Andrang gerade jetzt so groß? 

Dr. Susanne Pechler leitet die Medienambulanz in Haar.

Das hat mit den Zeugnissen zu tun. Sie zeigen, was wirklich ist. Und wenn die Leistungen des eigenen Kindes stark abfallen, erscheint auch die stundenlange Nutzung des Internets oder von Spielkonsolen in einem anderen Licht.

Kommen viele Menschen zu Ihnen, die kein wirkliches Problem im medizinischen Sinn haben? 

Ich sage: Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig. Einen Leberfleck lässt man ja auch von Experten checken. So sollten wir mit einem möglichen Suchtverhalten auch umgehen. Innerhalb von ein, zwei Gesprächen können wir sehen, ob ein Problem vorliegt, das einer Therapie bedarf, oder eben nicht. Für Jugendliche unter 18 Jahren haben wir dann auch Kontakte zu entsprechenden Jugendpsychologen.

Machen die Schulen genug, um die Kinder auf die Digitalisierung vorzubereiten – Stichwort: Medienkompetenz? 

Medienkompetenz – das ist auch so ein abstraktes Wort. Oft heißt es nur, dass ein paar Tablets in den Klassenraum kommen. Dabei geht es eher darum: Wie komme ich in dieser digitalen Welt klar? Was gebe ich preis – und was behalte ich lieber für mich? „Prävention“ ist dafür das bessere Schlagwort. Und die brauchen wir an den Schulen unbedingt.


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